Fünf Jahre Schulstreiks Wie Fridays for Future das Klima im Land verändert hat

Berlin · Laut dem Wissenschaftler Mojib Latif ist Klimaschutz durch die Bewegung in der Öffentlichkeit präsenter geworden. Anerkennend äußern sich zum Jubiläum auch Politiker verschiedener Parteien. Trotzdem sehen einige die Akzeptanz von Klimaschutz gefährdet – und Deutschland vor Herausforderungen.

 Klimaforscher Latif: „Das Thema Klimaschutz ist durch Fridays for Future in der Öffentlichkeit viel präsenter geworden.“

Klimaforscher Latif: „Das Thema Klimaschutz ist durch Fridays for Future in der Öffentlichkeit viel präsenter geworden.“

Foto: dpa/Georg Wendt

Die Geschichte der Freitagsschulstreiks beginnt an einem Montag. Genau genommen ist es der 20. August 2018, an dem sich eine Neuntklässlerin dazu entschließt, der Schule fernzubleiben. Auch an den Tagen danach schwänzt die 15-Jährige den Unterricht und setzt sich stattdessen vor das Reichstagsgebäude in Stockholm. Mit einem Protestschild fordert sie die schwedische Politik auf, Klimaschutz ernst zu nehmen. Es dauert nur eine Woche, bis in Deutschland erste Artikel über die Aktion des Mädchens namens Greta Thunberg erscheinen – und nur wenige Monate, bis sich eine weltweite Klimabewegung formiert.

Greta Thunberg - die berühmteste Klimaschützerin der Welt
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Seit Thunbergs erstem Klimaprotest in Stockholm sind nun fast fünf Jahre vergangen. Und obwohl es um die Klimabewegung ruhiger geworden ist, findet sie bis heute Zulauf. „Das Thema Klimaschutz ist durch Fridays for Future in der Öffentlichkeit viel präsenter geworden“, bilanziert auf Anfrage unserer Redaktion der Klimaforscher Mojib Latif. Der Ozeanograph ist Seniorprofessor in Kiel und hat mehrere Bücher über den Klimawandel geschrieben.

Latif sagt, Fridays for Future habe einen großen Anteil daran gehabt, dass die Großkoalitionäre bei der Europawahl 2019 beträchtliche Stimmenverluste und die Grünen erhebliche Zugewinne zu verzeichnen hatten. Damals gingen die Grünen mit 20,5 Prozent der Stimmen als zweitstärkste Kraft hinter der Union (28,9 Prozent) durchs Ziel, die SPD landete nur auf dem dritten Platz. Seitdem spiele das Thema Klimaschutz bei allen Parteien – außer der AfD – eine sehr wichtige Rolle, sagt Latif. 2021 gelang den Klimaschützern sogar ein Erfolg vor dem Verfassungsgericht: Dieses entschied seinerzeit, dass das Klimaschutzgesetz der Bundesregierung zu kurz greife – es musste nachgebessert werden. Eine entsprechende Klage hatte zuvor unter anderem Fridays for Future eingereicht.

Anerkennung für Fridays for Future kommt vor dem Jubiläum aus verschiedenen politischen Lagern. „Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fridays for Future-Aktionen haben seit ihrem Auftreten vor fünf Jahren definitiv etwas bewegt“, sagt Thomas Gebhart (CDU), Obmann im Ausschuss für Klimaschutz und Energie. Laut Lisa Badum (Grüne), Obfrau im Ausschuss für Klimaschutz und Energie, habe Fridays for Future Klimaschutz als wahlentscheidendes Thema gestärkt. „Wir brauchen den Druck, die Forderungen, auch die Kritik von Fridays for Future und diese sind sehr wichtig für uns und für die ganze Gesellschaft“, sagt Badum. Der klimapolitische Sprecher der FDP, Olaf in der Beek, betont, dass es die vielen Unterstützer der Bewegung geschafft hätten, „eine breite Debatte in der Gesellschaft anzustoßen, die auch in der Politik wahrgenommen wird.“

So wohlwollend fiel die Resonanz auf die Klimabewegung aber längst nicht immer aus. Vor allem zu Beginn der Streiks prangerten Kritiker an, dass viele Jugendliche für die Freitagsaktionen den Schulunterricht schwänzten. Auch andere Aktivitäten stießen auf Kritik – etwa 2019, als sich Greta Thunberg von vermummten Aktivisten durch den Hambacher Forst führen ließ.

Dabei ist es in den vergangenen Jahren nicht leichter geworden, mit Klimaprotesten durchzudringen. Viele neue Krisen sind seit 2018 hinzugekommen. Eine kürzlich vom Umweltbundesamt veröffentlichte Studie kam zwar zu dem Schluss, dass Klimaschutz für eine Mehrheit weiterhin ein sehr wichtiges politisches Thema darstellt. Die Zustimmung ist allerdings zurückgegangen – und Themen wie soziale Gerechtigkeit oder Krieg liegen in der Relevanzbewertung vor der Klimafrage. Zugleich verhärten sich die Fronten zwischen Klimaschützern und Klimaleugnern.

Auch Mojib Latif beobachtet, dass sich die Gesellschaft polarisiert. „Leider scheint sich bei uns in Deutschland das zu wiederholen, was wir in den USA schon länger beobachten“, sagt er. Dazu habe auch die aus seiner Sicht „völlig irre Diskussion um das sogenannte Heizungsgesetz beigetragen“, wie der Klimawissenschaftler erklärt. „Hier hat sich Politik von ihrer schlechtesten Seite gezeigt, Regierung wie Union. Der lachende Dritte ist die AfD. Es geht um viel mehr als um Klimaschutz, es geht um die Zukunftsfähigkeit Deutschlands“, mahnt er.

Verändert hat sich die öffentliche Klima-Debatte nicht zuletzt durch das Aufkommen der Letzten Generation. Die Gruppierung setzt auf Protestformen zivilen Ungehorsams, die in der Bevölkerung mehrheitlich auf Ablehnung stoßen. „Während Fridays for Future noch breite Massen aus allen gesellschaftlichen Schichten mobilisiert hat, sorgen die Aktionen der Letzten Generation einfach nur für Ärger und gefährden die Akzeptanz von Klimaschutz“, bilanziert der CDU-Klimapolitiker Gebhart. Für die Klimadebatte sei das kein gutes Zeichen.

Obwohl sich die weltpolitische Lage, die Herausforderungen und die Stimmung im Land verändert haben: Weitermachen will Fridays for Future trotzdem. Den nächsten großen Klimastreik plant die Bewegung für den 15. September.

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