Während seiner Dienstzeit keinen Schuss abgefeuert: Grass, der Waffen-SS-Mann

Während seiner Dienstzeit keinen Schuss abgefeuert: Grass, der Waffen-SS-Mann

Düsseldorf (RP). Während seines Dienstes bei der nationalsozialistischen Kampftruppe musste Günter Grass keinen Schuss abgeben. Das schreibtder 78-jährige Schriftsteller in seiner Autobiografie, die in weiten Strecken einem Armutszeugnis gleicht.

Biografien über den Nobelpreisträger Günter Grass gibt es so reichlich wie Sand in der Danziger Bucht. Und mit unschöner Regelmäßigkeit, die in ihrer Penetranz als steinerne Wahrheit daherkommt, wird in ihnen die Rolle des Dichters in den letzten Kriegswochen so bezeichnet: Er war Flakhelfer, Flakfhelfer, Flakhelfer. Wer mochte da widersprechen - auch angesichts des Alters von gerade einmal 17 Jahren? Nun, einer tat‘s, der es wie kein zweiter besser wissen musste: Günter Grass selbst.

Erst durch ihn also wissen wir: Alles bloß Lüge. Der Flakhelfer war ein Mann der Waffen-SS. Das ist Betrug und Selbstbetrug zugleich. Und dass Grass das weiß und auch verachtet, steht in seiner Autobiografie, die am 1. September erscheinen und dann seinen Lesern wohl auch zur moralischen Prüfung vorgelegt werden wird. Die Frage muss lauten: Ist dem Lügner denn jetzt zu glauben?

Eine gerechte Antwort darf auf Zweifel nicht verzichten, zumal Grass selbst sich und seinen Erinnerungen nicht so recht über den Weg traut. Denn die Autobiografie wird an diesem heiklen Punkt zur schmerzhaften Selbstbefragung: "Erschreckte mich, was damals im Rekrutierungsbüro unübersehbar war, wie mir noch jetzt, nach über sechzig Jahren, das doppelte S im Augenblick der Niederschrift schrecklich ist?"

"Kein schöner Land zu dieser Zeit"

Die ausbleibende Antwort lässt Ehrlichkeit vermuten und wird zum Bekenntnis: Dass die doppelte Rune am Uniformkragen ihm "nicht anstößig" ist, bedeutet Grass, dem beinahe 80-Jährigen, Schuld und "Schande".

Der, der da in der rapide zunehmenden Trümmerlandschaft des Dritten Reichs zuversichtlich "Kein schöner Land zu dieser Zeit" singt, hat damals nach eigenen Worten "den Glauben an den Führer" noch längst nicht verloren. Außerdem: Ging von der Waffen-SS nicht auch etwas Europäisches aus? Schließlich mordeten unter dieser Fahne freiwillig Franzosen, Wallonen, Flamen, Holländer, Norweger und Dänen und neutrale Schweden sogar, wie Grass aufzählt.

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Da rattert plötzlich das Gedächtnis des Erzählers ganz famos und wird Wissen zum vermeintlichen Freispruch mobilisiert. Grass weiß es und schreibt es auch in seiner Autobiografie: "Also Ausreden genug. Und doch habe ich mich über Jahrzehnte hinweg geweigert, mir das Wort und den Doppelbuchstaben einzugestehen. Was ich mit dem dummen Stolz meiner jungen Jahre hingenommen hatte, wollte ich mir nach dem Krieg aus nachwachsender Scham verschweigen. Doch die Last blieb, und niemand konnte sie erleichtern."

"Wirrnis in Köpfen"

Der SS-Mann Günter Grass musste nicht mehr schießen, seine Taten im Kriegseinsatz schienen sich nach dessen Angaben vielmehr darauf zu beschränken, das eigene Leben zu retten. Wahrscheinlich ist das ein gar nicht so seltener Lebenslauf für einen Vertreter jener Generation - auch für die "Wirrnis in Köpfen unter kurzgehaltenem Haar".

Für einen, der heute noch mit Scham sich im Buch an jenen Rekruten erinnert, der einfach Widerstand leistete, indem er die Waffe nicht anrührte mit der Bemerkung: "Wir tun so was nicht." Der Verweigerer wanderte schließlich ins KZ und wurde dem jungen Grass damals kein Vorbild. Es sind späte und schmerzliche Erinnerungen.

Der Hobbykoch Grass bedient sich dafür einer grundlegenden Tätigkeit: "Beim Häuten der Zwiebel" heißt das Buch und trägt Schicht für Schicht ab, was das Leben dem Schriftsteller zueignete. Er selbst findet dabei die braunen Blätter und weiß, wie ungenießbar sie sind: "Aber behauptete Unwissenheit konnte meine Einsicht, einem System eingefügt gewesen zu sein, das die Vernichtung von Millionen Menschen geplant, organisiert und vollzogen hatte, nicht verschleiern. Selbst wenn mir tätige Mitschuld auszureden war, blieb ein bis heute nicht abgetragener Rest, der allzu geläufig Mitverantwortung genannt wird. Damit zu leben ist für die restlichen Jahre gewiß."

Die Wahrheitssuche von Günter Grass ist ein Armutszeugnis. Aber nichts scheint angemessener zu sein als dies. Denn "beim Häuten der Zwiebel", das weiß jeder noch so unbedarfte Küchenknecht, bleiben am Ende immer nur: Tränen.

Hier geht es zur Infostrecke: Was Leser zum Geständnis von Günter Grass sagen

(alfa)
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