Friedrich Merz: Warum er beim CDU-Parteitag verloren hat - ein Kommentar

Kommentar zum CDU-Bundesparteitag: Warum Friedrich Merz verloren hat

Die Frauen sind schuld. Die Parteitagsregie ist schuld. Jens Spahn ist schuld. Friedrich-Merz-Unterstützer kennen viele Gründe für das Aus ihres Kandidaten. Dabei hat sich Friedrich Merz die Niederlage selbst eingebrockt. Ein Kommentar.

Hätte, hätte, Fahrradkette. Im großen Lager der Friedrich-Merz-Unterstützer, vor allem im Südwesten und im Wirtschaftsflügel der CDU, ist der Konjunktiv II auch zwei Tage nach der Niederlage im Kampf um den CDU-Vorsitz eine beliebte Sprachform. Was wäre wenn. Was hätte anders laufen müssen, damit der 63-jährige Wirtschaftsanwalt aus dem Sauerland tatsächlich das beeindruckendste politische Comeback des Jahres geschafft hätte? Der Frust ist groß, die Suche nach Schuldigen wird energisch geführt.

Hier eine kleine Auswahl: Das „AKK“-Lager, im Folgenden stets die Kurzform AKK für Annegret Kramp-Karrenbauer, habe die Parteitagsregie für ihre Kandidatin instrumentalisiert, das Mikrofon bei Merz abgedreht und in der Fragerunde liberale Delegierte mit liebedienerischen Fragen für Annegret Kramp-Karrenbauer bestellt, ist zu hören. Einem Wirtschaftsverband, der auf dem Parteitag Tausende Wasserflaschen mit dem Aufdruck „Mehr Wirtschaft wagen“ verteilen wollte, sei dies verboten worden wegen angeblicher Wahlwerbung für Merz. Empörung! Jens Spahn habe nach dem ersten Wahlgang bei seinen Unterstützern für AKK getrommelt und JU-Chef Paul Ziemiak sogar selbst AKK gewählt, weil er Generalsekretär werden wollte. Und selbst die Sache mit dem Obdachlosen, der vor 14 Jahren das Laptop von Friedrich Merz gefunden und an den Eigentümer zurückgeschickt hatte und dafür als Finderlohn dessen Buch vom „Ende der Wohlstandsillusion“ geschenkt bekommen habe, kommt wieder hoch. Die wenig vorteilhafte Geschichte hätten AKK-Leute an die Medien weitergegeben, wird von Merz-Fans in den sozialen Netzwerken verbreitet.

Dabei zeigt gerade diese Episode – und mehr ist es ja gar nicht – die große Schwäche des Politikers Friedrich Merz. Die Schwäche, die auch zu seiner Niederlage in Hamburg führte. Er ist ein brillanter Kopf, ein intellektueller Konservativer. Aber ihm fehlt gelegentlich das Gespür für die Menschen. Die Empathie.

So wie in seiner Rede auf dem Parteitag. Verkopft, theoretisch, staatsmännisch. So doziert sich Merz vor allem zu Beginn durch die großen Fragen der Welt, von der Europapolitik bis zu Chinas Machtstreben. Er redet über „Strategiewechsel“ und „Grundsatzprogrammprozesse“. Aber vor allem über die Köpfe der Delegierten hinweg. Eine gute Bundestags-Rede für einen Kanzlerkandidaten. Aber für einen Parteitag? Merz spricht von Erneuerung, sagt aber nicht wie. Er räumt sogar an einer Stelle ein, dass er mit dem im konservativen Lager verhassten Konzept der asymmetrischem Demobilisierung, des taktischen Einschläferns des Gegners, selbst erfolgreich war. „Ich habe mehr erwartet“, simst ein Führungsmitglied des Wirtschaftsflügels nach der 28-Minuten-Rede.

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Kein konkretes Beispiel aus dem Alltag der Menschen hat es in das Redemanuskript von Merz geschafft. Die Sorgen der Millionen Eltern vor der Überforderung der Schulen durch Inklusion, Zuwanderung, Digitalisierung. Die Sorgen der alleinerziehenden Frauen vor Armut im Alter. Die Zehntausenden jungen Menschen ohne Abschluss in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt. Es hätte Anknüpfungspunkte gegeben für einen leidenschaftlichen Appell nach Wandel. Die Nöte der Unternehmen, die durch Bürokratie und Abgaben gehemmt werden und zugleich händeringend Fachkräfte suchen. Wo war der Wirtschaftsexperte, der eine Idee skizziert, wie der digitale Wandel für ein Industrieland gelingen kann, mit welchen Konzepten Millionen qualifiziert werden? Merz hätte darüber sprechen können, warum das Vertrauen in die Staatlichkeit sinkt. Warum junge Intensivtäter so oft wieder laufen gelassen werden, warum der Rechtsstaat bei ausreisepflichtigen, abgelehnten Asylbewerbern so hemmungslos versagt. Warum das Zusammenleben der Kulturen eben immer noch so viel Trennendes beinhaltet.

In den Regionalkonferenzen hatte Merz Beispiele genannt, etwa die muslimischen Studenten, die aus der Hand einer Rektorin kein Abschlusszeugnis entgegennehmen wollen. In Hamburg dazu nichts. Starken Beifall gibt es für sein Grünen-Bashing wegen des widersprüchlichen Verhaltens rund um den Hambacher Forst. Aber es bleibt bei der Spitze. Merzt traute sich die Emotionen nicht zu. Immer wieder sprach er über sich in der dritten Person. Mehr Distanz geht kaum.

Das ist das große Problem des Friedrich Merz. In kleiner Runde durchaus gewinnend, charmant und humorvoll, bleibt er bei seinen Auftritten empathiefrei. „Für uns Frauen hat Friedrich Merz nichts im Angebot. Er spricht mich nicht an“, bilanzierte am Samstagmorgen eine einflussreiche CDU-Politikerin aus NRW. Versöhnende Worte an die Kanzlerin, die über den „Respekt für die persönliche Leistung“ hinausgehen, blieben in seiner Rede aus. Es wäre ein Zeichen von Größe gewesen, und hätte vielleicht jene Zweifler im Saal beruhigen können, die Angst vor einem Sprengsatz in der Koalition hatten und Merz einen Rachefeldzug gegen die Kanzlerin unterstellen. Auch der unfaire Vorwurf seiner Gegner, er dürfe als Millionär nicht politischer Entscheider sein, hätte Merz kontern können. Mit Selbstbewusstsein als Idealbeispiel für seine Agenda der Fleißigen. Millionär? Na, und!

Hätte, hätte. So kam es, wie es kam. In Hamburg wurde Annegret Kramp-Karrenbauer gewählt, auch weil sie befreiter, emotionaler und leidenschaftlicher sprach, als man es ihr zugetraut hatte. Und der Mann, der für sein außergewöhnliches rhetorisches Talent ein Leben lang gelobt wurde, blieb ausgerechnet bei der Rede seines Lebens unter seinen Möglichkeiten. Die knapp 20 Stimmen aus dem AKK-Lager, die Merz für seinen Sieg brauchte, hätte er mit einem beherzten Redeauftritt wohl bekommen. Deshalb gibt es nur einen Schuldigen an der Niederlage des Friedrich Merz: Friedrich Merz.

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