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Bundeswehreinsatz in Afghanistan: Gibt es Mängel an Ausrüstung und Ausbildung?

Bundeswehreinsatz in Afghanistan : Gibt es Mängel an Ausrüstung und Ausbildung?

Berlin (RPO). Nach dem tödlichen Anschlag auf die Bundeswehr in Afghanistan rücken Mängel bei Ausrüstung und Ausbildung der Soldaten ins Zentrum der Kritik. Der scheidende Wehrbeauftragte des Bundestages, Reinhold Robbe, machte am Dienstag auf das Fehlen von Fluggerät aufmerksam. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Ruprecht Polenz, sagte, man werde den Vorwürfen nachgehen. Unterdessen hat der designierte Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus, den Einsatz von schweren Kampfpanzern und Mörsergranaten in Afghanistan gefordert

Als "militärische Laien" müssten sich Politiker allerdings auf das Urteil des Militärs bei der Frage verlassen, was an Ausrüstung gebraucht werde, sagte Polenz weiter.

Der drei am 2. April in Kundus getöteten Soldaten soll voraussichtlich am Freitag auf einer Trauerfeier gedacht werden, zu der auch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg erwartet wird. Die Ehrung soll in der Kaserne der Luftlandebrigade 31 in Seedorf bei Zeven stattfinden, der die drei Soldaten angehörten, wie ein Bundeswehrsprecher mitteilte. Der Bundeswehrverband zeigte sich tief erschüttert über den Tod der deutschen Soldaten.

Trauerfeier am Freitag

Zu den Ausrüstungsmängeln sagte Robbe im WDR: "Es fehlt insbesondere an Transportflugzeugen, an Hubschraubern." Das hänge auch mit Lieferschwierigkeiten der Industrie zusammen. Der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold nannte im NDR das Fehlen von Kampfhubschraubern ein "markantes Defizit". Kampfhubschrauber können in kritischen Situationen sehr schnell am Einsatzort sein, um den Soldaten am Boden beizustehen.

Der CDU-Politiker Polenz sagte im ZDF-Morgenmagazin, er gehe grundsätzlich davon aus, dass die Bundeswehr-Soldaten im Einsatz gut ausgebildet und gut ausgerüstet seien: "Und ich finde, die Politik ist auch gut beraten, wenn sie sich jetzt nicht hier als Ersatz-Feldherr aufspielt, sondern sich auf das Urteil und natürlich auch auf die Forderungen der Militärs verlässt." Ihm sei nicht bekannt, dass konkrete Forderungen der Bundeswehr nach Ausrüstung bislang nicht berücksichtigt worden seien.

Der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, kritisierte allerdings in der "Sächsischen Zeitung" scharf, dass nötige Ausrüstung "immer zu spät, halbherzig und inkonsequent" zur Verfügung gestellt werde. Das sei ungeheuerlich.

Neuer Wehrbeauftragter will Kampfpanzer in Afghanistan

Der designierte Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus, hat den Einsatz von schweren Kampfpanzern und Mörsergranaten zum besseren Schutz der Bundeswehr in Afghanistan gefordert. "Die Bundeswehr müsste einige der Leopard 2-Kampfpanzer nach Kundus schaffen, die hier in Deutschland in Depots stehen", sagte der FDP-Politiker dem in Berlin erscheinenden "Tagesspiegel" (Mittwochsausgabe).

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Der Kampfpanzer Leopard 2 sei besser gegen Minen geschützt als leichtere Panzer wie der "Marder" oder Patrouillenfahrzeuge wie der "Dingo" und habe zudem eine abschreckende Wirkung gegen Taliban-Angriffe. "Wer in das Kanonenrohr eines Leopard 2 schaut, überlegt sich zwei Mal, ob er einen deutsche Patrouille angreift", meinte Königshaus, der sein neues Amt als Nachfolger von Reinhold Robbe ab dem 1. Mai antreten wird.

