Nach Waffen-SS-Geständnis: Grass will Ehrenbürgerschaft nicht zurückgeben

Nach Waffen-SS-Geständnis: Grass will Ehrenbürgerschaft nicht zurückgeben

Hamburg (rpo). Der Schriftsteller Günter Grass sieht keinen Grund, auf die Danziger Ehrenbürgerschaft zu verzichten. Er habe sich unter schwierigen Bedingungen für eine Versöhnung zwischen Deutschen und Polen stark gemacht, sagte er in einem ARD-Interview. Der Landtags-Kulturausschuss in Sachsen diskutiert derweil, ob Grass wie geplant den Internationalen Brückepreis erhalten soll.

Grass verwies in der am Donnerstagabend ausgestrahlten ARD-Sendung "Wickerts Bücher", dass er sich sehr früh und unter schwierigen Bedingungen für eine Versöhnung zwischen Deutschen und Polen eingesetzt habe. Die Forderung nach Rückgabe der Ehrenbürgerschaft war unter anderem vom früheren polnischen Präsidenten und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa erhoben worden, nachdem der 1927 in Danzig geborene Grass sich zur Mitgliedschaft in der Waffen-SS am Ende des Zweiten Weltkriegs bekannt hatte.

Der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok forderte Grass unterdessen auf, auf die geplante Verleihung des Internationalen Brückepreises der Stadt Görlitz zu verzichten. "Ich finde, Grass muss auf diesen Preis verzichten", sagte Brok der "Bild"-Zeitung. "Auch die Jury sollte über die Verleihung noch einmal nachdenken." Brok begründete seine Aufforderung mit Äußerungen von Grass über die "Spießigkeit" der Ära von Ex-Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU). Das aus Deutschen und Polen zusammengesetzte Komitee des Brückepreises werde auf einer Sondersitzung am 5. September erneut über die für November geplante Verleihung beraten, hieß es in der "Bild" weiter.

Auch der Vorsitzende des Landtags-Kulturausschusses, Robert Clemen (CDU), hat sich klar gegen die Ehrung des Schriftstellers ausgesprochen. "Der Brückepreis ist für Grass der falsche Preis zur falschen Zeit", sagte Clemen der "Leipziger Volkszeitung".

Zur Begründung sagte der CDU-Politiker, die Verleihung könnte das momentan ohnehin schwierige deutsch-polnische Verhältnis weiter belasten. Da die Auszeichnung an Persönlichkeiten verliehen werde, die sich um die Völkerverständigung in Europa in herausragender Weise verdient gemacht hätten, sei eine Ehrung von Grass "das falsche Signal an unsere Nachbarn in Polen und Tschechien". Clemen schlug vor, die Preisverleihung in diesem Jahr auszusetzen oder eine andere Persönlichkeit zu ehren.

  • Fotos : US-Dokument Günter Grass

Auch der sächsische CDU-Generalsekretär und Görlitzer Bundestagsabgeordnete Michael Kretschmer zeigte sich "im höchsten Maße enttäuscht" über die Vergangenheitsbewältigung von Grass. Allerdings riet Kretschmer zur Zurückhaltung im Streit um die Preisverleihung: "Ob Günter Grass den Preis erhalten sollte oder nicht, muss alleine die Fachjury entscheiden."

Zuvor hatte bereits der CDU-Fraktionsvorsitzende des Görlitzer Stadtrats, Michael Hannich, gefordert, in diesem Jahr auf eine Verleihung des Brückepreises zu verzichten. Das lange Schweigen des Schriftstellers über seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS würde das Ansehen des Preises "unwiderruflich schädigen".

Grass soll Bucheinnahmen spenden

Der Bund der Vertriebenen hat den Schriftsteller Günter Grass außerdem aufgefordert, die Einnahmen aus seinem neuen Buch "Beim Häuten der Zwiebel" an Opfer des NS-Regimes in Polen zu spenden. Die Vorsitzende des Vertriebenenbundes, Erika Steinbach (CDU), sagte der "Bild"-Zeitung, Grass' überraschendes Geständnis, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, komme zwar "dem Verkauf seines neuen Buches zugute", beschädige aber das Verhältnis zwischen Deutschland und Polen. Steinbach sagte: "Als Geste der Versöhnung sollte er die Einnahmen aus dem Verkauf seines Buches komplett für die Opfer des Nationalsozialismus in Polen spenden."

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(afp)