Von bewaffneten Kämpfen zu Wahlen Berliner Friedenskonferenz sucht Wege aus Kriegen weltweit

Berlin · Meist dauert es viele Jahre, um vom Krieg zu einem langfristigen Frieden zu kommen. In Berlin kommen bei einer internationalen Konferenz Menschen aus aller Welt zusammen, die auf dem Gebiet der Konfliktbewältigung Profis sind.

 Die kolumbianische Regierung wurde 2016 für die Unterzeichnung eines Friedensvertrags mit der Farc gefeiert. Doch bis zum wirklichen Frieden wird es noch lange dauern.

Die kolumbianische Regierung wurde 2016 für die Unterzeichnung eines Friedensvertrags mit der Farc gefeiert. Doch bis zum wirklichen Frieden wird es noch lange dauern.

Foto: dpa/Fernando Vergara

Das Wort „einfrieren“ war es, mit dem SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich vor einigen Wochen große Empörung auslöste. In einer Debatte über die Lieferung der Taurus-Marschflugkörper an die Ukraine fragte er im Bundestag, ob es nicht an der Zeit sei, „dass wir nicht nur darüber reden, wie man einen Krieg führt, sondern auch darüber nachdenken, wie man einen Krieg einfrieren und später auch beenden kann?“ Der Sturm der Entrüstung, der sofort losbrach, machte deutlich, wie schwierig öffentliche Überlegungen für die Zeit danach mitten in einem bewaffneten Konflikt sind.

Das ist nicht nur in Deutschland so. „Es gibt in der Tat einen allgemeinen Trend, dass in gewissen Kontexten Frieden fast schon als böses Wort gesehen wird“, sagte die stellvertretende Geschäftsführerin der Berghof Stiftung, Chris Coulter, unserer Redaktion. Dabei ist Frieden ihr Job: Die Nichtregierungsorganisation ist darauf spezialisiert, Wege aus Konflikten zu finden - und arbeitet dabei in der Regel im Schatten. In der kommenden Woche präsentiert sie sich aber öffentlich und lädt für Mittwoch und Donnerstag zu der zweitägigen Friedenskonferenz „Berlin Moot“ ein. Der englische Begriff Moot steht hier für ein Forum, in dem debattiert und gestritten wird. Unterstützt durch das Auswärtige Amt wollen etwa 200 internationale Teilnehmer aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft neue Ansätze der Konfliktlösung erarbeiten. Es geht darum, Konflikte umzuwandeln, also fort von bewaffneten Kämpfen und hin zu Referenden oder Wahlen. Die gegensätzlichen Interessen bestehen dann zwar weiter, werden aber friedlich gelöst.

„Wir hatten diese Friedenskonferenz schon vor der russischen Invasion in der Ukraine geplant, weil wir geopolitische Veränderungen, auch Machtverschiebungen, bemerkten. Es wurde auch mehr Geld in Waffen investiert und immer weniger in Friedensarbeit“, sagte Coulter. „So viele bewaffnete Konflikte hatten wir seit 1991 nicht mehr.“ Das Daten-Programm der schwedischen Uppsala Universität zu weltweiten Konflikten zeigt, dass insbesondere die Gewalt durch nicht-staatliche Akteure massiv zugenommen hat.

„Wir glauben, dass man mit allen sprechen muss, vor allem wenn es um nicht-staatliche Gruppen geht, die von anderen als Terroristen und nicht als Freiheitskämpfer betrachtet werden“, betonte Coulter, die am Friedensvertrag zwischen der kolumbianischen Regierung und der Farc-Guerilla mitgewirkt hat. Sie weiß, dass dem Land immer noch ein langer Weg bevorsteht: „Es wird 30 Jahre dauern, bis das alles umgesetzt ist und Frieden herrscht. Es dauert also eine Generation, mindestens, um einen nachhaltigen Frieden zu erreichen.“

Doch was macht man, wenn, wie im Falle Russlands, eine Seite sehr stark ist und partout keinen Frieden will? „Verhandlungen sind nur möglich, wenn es eine Art Gleichgewicht gibt und die Konfliktparteien verstehen, dass sie mit militärischen Mitteln nicht gewinnen können“, sagte Coulter. Solange eine der beiden Parteien glaube, dass sie gewinnen könne, gebe es für sie keinen Anreiz, den Konflikt zu beenden. Das macht vielleicht auch dieses Beispiel deutlich: Für Mitte Juni plant die Schweiz einen Friedensgipfel zur Beendigung des Ukraine-Kriegs. Russland wird nach eigenen Angaben jedoch nicht daran teilnehmen.

Forderungen, Kriege einzufrieren, mag Coulter nicht. „Viele dieser Konflikte, etwa zwischen Armenien und Aserbaidschan, die wir als ‚eingefroren’ bezeichnen, eskalieren irgendwann wieder.“

(mdu)
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