20 Jahre Mauerfall - die Reise (10): "Freiheit ist mein größter Reichtum"

20 Jahre Mauerfall - die Reise (10) : "Freiheit ist mein größter Reichtum"

Düsseldorf (RP). Im ehemaligen zentralen Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit saß Mike Fröhnel drei Mal in Zelle 120. Heute hat er die Schlüssel, führt Besucher durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen. Viermal hat die DDR ihn eingesperrt. Als er das letzte Mal entlassen wurde, ahnte er nichts vom Mauerfall.

Beim vierten Mal war alles anders. Als Mike Fröhnel zum ersten Mal aus einer DDR-Strafanstalt entlassen wurde, da war er vor allem zornig. Nach dem zweiten Mal war er bereit, sich abzufinden. Nach dem dritten Mal war er in die Tschechoslowakei gezogen.

Aber als er am 30. November 1989 vor dem Karl-Marx-Städter Gefängnistor stand, nachdem er sich schriftlich verpflichtet hatte, über die Haft zu schweigen, und stumm genickt hatte, als sie ihn ermahnten, sich künftig an die Gesetze der Deutschen Demokratischen Republik zu halten — da "war für mich endgültig klar, dass ich in diesem Staat nicht leben kann".

24 Jahre alt war Mike an diesem Tag. Zwei Jahre als politischer Häftling lagen hinter ihm. Zuletzt hatte man ihn zur Grubenarbeit eingeteilt, Schwerstarbeit. Im Herbst bekam er eine schwere Grippe, musste trotzdem ran. "Solche Schikanen sind der Stoff, aus dem man Mörder macht", sagt er heute. Damals warf er dem Postenführer die Mütze vor die Füße. Er landete für drei Wochen in der Absonderungszelle. Danach wurde er entlassen.

Mike fuhr im Zug nach Hause nach Berlin. Seine Gedanken kreisten um die Flucht. "Barfuß oder Lackschuh — ich würde es versuchen. Und wenn sie mich erwischen, sollen sie mich eben erschießen. Zurück würde ich nicht gehen." Mit diesen Gedanken traf Mike am 1. Dezember 1989 in Berlin ein. Die Freunde umarmten ihn. Einer sagte: "Willkommen in der Freiheit." Dem, sagt Mike, "hätte ich fast eine geknallt".

Dann erzählten sie vom Mauerfall. Erst konnte er nicht glauben, was passiert war, während er in seiner dunklen Zelle gehockt hatte. Dann ging er los, um es selbst zu sehen. Nie, sagt er, wird er den einen Schritt vergessen, der ihn an der Invalidenbrücke von Ost- nach West-Berlin brachte. "Und wenn ich Alzheimer kriegen sollte — dieses Gefühl vergesse ich nie."

"Mir ist das Leben neu geschenkt worden"

Er geht heute noch manchmal hin. Nie ist es ein selbstverständlicher Weg. Aber es ist nicht nur Jubel in ihm, wenn er den Schritt noch einmal tut. "Mir ist das Leben neu geschenkt worden. Aber an derselben Stelle hat das erste Maueropfer sein Leben verloren."

1982 im Westen, da waren alle 17-Jährigen irgendwie wie Mike. Lange Haare, Jeansjacken mit sozialkritischen Botschaften, immer bereit, den Staat zu hinterfragen. Aber Mike war im Osten "durchaus sozialistisch geprägt" aufgewachsen: "War auch irgendwie cool, so als Achtklässler im Wehrkundelager schießen zu lernen."

Aber er hat auch West-Fernsehen gesehen und mit den Touristen von drüben auf dem Alexanderplatz geredet (weshalb ihn die Volkspolizei schon mal in Gewahrsam genommen hatte — "unerwünschte Westkontakte" hieß das). Während im Westen eine freie deutsche Jugend in Bonn gegen den Nato-Doppelbeschluss demonstrierte, saß Mike im FDJ-Hemd vor der Abendschau des Sender Freies Berlin, hörte von Schüssen, sah leblose Körper. "Wieso heißt das Friedensgrenze?", fragte er in der Schule. Der Lehrer notierte es und diente der Staatssicherheit schriftlich an, noch mehr aus dem Schüler "herauszukitzeln".

SED-Funktionär geohrfeigt

Als ein älterer Herr an einer Bushaltestelle ihn abfällig musterte und sagte: "So was wie dich hätte man früher vergast", rastete Mike Fröhnel aus. 17 Jahre lang hatte man ihm eingebläut, dass die Mauer ihn auch vor dem Faschismus schützen sollte. Er schlug dem Mann, der "redete wie ein Faschist", ins Gesicht. Und erst, als er aus der Bewusstlosigkeit, in die ihn Volkspolizisten geprügelt hatten, wieder aufwachte, erfuhr Mike, dass er einen SED-Funktionär geohrfeigt hatte.

