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Autor verteidigt sich im TV-Interviw mit Wickert: Grass: "Ich bin mir keiner Schuld bewusst"

Autor verteidigt sich im TV-Interviw mit Wickert : Grass: "Ich bin mir keiner Schuld bewusst"

Berlin (rpo). "Ich war mir auch keiner Schuld bewusst; ich bin zur Waffen-SS gezogen worden, war an keinem Verbrechen beteiligt", verteidigt Literaturnobelpreisträger Günter Grass sein spätes Bekenntnis zur Mitgliedschaft in der Waffen-SS. In einem Fernsehinterview mit Ulrich Wickert stellt sich der Autor dem Streit um seine Vergangenheit.

"Es hat mich immer beschäftigt, es war mir immer präsent, und ich war der Meinung, dass das, was ich tat, als Schriftsteller, als Bürger dieses Landes, was all das Gegenteil dessen bedeutete, was mich in meinen jungen Jahren während der Nazi-Zeit geprägt hat, dass das ausreicht", sagte Grass in der neuen ARD-Sendung "Wickerts Bücher", die am Donnerstagabend ausgestrahlt wird, laut einem Vorabbericht.

Grass betonte weiter, er habe aber immer das Bedürfnis gehabt, eines Tages darüber in einem größeren Zusammenhang zu berichten. "Und das hat sich jetzt erst ergeben, indem ich meine inneren Widerstände überwunden habe, überhaupt autobiografisch zu schreiben und diese meine jungen Jahre zum Thema gemacht habe."

Wegen der aktuellen Debatte wurde die Veröffentlichung von Grass' Erinnerungsbuch "Beim Häuten der Zwiebel" vom 1. September auf Mittwoch vorgezogen. Beim Internethändler Amazon war das Werk bereits auf Platz eins der Vorbestellungen geschnellt.

Mit dem Vorwurf, seine Glaubwürdigkeit als moralische Instanz verloren zu haben, müsse er leben, sagte Grass dem Radiosender NDR Kultur. Seine politischen Ansichten werde er aber nicht zurücknehmen. Zudem werde er sich "weiterhin als Schriftsteller wie auch als Bürger äußern." Den Vorwurf, er habe einer Veröffentlichung der Akten zuvorkommen wollen, wies er zurück. Er habe bereits vor drei Jahren mit seinem Buch begonnen und habe sich "unter keinerlei Druck durch Veröffentlichung bei Behörden gesehen".

Wickert ergreift Partei

ARD-Moderator Ulrich Wickert stellt sich hinter den Schriftsteller: "Ich finde es schon sehr problematisch, dass man die Waffen-SS als Symbol für die Gräuel der Nazis ohne Umstände auf die Person Grass überträgt", sagte Wickert dem Berliner "Tagesspiegel". Grass habe nichts mit den Massakern von Oradour und Lidice zu tun. "Und jetzt sieht es manchmal so aus, als hätte Grass das mitgetragen. Das ist meines Erachtens nicht erlaubt."

Mit Blick auf das jahrelange Schweigen Grass' sagte Wickert, der 78-Jährige habe sich nicht "selbst einen Maulkorb verpasst". Vielmehr habe es "eine Kultur des Schweigens" gegeben. Grass selbst stelle sich jedoch die Frage, warum er so lange nichts gesagt habe.

In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" betonte Wickert, er habe das Interview mit Grass nicht als Freund, sondern als Journalist geführt. Grass sei "verwundert", dass gerade die Teile des Buches über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS so viel Aufmerksamkeit bekämen, weil er selbst andere Dinge wichtiger finde.

Grass hatte in der vergangenen Woche offenbart, dass er im Zweiten Weltkrieg als Jugendlicher Mitglied der Waffen-SS war. Seitdem reißen die Reaktionen, die von Empörung bis Unterstützung reichen, nicht ab. Dabei waren auch Vorwürfe laut geworden, Grass' spätes Bekenntnis sei gezielte Werbung für sein neues Buch.

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(afp)