Generaldebatte: Angela Merkel verteidigt wachsenden Wehretat

Merkel verteidigt in Generaldebatte wachsenden Wehretat: „Es geht nicht um Aufrüstung, sondern um Ausrüstung“

Erstmals hat die AfD eine Generalaussprache im Bundestag eröffnet und gleich für einen Eklat gesorgt. Die Kanzlerin ließ sich davon aber nicht beirren - und verteidigte den wachsenden Wehretat.

„Es geht nicht um Aufrüstung, sondern ganz einfach um Ausrüstung“, sagte Angela Merkel am Mittwoch bei den Haushaltsberatungen im Bundestag. Sie hob gleichzeitig die Anstrengungen ihrer Regierung hervor, weiter auf neue Schulden zu verzichten. „Das ist alles andere als selbstverständlich.“

Dennoch gibt es weiter Streit, da die SPD sich gegen Forderungen nach noch stärkere Erhöhungen sperrt. Für 2018 sind bislang 38,5 Milliarden Euro an Verteidigungsausgaben vorgesehen, für das kommende 41,5 Milliarden Euro. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen möchte, dass ihr Etat mittelfristig auf 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigt - das wären rund 60 Milliarden Euro jährlich.

Die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel handelte sich als Auftaktrednerin der Generaldebatte eine Rüge von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) ein. Die 39-Jährige hatte die Einwanderungs- und Asylpolitik der Bundesregierung angegriffen und gesagt: „Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse werden unseren Wohlstand, das Wirtschaftswachstum und vor allem den Sozialstaat nicht sichern.“

Schäuble sagte dazu, damit diskriminiere sie alle Frauen, die ein Kopftuch trügen. „Dafür rufe ich Sie zur Ordnung.“ Aus dem Plenum waren Buh- und Pfui-Rufe zu hören. Es war das erste Mal, dass die AfD als größte Oppositionspartei eine Generaldebatte im Bundestag eröffnen durfte.

Große Koalition will Bürger entlasten

Am Dienstag hatte Finanzminister Olaf Scholz (SPD) den Bundeshaushalt bereits gegen massive Kritik von AfD, FDP, Grünen und Linken in den Bundestag eingebracht. Bei den Ausgaben von 341 Milliarden Euro ist der Etat für Arbeit und Soziales mit 139,8 Milliarden Euro der größte Posten. Bis Anfang Juli soll der Bundestag das Zahlenwerk beschließen - in der Regel wird er noch in den Parlamentsberatungen verändert.

Die große Koalition von Union und SPD will mindestens 46 Milliarden Euro bis 2021 investieren, etwa in Bildung, Wohnungsbau und schnelleres Internet. Die Bürger sollen zudem entlastet werden, etwa durch ein Abschmelzen des Solidaritätsbeitrags, geringere Krankenkassen- und Arbeitslosenversicherungsbeiträge und mehr Kindergeld.

Rückendeckung für Seehofer

Merkel verteidigte zudem Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) in der Bremer Asylaffäre gegen Kritik der SPD. Es sei "schon ein bisschen komisch", Seehofer nach nicht einmal hundert Tagen im Amt vorzuwerfen, er habe "die Sache nicht im Griff", sagte Merkel am Mittwoch im der Generaldebatte im Bundestag. "Unter Koalitionsfreunden wollte ich das nur mal angemerkt haben."

Zuvor hatte der SPD-Obmann im Innenausschuss des Bundestags, Burkhard Lischka, Seehofer wegen der Affäre in der Bremer Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) scharf kritisiert. Im April war bekannt geworden, dass die ehemalige Leiterin der Außenstelle in Bremen in 1200 Fällen Asylanträge zu Unrecht bewilligt haben soll. Gegen sie und fünf weitere Beschuldigte, darunter ein Dolmetscher und drei Anwälte, wird deshalb ermittelt.

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Kritik am Ausstieg aus Atomabkommen

Den Ausstieg der USA aus dem Iran-Abkommen kritisierte Merkel erneut deutlich, betonte aber gleichzeitig die Bedeutung der transatlantischen Beziehungen. „Trotz aller Schwierigkeiten, die wir in diesen Tagen haben, sind und und bleiben die transatlantischen Beziehungen von herausragender Bedeutung“, sagte die CDU-Vorsitzende.

Die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump und der Abschied vom Abkommen zur Verhinderung einer iranischen Atombombe hatte vergangene Woche eine Debatte darüber ausgelöst, wie viel das Bündnis zwischen Europa und Nordamerika noch wert ist. Merkel betonte die Bedeutung der Einbindung Deutschlands in die Nato und in die Europäische Union. „Ein Land alleine kann mit Sicherheit Sicherheit nicht garantieren“, sagte sie.

Die Frage nach den EU-Finanzen

Merkel zeigte sich sicher, dass der Streit über die EU-Reformen bis zum nächsten Gipfel gelöst werden kann. „Wir werden bis zum Junirat darüber auch Einvernehmen erzielen“, sagte sie. Der französische Präsident Emmanuel Macron hatte jüngst Deutschland einen zu strikten Sparkurs und mangelnden Mut bei der Reform Europas vorgeworfen. Bei der Entgegennahme des Karlspreises in Aachen forderte Macron die Bundesregierung zu höheren EU-Ausgaben auf und kritisierte einen „Fetischismus“ für Budget- und Handelsüberschüsse.

Merkel sagte mit Blick auf die deutschen Finanzen: „Der Finanzminister ist großzügig, aber irgendwie gelten auch für ihn die Grundrechenarten.“ Deutlich mehr in den europäischen Haushalt und in den der Eurozone einzuzahlen und trotzdem die Stabilitätskriterien einzuhalten, sei „natürlich nicht ganz einfach“.

Die EU-Kommission hat für den Zeitraum von 2021 bis Ende 2027 insgesamt Mittel in Höhe von 1279 Milliarden Euro eingeplant. Nach Angaben von EU-Haushaltskommissar Günther Oettinger würde dies für Deutschland eine Mehrbelastung von elf bis zwölf Milliarden Euro bedeuten, auch wegen des EU-Austritts Großbritanniens, das als Beitragszahler dann ausfällt. Bundesfinanzminister Scholz lehnt das als zu viel ab, er nannte zuletzt eine Größenordnung von 10 Milliarden Euro pro Jahr, die man „ungefähr bewältigen“ könne.

"Alle Hilfebudgets sind dramatisch defizitär"

Merkel forderte zudem eine Neuorientierung der Entwicklungshilfe. "Die klassische Entwicklungshilfe alleine reicht nicht aus", sagte Merkel am Mittwoch in Berlin. Europäische Entwicklungspolitik sei teils ineffizient und der internationalen humanitären Hilfe - ein wichtiger Baustein zur Verringerung von Fluchtursachen - fehlten Mittel.

"Alle Hilfebudgets sind dramatisch defizitär", sagte Merkel mit Blick UN-Organisationen wie das UN-Flüchtlingshilfswerk. Das müsse sich ändern.Zugleich warb Merkel für bessere Investitionsbedingungen in Entwicklungsländern etwa auf dem afrikanischen Kontinent.

(das/dpa/KNA/AFP)
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