Franziska Giffey: Der Kiez, der Frau Giffey glücklich machte

Unterwegs in Berlin-Neukölln: Der Kiez, der Frau Giffey glücklich machte

Berlin-Neukölln hat unbestreitbare Probleme. Trotzdem gilt die alte Wirkungsstätte der neuen Familienministerin Franziska Giffey in mancher Hinsicht als Vorbild. Ein Ortsbesuch.

Quietschend kommt die U-Bahn im Bahnhof Hermannplatz zum Stehen. "Dieser Bahnhof wird zu Ihrer Sicherheit videoüberwacht", lesen die Passagiere als Erstes. Daneben bietet ein Kiosk Zeitungen, Kaugummis und Kartoffelchips. Mittendrin eine handbeschriebene Pappe: "Dieser Laden wird videoüberwacht." Sieht so die Angst vor Überfällen und Gewalt in Neukölln aus?

Eine interne Polizeistatistik weist eine steigende Zahl von Gewaltdelikten am Hermannplatz aus, ganz gegen den Trend an anderen Hotspots der Hauptstadt. Verstärkte Polizeipräsenz am Kottbusser Tor im benachbarten Kreuzberg hat die Dinge dort zum Positiven gewendet. In Neukölln nicht. Wird der Bezirk zur Bronx von Berlin? Und was bringt dann die neue Familienministerin Franziska Giffey (SPD) mit in die Bundespolitik? Letzte Woche war sie noch die Bürgermeisterin von Neukölln, verabschiedete sich mit einer Liebeserklärung: "Neukölln macht glücklich." Zumindest sie selbst. Sie hat dank ihres Durchgreifens den Sprung in die Regierung geschafft. Und ihre Neuköllner?

"Al Rayan Market" und "Schultheiss-Bierhaus"

Wer die lang gezogene Sonnenallee Richtung Norden entlangspaziert, kann von Kilometer zu Kilometer deutlicher erahnen, woher die verbreiteten Vorurteile kommen: je näher der Hermannplatz, desto mehr arabische Schriftzeichen auf den Geschäften. Aber bis zuletzt bleibt es eine Mischung. Auf den "Al Rayan Market" folgt das "Schultheiss-Bierhaus". Auch die Kopftuchdichte nimmt zu. Aber nur ein einziger blauer Tschador (Umhang für Kopf und Körper). Der Hermannplatz selbst wirkt eh nicht wie eine No-go-Area, also wie ein Ort, den man besser meidet.

Markthändler wollen Paprika, Tomaten und Bananen loswerden, und gegenüber dem Hertie reiht sich eine unverdächtige Shop-Ansammlung auf, wie es sie in jeder Stadt gibt: Dunkin' Donuts, Vodafone, McDonald's, Mobilcom. Dass hier Kaufkraft manchmal knapp wird, lässt sich aus gut gehenden Pfandleihen schließen. Schulkinder beißen in Burger. Man spricht Deutsch. Mancher gebrochen, aber es klingt nicht nach Bronx.

Franziska Giffey (SPD) 2015 als neue Bezirksbürgermeisterin auf dem Turm des Neuköllner Rathauses. Foto: dpa

"Nicht nur Probleme"

Wenn ein Neuköllner an Neukölln denkt, welche Bilder kommen ihm dann in den Kopf? "Als Erstes sehe ich das Tempelhofer Feld, als Zweites Dreck, als Drittes die kulturelle Vielfalt", sagt Matthias Horn. Er sitzt in der "Schankwirtschaft" an der Boddinstraße. Ein Obdachloser liegt in seinem Schlafsack vor dem Fenster. Drinnen klärt ein Aufkleber die Orientierung des Kneipenpublikums: "Antifa Area". Der Tontechniker Horn mischt Lieder ab, arbeitet als DJ und schreibt nebenbei für den "Neuköllner", ein Internet-Magazin. Damit wollen Freiwillige der Vielfalt ein Sprachrohr geben "und für jeden klarmachen, dass dieser Bezirk wirklich nicht nur Probleme hat", erklärt Horn.