Sechs Monate im Jugendgefängnis "Frohe Zukunft" in Halle an der Saale brachte ihm das ein. Im Entengang mussten sie Treppen hoch watscheln, den Fußboden mit Rasierklingen abziehen — und was den Wärtern noch einfiel. "Die Devise hieß: Was du nicht biegen kannst, musst du brechen."

Mike zerbrach nicht. Mike kam voller Zorn heim und malte die Mauer ("mein Hassobjekt") mit dem KZ-Tor von Sachsenhausen auf sieben Flugblätter. Die verteilte er ausgerechnet in der Nähe des Ministeriums für Staatssicherheit. Schnell war Mike im zentralen Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen.

Versuchte Republikflucht

Das hatte selbst er als Berliner noch nicht gesehen. Drumherum war Sperrgebiet. "Da durfte keiner hin. Und uns Gefangenen sagte man sowieso nicht, wohin man uns brachte." Verurteilt wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit, kam Mike für elf Monate nach Bautzen, schlug sich danach als Hilfsarbeiter durch.

Die Lehrstelle als Lokführer hatte er verloren, eine neue gab es nicht für einen wie ihn. Zwei Monate lang lebte er "eigentlich ganz zufrieden" in Berlin. Dann holte ihn die Stasi wieder ab. Erst hieß es, er habe sich eine Waffe beschafft. Bloß hatte er an dem Tag, um den es ging, scharf bewacht im "Gelben Elend" gesessen. "Als sie das begriffen, haben sie meine Bude durchsucht." Sie fanden unterm Teppich eine Skizze der Grenze. Mike wurde wegen versuchter Republikflucht verurteilt.

Im Juni 1987 kam er frei, zog zu Bekannten in die CSSR. Die bekämpften dort den Kommunismus — noch vor Weihnachten war Mike in die DDR abgeschoben und als Republikflüchtling verurteilt worden. Zwei Jahre saß er in Karl-Marx-Stadt. Bis zum 30. November 1989.

Kurzer Luxus-Trip durch London

36.000 D-Mark hat Mike als Entschädigung bekommen. In London ließ er sich eine Woche lang in einer Limousine durch die Stadt fahren: "Mann, ging's mir gut." Denn dafür, sagt er, sei das Geld doch gewesen, um etwas "wieder gut zu machen — das legt man doch nicht in Aktien an." Nach dem kurzen Luxus-Trip reiste er durch Skandinavien, blieb in Dänemark, bis das Geld zu Ende war.

Daheim in Berlin hat er sich dann von Anfang an für die Gedenkstätte im MfS-Gefängnis Hohenschönhausen engagiert. Besucher führt er heute täglich zur Zelle 120. Das war seine. Und immer, wenn er da war, war 120 auch sein Name.

Er hat Kollegen, die meiden ihre alte Zelle noch immer. "Manchmal sind auch Ehemalige unter den Besuchern. Und manche von ihnen brechen zusammen, wenn sie das Geräusch der Schlüssel hören."

Wenn Mike den Besuchern über den grausamen Alltag in der DDR-Haft erzählt, sie durch den alten Teil der Anstalt führt, in dem bis Mitte der 50er Jahre Folter an der Tagesordnung war, oder wenn er sie auf die Kratzspuren im Verputz der so genannten Beruhigungszellen aufmerksam macht, geschieht das ohne Bitterkeit.

"Ich habe die Freiheit gewonnen"

Zornig wird er aber auch heute noch manchmal. Wenn Erwin Sellering, der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, behauptet, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen. Oder wenn einer versucht, die Mauerschützen zu rechtfertigen. Für ihn gibt es da keine juristischen Feinheiten: "Wenn einer auf einen schießt, der ihm nichts tut, der nur weg will — dann ist das für mich Mord."

Nach Feierabend, wenn Mike mit den schweren Schlüsseln, die ihn so oft hier eingesperrt haben, die Gedenkstätte abgeschlossen hat, ist die DDR für ihn kein Thema mehr. Er lebt ganz im Jetzt, genießt, "alles zu machen, was ich will". Die Zeit im Gefängnis hat er als Teil seines Lebens akzeptiert. "Heute", sagt er, "ist mein Leben doch wunderbar. Ich habe die Freiheit gewonnen. Das ist mein einziger und der wichtigste Reichtum."

(RP)
Mehr von RP ONLINE