Einfluss Pädophiler in der Partei: Grüne kämpfen mit ihrer Vergangenheit

Einfluss Pädophiler in der Partei: Grüne kämpfen mit ihrer Vergangenheit

In den 80er Jahren war bei den Grünen die Gruppe "Schwups" aktiv. Ein Teil von ihr forderte, sexuelle Beziehungen zu Kindern zu legalisieren. Die Grünen wollen den Einfluss der Pädophilen in ihrer Partei nun aufarbeiten.

Mit einer Absage von Bundesverfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle kam der Stein erneut ins Rollen. Deutschlands oberster Jurist weigerte sich, eine Laudatio für Daniel Cohn-Bendit zu halten. Der Europaabgeordnete der Grünen, Ex-Revolutionär, Alt-68er und einstige Mitarbeiter in einem Kinderladen bekam den Theodor-Heuss-Preis am 20. April für seine Verdienste um die Demokratie.

Doch als Cohn-Bendit bei der Preisverleihung aus dem Taxi stieg, wurde er von einer Gruppe von Demonstranten begrüßt, die ihm seine Äußerungen zur Sexualität von und mit Kindern von vor rund 40 Jahren vorhielten. Die Junge Union hatte dazu aufgerufen.

Cohn-Bendit hatte in dem Buch "Der große Basar" beschrieben, wie es ihm "mehrmals passierte, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln". Heute sagt er, diese Szenen seien fiktiv beschrieben, nur eine Provokation gewesen, und nennt seine damaligen Aussprüche zur Sexualität zwischen Kindern und Erwachsenen "einfach unerträglich". In einem "Spiegel"-Interview sagte er: "Wenn man die provokatorische Logik meines Textes im ,Großen Basar' weiterdenkt, kann er von Pädophilen zur eigenen Rechtfertigung benutzt werden." Es gibt keine Vorwürfe von Kindern oder Eltern, mit denen Cohn-Bendit damals zu tun hatte, die ihm missbräuchliche Handlungen ankreiden.

"Wir waren der Meinung, alles muss aus dem Dunkel"

Cohn-Bendit war auch verantwortlich für die Sponti-Zeitschrift "Pflasterstrand", in der immer wieder Artikel von Pädophilen erschienen, unter anderem im Jahr 1978 ein Text, in dem der Autor Sex mit einem sechsjährigen Mädchen beschreibt. "Wir waren der Meinung, alles muss aus dem Dunkel, damit es diskutiert wird", sagt Cohn-Bendit heute dazu.

Im Zuge des offenen Umgangs mit Sexualität, der vor allem von der Studenten- und Sponti-Szene Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre propagiert wurde, versuchten auch Pädophile, ihre Neigungen gesellschaftsfähig zu machen und zu legalisieren. Bei den Grünen waren die Pädophilen seit Parteigründung dabei, wie der "Spiegel" berichtet. In der Gruppe "Schwups", die den offiziellen Status einer Bundesarbeitsgemeinschaft hatte, vereinten sich Schwule, Pädophile und Transsexuelle. Insbesondere die Pädophilen sollen einen größeren Einfluss auf die Partei gehabt haben, als bislang bekannt war.

Am Montag fassten die Grünen im Bundesvorstand den Beschluss, diesen dunklen Teil ihrer Vergangenheit aufarbeiten zu lassen. "Wir wollen genauer wissen, wie lange und in welchem Umfang Gruppen, die völlig inakzeptable pädophile Forderungen nach Straffreiheit für Sexualität von Erwachsenen mit Kindern vertreten haben, innerhalb der Partei wirken konnten", heißt es in dem Beschluss. Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin kündigte an, ein unabhängiger Parteienforscher solle bis Ende des Jahres einen Bericht vorlegen. Trittin räumte auch ein, das Auftreten der "Indianerkommune", wie sich die Pädophilen auch nannten, auf Parteitagen sei unübersehbar gewesen und habe ihn stets genervt. Es habe damals auch "Fehlbeschlüsse" gegeben, sagte Trittin mit Hinweis auf eine Entscheidung des NRW-Landesverbandes im Jahr 1985.

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Der Parteitag verabschiedete damals einen Text, der "gewaltfreie Sexualität mit Kindern" als "für beide Teile angenehm, produktiv, entwicklungsfördernd, kurz: positiv" nannte. Nach heftiger innerparteilicher und öffentlicher Kritik wurde dieser Beschluss von den Kreisverbänden als nicht mehrheitsfähig abgelehnt.

Für die Grünen ist die Vergangenheit, in der auch Pädophile in der Partei geduldet wurden, heikel. Als im Frühjahr 2010 eine Serie von sexuellen Missbrauchsfällen vor allem in kirchlich geführten Schulen und anderen Einrichtungen in den 70er und 80er Jahren bekannt wurde, forderten die Grünen in besonders scharfer Form Aufklärung. Cohn-Bendit war selbst Schüler an der Odenwaldschule, wo es auch Missbrauchsfälle gab. Er besuchte die fortschrittliche Schule allerdings bereits Ende der 50er Jahre. Als die Missbrauchsfälle in den 70er und 80er Jahren geschahen, hatte er die Schule längst verlassen.

CSU will Thema in den Wahlkampf tragen

CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt will das Thema "Sex mit Kindern" in den Wahlkampf tragen. Einen Vorgeschmack bot er bereits bei einer Diskussionsrunde der Parteimanager gestern in der Zentrale der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Der CSU-Politiker bezeichnete Cohn-Bendit als "widerwärtigen Typ", der sich für Pädophilie starkgemacht habe.

Die Grünen-Geschäftsführerin Steffi Lemke konterte daraufhin, dass er ja Cohn-Bendit anzeigen könne, wenn er ihn wirklich für einen Pädophilen halte. "Sex mit Kindern ist strafbar", sagte die Grünen-Politikerin. Zugleich sicherte Lemke eine Aufarbeitung des Umgangs der Grünen in den 80er Jahren mit der Gruppe von Pädophilen in den eigenen Reihen zu. Die Grünen hätten sich aber damals gegen jegliche Pläne gestellt, Pädophilie straffrei zu stellen, sagte Lemke. Diese Haltung sei heute völlig unbestritten.

Dobrindt verlangte daraufhin eine Offenlegung aller Dokumente, die die Auseinandersetzung um das Buch "Der große Basar" von Cohn-Bendit betreffen. Die Dokumente waren 2001 bei der Auflösung des Frankfurter Büros von Cohn-Bendit in das Archiv "Grünes Gedächtnis" gebracht und mit einem Sperrvermerk versehen worden. Sperrvermerke bei Akten sind dann üblich, wenn Interessen Dritter betroffen sind.

Wie die Heinrich-Böll-Stiftung allerdings Anfang Mai mitteilte, wurde der Sperrvermerk aufgehoben. Cohn-Bendit habe erklärt, dass er mit der Freigabe der "einschlägigen Unterlagen" einverstanden sei, hieß es von der den Grünen nahestehenden Stiftung.

(kes / qua)
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