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Nach dem emotionalen Auftritt mit dem Kanzlerkandidaten: Gertrud Steinbrück ist der neue SPD-Liebling

Nach dem emotionalen Auftritt mit dem Kanzlerkandidaten : Gertrud Steinbrück ist der neue SPD-Liebling

Neues im sozialdemokratischen Wahlkampf: Die Strategen planen einen Auftritt des Kanzlerkandidaten, und hinterher sagen alle, die Aktion sei gelungen. Die Überraschung verdankt Peer Steinbrück seiner Frau. Bringt sie die Wende?

Am Tag eins nach dem emotionalen Auftritt von Peer Steinbrück und seiner Frau beim kleinen Parteitag der SPD ist die Stimmung in der Berliner Parteizentrale gut. Unter den Mitarbeitern im Willy-Brandt-Haus gibt es kaum ein anderes Thema. "Ich habe mich in einigem von dem wiedergefunden, was Frau Steinbrück gesagt hat", sagt eine Mitarbeiterin.

Auch Generalsekretärin Andrea Nahles lächelt selig, als die Sprache bei der Pressekonferenz nach der Präsidiumssitzung endlich auf Gertrud Steinbrück kommt. "Sie hat mich überrascht. Die Frau ist ja eine echte Granate", sagt Nahles.

Sie habe nur positive E-Mails und SMS aus der Basis nach dem Auftritt erhalten. "Gertrud", so viel steht am Anfang dieser neuen Wahlkampfwoche fest, ist der neue Liebling der SPD. Nun hoffen die Parteistrategen, dass Frau Steinbrück noch für weitere Termine im Wahlkampf zur Verfügung steht. Feste Vereinbarungen gibt es noch nicht.

Der Kandidat zeigt Gefühle

Auf den Fluren der Parteizentrale ist man froh, dass am Sonntag ein anderes Bild des Kanzlerkandidaten in der Öffentlichkeit präsentiert wurde als in den vergangenen Monaten. Es war auch das erste Mal im Wahlkampf, dass ein Auftritt exakt die Wirkung hatte, die sich die Strategen versprochen hatten. Auch wenn Steinbrücks Tränen für alle überraschend kamen.

Im öffentlichen Talk mit seiner Ehefrau zeigte der frühere Finanzminister Gefühle. Seine Frau schilderte, wie gut und frei das Leben für das Ehepaar vor der Kandidatur war. Sie erklärte auch, wie schwer es für sie zu ertragen sei, dass in der Öffentlichkeit stets nur der harte, kantige, unwirsche Steinbrück dargestellt werde.

Nach dieser leidenschaftlichen Erklärung seiner Frau war der Kanzlerkandidat zu Tränen gerührt. Er brauchte einige Minuten, bis er sich wieder gefasst hatte und die nächsten Fragen beantworten konnte. Der Parteitag überbrückte den Moment von Steinbrücks Sprachlosigkeit mit stehendem Applaus.

Mit dieser Szene, von der viele Sozialdemokraten hoffen, dass sie als Wendepunkt in Steinbrücks bisher pannenreichem Wahlkampf in die Geschichte eingeht, ist seine Frau Gertrud zur Wahlkämpferin geworden. Die schlagfertige Biologie-Lehrerin, die seit 1975 mit Steinbrück verheiratet ist, wollte sich eigentlich aus dem Wahlkampf heraushalten. Nun ist sie mittendrin.

Keine Ahnung von Flora und Fauna

Über den Kurznachrichtendienst Twitter kommt die spontane Reaktion "Wir wählen dem Peer seine Frau ihren Mann". Diese sprachlich gewagte Einlassung machte auch schon 2005 die Runde. Damals hieß es "Wir wählen Doris ihren Mann seine Partei" mit Bezug auf Doris Schröder-Köpf, die sich gerne und offensiv für ihren Mann engagierte.

Schröder-Köpf zog ihre Beliebtheit daraus, dass sie es als ehemalige Journalistin verstand, mit der Öffentlichkeit professionell zu kommunizieren. Gertrud Steinbrück, eher der altmodische Lehrerinnen-Typ, punktete hingegen mit ihrer völlig unverblümten Art.

Als witzig und zuverlässig schilderte sie ihren Mann, hielt aber auch nicht damit hinterm Berg, dass er ein "Sturkopf" und manchmal "lernunwillig" sei. "Er kann heute noch keine Amsel vom Star unterscheiden", tadelte die promovierte Biologin und eröffnete damit auch den Blick auf ein Eheleben, in dem jeder seine Eigenständigkeit pflegt: Er hat keine Ahnung von Flora und Fauna. Sie kokettiert damit, dass sie wenig von Politik verstehe. Im Steinbrück'schen Kosmos passt das gut zueinander.

"Her Sauer ist auch keine Landesmutter"

Gertrud Steinbrück hat drei Kinder großgezogen und die meiste Zeit als Biologie-Lehrerin gearbeitet. Nach einer längeren beruflichen Pause war es ihr Mann, der sie dazu drängte, in den Beruf zurückzukehren. Auch das gibt sie unumwunden zu: Es sei nicht leicht gewesen, sich sagen zu lassen, sie solle wieder arbeiten gehen, da sie sich gerade als Hausfrau und Mutter eingerichtet hatte.

Die Rolle als Frau an seiner Seite ist ihr nicht auf den Leib geschnitten. Als Steinbrück Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen war, nahm sie nur jene Termine wahr, bei denen ein Ministerpräsident mit Gattin aufkreuzen sollte. Den Begriff "Gattin" mag sie auch nicht: "Ist mir zu biologisch."

Und wenn ihr Mann dann doch im Kanzleramt landen sollte? Dann wird sie sich möglicherweise bei Joachim Sauer, dem Ehemann der Kanzlerin, bedanken. "Herr Sauer ist auch keine Landesmutter, daher ist das Feld frei."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Peer Steinbrück kämpft mit den Gefühlen

(qua)