Große Bereitschaft der Bevölkerung für Klimaschutz: Politik muss Augenmaß behalten

Kommentar zur „Grünen Welle“ : Klimaschutz mit Augenmaß

Radikale Maßnahmen für den Umweltschutz finden in breiten Schichten der Bevölkerung Akzeptanz - theoretisch. Die Politik sollte nicht mit Verboten agieren, sondern die vorhandene Bereitschaft zum nachhaltigen Verhalten mit Anreizen aktivieren.

Die Grünen können derzeit Vorschläge machen, die sie jahrelang sich nicht trauten in dieser Deutlichkeit auszusprechen. Sie wollten das Image der Verbotspartei abstreifen, was ihnen auch gelungen ist. Inzwischen hat sich der Zeitgeist gedreht: Radikale Maßnahmen für den Umweltschutz finden in breiten Schichten der Bevölkerung Akzeptanz - theoretisch.

Wie weit die Bereitschaft tatsächlich geht, den persönlichen Komfort einzuschränken, wird sich zeigen, wenn man nicht mehr mit dem Pkw in die Innenstadt kommt, die Versandhandelsprodukte ebenso wie Fleisch teurer werden, man den Kaffee nicht mehr unterwegs trinken und man sich Flugreisen nur noch alle paar Jahre leisten kann. Einen radikalen Umwelt- und Klimaschutz wird jeder Bürger im Alltag spüren - mit Einschränkungen oder höheren Kosten. Erst dann wird sich zeigen, wie nachhaltig der Boom für dieses Thema tatsächlich ist.

In ihrem Wettlauf um die besten und wirksamsten Konzepte sollten die Parteien dem einfachen Rezept widerstehen nur auf schneller, grüner, teurer zu setzen. Politisch steht das Fenster offen, im Dienste des Umwelt- und Klimaschutzes den Bürgern etwas abzuverlangen. Trotz der grundsätzlichen Bereitschaft in der Bevölkerung müssen die Maßnahmen mit Augenmaß umgesetzt werden.

Es ist nur ratsam, bei den Dingen des Alltags auf Anreizsysteme zu setzen: Wer seinen Kaffeebecher für unterwegs mitbringt, sollte den Latte Macchiato preiswerter bekommen. Bei den Plastiktüten funktioniert dieses Prinzip auch schon sehr gut. Seitdem die großen Handelsketten sich die Tüten bezahlen lassen, bringen immer mehr Verbraucher ihre eigenen Beutel mit. Gleiches gilt für den Versandhandel. Es muss nicht gleich ein Verbot her, Retour-Ware zu vernichten. Die Unternehmen könnten aber verpflichtet werden, ihren Umgang mit Retour-Ware gut lesbar beim Kauf oder auf den Rechnungen sichtbar zu machen. Dann kann der Verbraucher entscheiden. Die Deutschen sind nicht ohne Grund Weltmeister im Mülltrennen. Das Bewusstsein für ein nachhaltiges Verhalten ist in der Bevölkerung ausgeprägt. Es muss nur aktiviert werden.

Nur zu begrüßen ist es, dass sich das Hauptaugenmerk auch der Regierungskoalition endlich wegbewegt von einer rückwärtsgewandten Sozialstaatspolitik, die bei der Geldverteilung immer nur auf den nächsten Wahltag schielte und nebenbei ständig neue Begehrlichkeiten weckte. Geld in den Umwelt- und Klimaschutz zu investieren, ist sehr viel mehr auf die Zukunft ausgerichtet. Jetzt  brauchen wir noch eine Volksbewegung für eine rasche Digitalisierung und eine effizientere Bildungspolitik.

(qua)
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