Nach Geheimtreffen in Potsdam Die Neue Rechte und der Düsseldorfer Zahnarzt

Analyse | Düsseldorf · Das „Geheimtreffen“ von Rechtsradikalen in der Nähe von Potsdam hat bundesweit für Empörung gesorgt. Was hat die sogenannte Neue Rechte mit dem Treffen zu tun? Was will sie? Und wie passt da ein Düsseldorfer Zahnarzt rein?

In diesem Gästehaus in Potsdam haben sich die Rechtsextremen laut Correctiv getroffen.

In diesem Gästehaus in Potsdam haben sich die Rechtsextremen laut Correctiv getroffen.

Foto: dpa/Jens Kalaene

„Ich bin seit meinem sechsten Lebensjahr dabei“, soll Gernot Mörig laut dem Recherchenetzwerk Correctiv bei dem mittlerweile berüchtigten Treffen in der Nähe von Potsdam gesagt haben. Über viele Jahre muss der ehemalige Zahnarzt mit einer Praxis in Düsseldorf-Oberkassel und rechtsextreme Drahtzieher sich eine Fassade aufgebaut haben. Menschen, die ihn kannten, zeigen sich zumindest schockiert über die Enthüllungen. Wie umfangreich sein „bürgerliches“ Netzwerk war und ist, zeigt auch, dass etwa die ehemalige Linken-Spitzenpolitikerin Sahra Wagenknecht sich zu ihrer Bekanntschaft mit dem Mann äußerte. Sein rechtes Netzwerk dürfte noch umfangreicher sein.

Mörig ist ein rechtsextremer Organisator, seit Jahrzehnten, und offensichtlich bis heute. Ein Blick auf seine früheren und heutigen Gesprächspartner gibt nicht nur einen Hinweis auf die Gedankenwelt des Zahnarztes aus dem vornehmen Düsseldorfer Stadtteil. Er zeigt vor allem, welche Ideologie hinter den auf dem Treffen in Potsdam besprochenen Themen steckt.

Ein rechtsradikales Leben

Mörig, Jahrgang 1954, war schon in den 70er- und 80er-Jahren bekannt als wichtige Figur in der rechtsextremen Szene. Das Bundesamt für Verfassungsschutz und die Landesämter in Bayern und Schleswig-Holstein erwähnen ihn in ihren Berichten zwischen 1978 und 1986 insgesamt elf Mal. In den 1970er-Jahren war er für drei Jahre „Bundesführer“ des „Bundes Heimattreuer Jugend“ (BHJ), einer rechtsextremistischen Vereinigung, die vor allem in der Jugendarbeit aktiv war. Eine Abspaltung der BHJ, die „Heimattreue Deutsche Jugend“ (HDJ), wurde 2009 verboten, weil in ihr laut Innenministerium das Ziel verfolgt worden sei, eine „neonazistische Elite“ im Rahmen „vorgeblich unpolitischer Freizeitangebote“ heranzuziehen. Mit der HDJ hatte Mörig formal keine Berührungspunkte.

Mörig kann laut einer Rechtsextremismus-Studie aus den 1980er-Jahren, in der er nach Autorenangaben für ein Interview zur Verfügung stand, „als der entscheidende Mann“ in der Geschichte der BHJ gelten, der hart daran gearbeitet habe, der Gruppe ein zeitgemäßeres Image zu geben. Weg von klaren Nazi-Bezügen, wie der zunächst üblichen Begrüßung „Heil Dir“, hin zu einer Jugendfreizeit-Gruppe, die sich von Pfadfindern äußerlich nicht elementar zu unterscheiden schien und sich vorgeblich zum Grundgesetz bekannte. Gemeinsames Wandern oder Abende am Lagerfeuer durfte es aber nicht ohne politisch nationalistischen Bezug geben, sonst „könnten wir uns ja auch der nächstbesten Pfadfindergruppe anschließen“, wie Mörig selbst laut Studienautoren schon 1977 in einer neonazistischen Zeitschrift über „Heimattreue Jugendarbeit“ geschrieben hat.

Für ein Treffen, das an einem Aprilwochenende 1985 stattfand – und das der ehemalige Zahnarzt laut Verfassungsschutzbericht leitete – wurde ein Vortrag von einem Mann angekündigt, der einen ideellen Brückenschlag zum „Remigrations“-Treffen in Potsdam erlaubt: Alain de Benoist.

Die sogenannte Neue Rechte

Der französische Philosoph ist wahrscheinlich der zentrale und einflussreichste Vordenker der sogenannten Neuen Rechten, der zumindest einige Teilnehmer des Potsdamer Treffens zugerechnet werden können. Doch was macht diese rechte politische Strömung neu?

 Rechtsextremismus-Forscher Fabian Virchow (Archiv).

Rechtsextremismus-Forscher Fabian Virchow (Archiv).

Foto: Endermann, Andreas (end)

„Ich bin mit dem Begriff der ‚Neuen Rechten‘ vorsichtig“, sagt der renommierte Rechtsextremismus-Forscher Fabian Virchow von der Hochschule Düsseldorf (HSD). „Denn weltanschaulich gibt es da überhaupt keine Unterschiede zu dem, was der Rest im Rechtsextremismus macht.“ Der zentrale Unterschied zu einer „alten“ Rechten seien der strategische Schwerpunkt und die Art der politischen Vermarktung.