Der Bundeswehr stehe in Afghanistan nicht alles Gerät zur Verfügung, das sie zum eigenen Schutz brauche, meinte der Wehrbeauftragte. So fehlten neben gut geschützten Fahrzeugen Hubschrauber, Mörsergranaten und moderne Aufklärungssysteme. Das Fehlen deutscher Hubschrauber könne allerdings durch amerikanische Maschinen ausgeglichen werden

Bundeswehr gegen Einsatz von Kampfpanzer

Mit deutlichen Worten hat die Bundeswehr der Forderung des designierten Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus (FDP) nach Einsatz des Kampfpanzers "Leopard 2" in Afghanistan widersprochen. "Der Einsatz des Leopard in Afghanistan wäre eindeutig das falsche Signal an die Bevölkerung", sagte ein Sprecher des Heeres am Dienstag dem Internetportal "Spiegel Online". "Wir würden auftreten wie Besatzer, die das Land okkupieren und nicht gemäß unserem Auftrag die Bevölkerung schützen."

Eine solche Besatzersymbolik sei "nicht mit dem politischen Auftrag der Bundeswehr zu vereinbaren", argumentierte der Sprecher weiter. Außerdem sei der "Leopard 2" wegen der geographischen Gegebenheiten im Norden Afghanistans nicht für den Einsatz geeignet. Die Gassen der Dörfer seien zu eng für die großen Panzer. Und die meisten Brücken dort würden der Last der bis zu 60 Tonnen schweren Fahrzeuge nicht standhalten.

Gefechtssituationen nicht ausreichend trainiert

Robbe kritisierte in der "Bild"-Zeitung zudem Mängel bei der Ausbildung der Soldaten. "Ich habe die Fallschirmjäger in Seedorf anlässlich ihrer Verabschiedung in den Afghanistan-Einsatz besucht", sagte der SPD-Politiker. "Die Soldaten haben mich darauf hingewiesen, dass es Defizite bei der Ausbildung gibt."

Die von dem Vorfall betroffenen Fallschirmjäger aus Seedorf hätten in der Ausbildung nicht genügend Fahrzeuge der Typen "Dingo" und "Fennek" gehabt, sagte Robbe. Deswegen hätten sie wichtige Gefechtssituationen nicht ausreichend trainieren können. Bei dem schweren Gefecht am Karfreitag kam es demnach zu einer solchen Situation, in der Bundeswehrsoldaten unter Beschuss ihre Fahrzeuge vom Typ "Dingo" verlassen mussten.

Die Linke sprach von einer "Scheindebatte" über Ausbildung und Ausrüstung der Bundeswehr. Sie solle vom Versagen der bisherigen Afghanistan-Politik der Bundesregierungen seit 2001 ablenken, erklärte der Abgeordnete Paul Schäfer.

Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin forderte "eine unabhängige Evaluierung des Einsatzes, die schnelle und zügige Behebung der Defizite im zivilen Bereich und einen konkreten Abzugsplan".

Der verteidigungspolitische Sprecher der Grünen, Omid Nouripur, fordert von der Bundesregierung die Vorlage einer umfassenden Sicherheitsanalyse für den Raum Kundus. "Ohne eine solche Bestandsaufnahme haben wir keine Möglichkeit, die Wirksamkeit des dortigen Bundeswehreinsatzes einzuschätzen", sagte Nouripur der "Frankfurter Rundschau". Die Wirksamkeit des Einsatzes sei aber wichtig, um den Afghanen so schnell wie möglich die Verantwortung für die Sicherheit im Land übertragen zu können. "Jetzt ist der Verteidigungsminister gefordert", sagte Nouripur.

Verständnis für Karsai-Äußerungen

Für die umstrittene Rede des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai äußerte Polenz Verständnis. Er befand es für "schon richtig", dass Karsai sich darum bemühe, vor einer größeren Nato-Operation in Kandahar die Zustimmung der afghanischen Bevölkerung zu gewinnen.

Karsai wurde von einem afghanischen Abgeordneten auch mit den Worten zitiert, "wenn ich unter ausländischen Druck komme, könnte ich mich den Taliban anschließen". Trittin sagte im Südwestrundfunk, der afghanische Präsident habe ein "legitimes Mitspracherecht" bei der angekündigten Großoffensive.

(apd/ots/ddp/felt)