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Bundespräsidentenwahl: Gesine Schwan — die isolierte Kandidatin

Bundespräsidentenwahl : Gesine Schwan — die isolierte Kandidatin

Berlin (RP). Die SPD-Bewerberin für das Bundespräsidentenamt, Gesine Schwan, hat kaum noch eine Chance. Selbst führende SPD-Politiker rücken intern von ihr ab. Die emsige Politologin kämpft dennoch weiter.

Das Lachen bleibt. So schnell lässt sich Gesine Schwan, Kandidatin der SPD für das Amt der Bundespräsidentin, ihre unprätentiöse Fröhlichkeit nicht nehmen. Bei der Vorstellung ihres neuen Buchs "Woraus wir leben” im Berliner Kulturzentrum "Urania” gestern Abend scherzt sie gut gelaunt mit SPD-Chef Franz Müntefering und den zahlreichen Unterstützern, die in den Berliner Westen gekommen sind.

Schwans Kandidatur ist fast aussichtslos

Die 65-jährige Politologin spricht über "das Persönliche und das Politische”. Es ist Schwans Leib- und Magenthema. Lust machen auf Politik und Demokratie will sie. Mit Leidenschaft wirbt sie seit Monaten für ihr Anliegen. Helfen wird es nicht. Schwans Kandidatur gegen den im Volk populären Horst Köhler ist fast aussichtslos. Nach den Landtagswahlen in Bayern und Hessen verfügen Union und FDP in der Bundesversammlung über 606 Stimmen. Zur absoluten Mehrheit fehlen nur sieben Stimmen, die die Freien Wähler aus Bayern bereits für Köhler in Aussicht gestellt haben.

Zu einem Kennenlern-Gespräch zwischen den Bayern und Gesine Schwan ist es bis heute nicht gekommen. Auch in der eigenen Partei wird es um die einst von ihren Studenten liebevoll "Schwänin” gerufene Politikwissenschaftlerin einsam. "Wir müssen da jetzt durch”, sagte ein Mitglied der Parteispitze vor einigen Tagen herablassend. Auf Schwans jüngster "Ich-kämpfe-weiter”-Pressekonferenz im Willy-Brandt-Haus ließ sich bezeichnenderweise kein SPD-Politiker blicken. Mit potenziellen Verlierern geht man nicht gerne aufs Foto.

Schon bei der "Inthronisierung" keine Chance

Besonders bitter für die charmante, lebensfrohe Kandidatin, die im direkten Gespräch so überzeugend und gewinnend sein kann: Jetzt, wo der Sieg unmöglich erscheint, streuen die innerparteilichen Gegner besonders gerne, dass Schwan ja schon bei ihrer "Inthronisierung” auf der SPD-Klausur in Brandenburg im Mai 2008 kaum Unterstützung hatte. Nur die SPD-Linke Andrea Nahles und der Altvordere Erhard Eppler hätten sich für sie ausgesprochen, heißt es.

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Steinmeier, Platzeck, Heil, Steinbrück, Struck, ja selbst der geachtete Ex-Parteichef Hans-Jochen Vogel waren skeptisch ­ vor allem aus Sorge um eine Linkspartei-Debatte, denn Schwan braucht die Stimmen der Linken, will sie gewählt werden. "Aber Schwan hat uns damals alle bequatscht. Und Kurt Beck ist weich geworden”, schimpft ein Klausur-Teilnehmer heute.

Der damalige Parteichef Beck hatte noch kurz vorher verkündet, dass eine Entscheidung Köhlers für eine zweite Amtszeit für die SPD eine "gewichtige Rolle” spielen werde. Persönlich schätze er ihn "sehr”, so Beck. Als einige SPD-Abgeordnete und Schwan selbst später "Lust” auf die Kandidatur verspürten, war alles vergessen. Nun gilt die Devise: Augen zu und durch. In der Parteispitze wird eine Niederlage Schwans als "unbedeutend” für den Jahresverlauf bewertet.

Selbst im linken Lager herrscht Gleichgültigkeit

Selbst im linken Lager, das nicht eben Köhler-freundlich ist, herrscht Gleichgültigkeit. "Schwan wollte die Kandidatur. Dann mal los”, spöttelt Björn Böhning, Sprecher der SPD-Linken. Parteichef Müntefering lässt sich nichts anmerken. Bei der Buchvorstellung gestern lobt er Schwans Positionen. Doch sind diese zugleich die Crux der Kandidatur. Die Professorin spricht über Politik und Vertrauen, den tiefen Sinn einer demokratischen Kultur, Gemeinsinn als Gegenmodell zu Parteitaktik und Ich-AG.

Doch attackiert die gleiche Gesine Schwan den Amtsinhaber in bester Wahlkampfmanier als demokratieschädlich. Das mögen die Deutschen nicht. Selbst 60 Prozent der SPD-Anhänger attestieren CDU-Mitglied Köhler laut Emnid-Institut eine "überparteiliche” Amtsführung. Wozu Schwan?

Köhler lehnt TV-Duell ab

Hinzu kommt: Nicht die Sozialdemokratin punktet in der Wirtschaftskrise, sondern der Ex-Sparkassenpräsident Horst Köhler. Dass sich Köhler schon als Präsident des Weltwährungsfonds 2001 für eine schärfere Regulierung der Finanzmärkte einsetzte, ist nachzulesen. Und Banker maßregeln kann der Ökonom auch, wie er jüngst in Frankfurt zeigte. Ein TV-Duell, von Schwans Umfeld forciert, um die Popularitätswerte zu steigern, lehnt Köhler ab. Immerhin: Schwan kann verlieren. Niederlagen nehme sie nicht persönlich, sagt sie. Das könnte am 23. Mai helfen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Gesine Schwan, die streitbare Kandidatin