Zwei der Teilnehmer des Potsdam-Treffens, Martin Sellner und Mario Müller, können als wichtige Vertreter dieser politischen Richtung im deutschsprachigen Raum gelten. Sie sehen sich als intellektuelle Elite. Sie waren über viele Jahre führende Köpfe der sogenannten Identitären Bewegung (IB) in Deutschland und Österreich. Beide beziehen sich in ihren Büchern auf den heute 80-jährigen Franzosen de Benoist.

Alter Rassismus in neuem Gewand

Ihre völkisch-nationalistischen und rassistischen Ansichten und Ziele unterscheiden sich dabei laut Virchow nur dem Begriff nach von denen der „alten“ Rechten. Ihren Rassismus nennen sie jetzt „Ethnopluralismus“, die Deportation von Millionen von Menschen „Remigration“. Das ist Teil ihrer Strategie.

Der Begriff „Ethnopluralismus“ beispielsweise ist zentral für die neurechte Ideologie, wie sie auch de Benoits weiterdachte. Völker sollen demnach ethnisch homogen sein, eine „Durchmischung“ verschiedener Kulturen wird abgelehnt. Es ist ein „Rassismus ohne Rasse“, wie es in der Forschung beschrieben wurde. „Es wird nicht mehr von Rassen gesprochen“, sagt auch HSD-Professor Virchow. „Es heißt jetzt: ‚Die sind kulturell anders‘ und deshalb passe das nicht zusammen.“ In den öffentlichen Texten wird nicht von Hierarchien zwischen den Völkern gesprochen, wie sie die „alte“ Rechte offensiv propagiert hat. Jedes Volk hätte demnach eine Existenzberechtigung in ihrem eigenen Territorium. „Das ist nominell eine Abgrenzung vom alten biologistischen Überlegenheitsrassismus“, so Virchow. Wenn man genauer in die Texte schaue, löse sich das allerdings recht schnell auf. Auch die Prägung durch eine gewisse Kultur verstünde die Neue Rechte als unveränderbar. Zugeschriebene kulturelle Eigenheiten seien demnach „keine Frage von Erziehung oder Sozialisation, sondern ein Wesenszug. Und damit ist es de facto wieder biologistisch, man kann auch sagen: rassistisch. Im Ergebnis ist dasselbe gemeint. Letztendlich ist das alter Wein in neuen Schläuchen“, fasst es der Rechtsextremismus-Experte zusammen.

Kampf um die Begriffe

Die Begriffe, die sie nutzen, wirken auf den ersten Blick nicht zufällig weniger gefährlich. Ihre Strategie ist subtiler. Ihr Ziel ist es, schrittweise die Deutungshoheit zu übernehmen. Man könnte sagen: Zu verschieben, „was gesagt werden kann“, ohne automatisch Widerspruch zu ernten, eine Selbstverständlichkeit für rechtsradikale Positionen zu schaffen. Dieser Kampf um die Deutungshoheit ist für die Neue Rechte elementar. Mit Müllers Worten: „Unsere Ideen müssen zur gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit werden.“ Erst dann sei eine politische (rechte) Revolution möglich. „Das Argument geht so“, so Virchow, „dass wenn die Leute erstmal so denken, sie auch so wählen werden.“

Fabian Virchow nennt den Begriff der „Remigration“ als gutes Beispiel für ihre Strategie, über Begriffe bestimmte Themen zu interpretieren. „Der Begriff gießt in Kurzform, worauf es denen ankommt, und ist gleichzeitig doppeldeutig. Er ist anschlussfähig an eine öffentliche Debatte, weil es insgesamt eine öffentliche Debatte über Abschiebungen und den Umfang der Migration gibt.“ Gleichzeitig lasse er eine andere Eskalationsdimension zu. Eine wie die, die auf dem Treffen in Potsdam laut Correctiv besprochen wurde und die faktische Deportation von Millionen von Menschen nach sich ziehen würde.

Neonazi mit neuer Rolle

Doch wie passt der Düsseldorfer Zahnarzt in diese Runde? Ein Mann, der seit fast 40 Jahren nicht mehr in den öffentlichen Verfassungsschutzberichten erwähnt wird. „Die Rollen wechseln“, erklärt das Virchow. „Der taucht so lange auf, wie er im BHJ eine führende, sichtbare Rolle spielt.“ Diese Rollen würden denn an eine neue Generation übergeben, häufig die Kinder. Man müsse sich das so vorstellen, dass Gernot Mörig als situierter Zahnarzt mit Privatpraxis danach in anderen gesellschaftlichen Kreisen verkehre. „Dann kommen Leute mit Geld, dann wird er irgendwo eingeladen, dann landet er als Lehrbeauftragter an der Uni“, so Virchow. Da ändere sich, was er für eine Organisation oder die Szene insgesamt tue. „Nämlich Kontakte herstellen, Leute gewinnen, gucken, wer in einflussreichen gesellschaftlichen Positionen ansprechbar ist. Er verschwindet von der öffentlichen Bildfläche, aber bleibt dabei.“

Mörig sei jemand, der Leute zusammenbringt, der Ideen entwickelt. Das sei an dem Potsdamer Treffen exemplarisch zu sehen. Auch wenn der Forscher Mörig eher zur „alten“ Rechten zählen würde, sei er jemand, der durch seine lange Geschichte in der Bewegung genügend akzeptiert sei, um namhafte Rechtsextreme wie Sellner und Co. zu einem solchen Treffen einzuladen.

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