GDL-Chef Herr Weselsky, wie fühlt man sich, wenn man der Buhmann der Nation ist?

Interview | Berlin · Claus Weselsky gilt als knallharter Streikführer. Der Chef der Lokführergesellschaft GDL erklärt, was ihn antreibt – und wo die Bahn der Gewerkschaft bei den anstehenden Verhandlungen entgegenkommen muss.

Das ist Claus Weselsky: Lokführer, CDU-Mitglied, Gewerkschafter
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Das ist Claus Weselsky

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Foto: dpa/Carsten Koall

Herr Weselsky, wie fühlt man sich, wenn man der Buhmann der Nation ist?

Weselsky Mir geht es dabei gut. Und mir ist klar, wenn Menschen ihr Verkehrsmittel entzogen wird, löst das nicht gerade Begeisterung aus. Aber ich bin Kritik und Angriffe gewohnt.

Sie sagen es. Macht Ihnen die Konfrontation ein stückweit auch Spaß?

Weselsky Ich will für meine Kolleginnen und Kollegen über den Verhandlungsweg ein gutes Ergebnis erzielen. Wir bräuchten dieses Schauspiel nicht, wenn der Personalvorstand der Deutschen Bahn, Martin Seiler, nicht jedes Mal denselben Fehler machen würde. Es scheint kein kollektives Gedächtnis bei der Bahn und keine Lernkurve zu geben.

Was meinen Sie damit?

Weselsky Wenn Herr Seiler uns einen Tarifvertrag für Fahrdienstleiter verweigert, ist das wie 2008, als man uns den für Lokführer verwehrt hat oder 2015 den für die Zugbegleiter. 2021 haben wir die Werkstatt und die Verwaltung tarifiert, aber auch dafür streiken müssen. Jetzt streiken wir unter anderem für die Absenkung der Wochenarbeitszeit und den Tarifvertrag für die Fahrdienstleiter. Das ist auch unser grundgesetzlich geschütztes Recht.

Das stimmt. Auf der anderen Seite wird Ihnen vorgeworfen, zu überziehen. Wie steht es um Ihr Entgegenkommen?

Weselsky Bewegung muss es an allen Stellen und bei allen geben. Niemand glaubt doch, dass wir unsere Forderungen eins zu eins umsetzen werden. Aber wenn man einen Kompromiss will, muss man über alle Sachverhalte sprechen. Dem verweigert sich die Bahn bei der Reduzierung der Arbeitszeit. Deswegen ist klar: Der nächste Warnstreik kommt bestimmt. Damit werden wir uns nicht allzu viel Zeit lassen. Erst dann können wir auch rechtssicher längere Streiks machen.

Wieso haben Sie dann schon jetzt eine Urabstimmung über unbefristete Streiks eingeleitet? Die Bahn sagt, es sei noch gar nicht richtig verhandelt worden.

Weselsky Wer ist denn zu den letzten Verhandlungen nicht gekommen? Bahn-Vorstand Seiler. Wir sind autonom. Wenn wir entscheiden, wir leiten die Urabstimmung ein, dann tun wir das. Ende der Durchsage.

Wann wird das Ergebnis vorliegen?

Weselsky Wir haben jetzt damit begonnen, unseren Mitgliedern die Abstimmungsunterlagen nach Hause zu schicken. Nach Erhalt besteht 14 Tage Zeit für die Abstimmung. Ich rechne mit einem Ergebnis kurz vor oder nach Weihnachten.

Also drohen dann doch Streiks rund um die Feiertage?

Weselsky Die GDL hat bisher noch nie zu Weihnachten gestreikt. Dabei bleibt es.

Am Donnerstag wird womöglich verhandelt werden. Worum wird es zunächst gehen?

Weselsky Es bleibt dabei: Wir wollen über Entgelt und Arbeitszeit reden. Unsere Forderungen liegen auf dem Tisch: 555 Euro mehr im Monat sowie eine Inflationsausgleichsprämie. Außerdem runter mit der Wochenarbeitszeit von 38 auf 35 Stunden. Sollte die Bahn es erneut ablehnen, darüber zu verhandeln, steigert und forciert sie die Eskalation. Und um das auch zu sagen: Wenn man uns elf Prozent und eine Laufzeit des Tarifvertrages von 32 Monate anbietet, ist das lächerlich. Dann bleiben am Ende rund vier Prozent mehr.

Was wollen Sie mit der Arbeitszeitverkürzung erreichen?

Weselsky Wir haben seit mehr als zehn Jahren Personalmangel bei der Bahn. Die Arbeitgeberseite behauptet, sie habe nicht genügend Bewerber für die Ausbildungsgänge. Deswegen haben wir für uns entschieden, dass sich das Tarifsystem bei der Bahn ändern muss, damit es für junge Menschen attraktiver wird. Das geht mit der Absenkung der Wochenarbeitszeit und einer echten Fünf-Tage-Woche. Also fünf Tage arbeiten und zwei Tage frei. Durch die Anhebung des Entgelts wird der Beruf interessanter. Wenn wir das schrittweise umsetzen, hat die andere Seite auch Zeit, neue Einstellungen vorzunehmen.

Personal wird aber überall gesucht…

Weselsky …deshalb muss sich bei der Deutschen Bahn auch der gesamte Führungsstil ändern. Der Konzern besteht aus zu vielen Führungskräften zum Leidwesen aller Beschäftigten. Es wird nach unten getreten. Das muss aufhören.

Im kommenden Jahr beginnt nach jetzigem Stand die Generalsanierung der Bahn. Was heißt das für die Beschäftigten?

Weselsky Die Auswirkungen werden gravierend sein. Deswegen sind wir auch gegen die komplette Sperrung von ganzen Korridoren. Erstens, weil die Belastung für die Beschäftigten erheblich steigen wird. Zweitens, weil wir den Menschen noch mehr abgewöhnen, mit der Bahn zu fahren. Auf Schienenersatzverkehr lässt sich kein verlässlicher Fahrplan aufbauen. Wut und Frust bekommen dann wiederum die Angestellten zu spüren. Die Alternative ist bauen, sanieren und fahren. Das ist möglich.

 Gewerkschaftsboss Claus Weselsky fordert im Tarifstreit mit der Bahn ein Entgegenkommen. Viele Beschäftigte seien auch enttäuscht von Führungsstil im Konzern.

Gewerkschaftsboss Claus Weselsky fordert im Tarifstreit mit der Bahn ein Entgegenkommen. Viele Beschäftigte seien auch enttäuscht von Führungsstil im Konzern.

Foto: dpa/Wolfgang Kumm

Sie gehen ja in Rente. Wird dieser Arbeitskampf auch deshalb Ihr härtester?

Weselsky Nicht zu früh freuen – erst nächstes Jahr im September. Aber klar ist: Die Arbeitgeberseite mauert bei der Absenkung der Arbeitszeit und hat kein Interesse, die Berufe bei der Bahn aufzuwerten. Das sind die Knackpunkte. Deswegen wird dieser Arbeitskampf der härteste.

(has)
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