Vor zwölf Jahren ist er in Neukölln gelandet, weil die Miete so preiswert und das Leben so bunt war. Mit den gängigen Klischees hat er nichts zu tun: "Wir wollen weder Problembezirk noch Experimentierfeld sein, wir wollen hier einfach leben." Klingt wie der Slogan eines Imageberaters. Aber auch ehrlich. Vor allem, wenn er es mit seinen Erlebnissen verknüpft. Noch nie sei er in Neukölln überfallen oder bedrängt worden. Auch nicht am Hermannplatz. Und seine Bekannten und Freunde ebenso wenig.

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Horns Neukölln-Gefühl beginnt also am Tempelhofer Feld, dem ehemaligen Flughafen mitten in der Hauptstadt, dessen Überbauung ein Volksentscheid verhinderte. Also Freizeitgelände für kleine Leute statt Baugrund für Käufer schicker Appartements. Das ist dem Neuköllner ohnehin ein Groll, sei doch das größte Problem des Bezirks die grassierende Gentrifizierung, also die Verdrängung der Ärmeren durch die Neubewohner luxussanierter Wohnungen.

Kampf gegen Müll auf der Straße

Dem Dreck und Müll hatte Giffey publikumswirksam den Kampf angesagt. Ob das Wirken der Müll-Sheriffs eines privaten Wachdienstes tatsächlich Spuren zeigt, ist unter den Neuköllnern umstritten. Jedenfalls hat das Gefühl, auf diese Weise etwas gegen die Vermüllung tun zu können, auf Berlin übergegriffen: Müll-Sheriffs, die sich nachts auf die Lauer legen, um illegale Entsorger zu erwischen, gibt es nun auch in allen anderen Bezirken.

Vorbild ist Neukölln inzwischen auch unter dem Stichwort "Rütli". Nach dem Brandbrief der Lehrer über das gewaltgeprägte Schulklima investierte der Bezirk seit 2006 ordentlich in zusätzliche Pädagogen, Unterstützung durch Sozialarbeiter, weitere begleitende Angebote und Wachschutz. Nun ist Ruhe eingekehrt, von den vielen Delegationen aus anderen Ländern mit problematischen Schulen abgesehen, die sich hier was abgucken wollen.

Als NRW-Justizminister Peter Biesenbach (CDU) eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft zur Zerschlagung von Clan-Strukturen für Duisburg formte, schaute er sich vorher in Neukölln an, wie es da funktioniert. Polizisten können viele Schauergeschichten über die Aufteilung des Drogenhandels beidseits der Hasenheide erzählen, über Nachwuchskriminelle, deren Bedeutung in den einschlägigen Familien mit der Zahl ihrer Haftstrafen wächst, über ganze Fuhrparks von Luxusautos, die alle einer "Tante" ohne Führerschein gehören, über Bars ohne nennenswerten Umsatz, die erkennbar der Geldwäsche dienen. Der Neuköllner Normalbürger merkt davon in der Regel wenig.

"Achtung Videoüberwachung!"

Der lebt sein Leben in seinem Kiez, das vor allem im Norden von kleinunternehmerischer (Multi-) Kultur geprägt wird. Gerade schaut man sich in einer Nebenstraße des Kottbusser Damms an, wie das spanische Gourmetrestaurant an ein veganes Start-up grenzt und über einen Kulturverein zu tibetanischer Heilkunst führt, als der Passant auch schon auf einen Tee hereingebeten wird. Bald machen Lebenserzählungen die Runde. Etwa von dem 71-jährigen Iraker, der begeistert ist von dieser "Revolution der Ideen" in Neukölln und berichtet, wie er den Kindern der dritten und vierten Generation ein wenig Arabisch beizubringen versucht.

Zwölf U-Bahn-Stationen weiter südlich ist auch Neukölln. Aber ein bürgerliches. Am Hermannplatz kriegt die AfD vier Prozent, hier in Rudow sind es 17. Oben liegt der Ausländeranteil bei 34, unten bei neun Prozent. Und statt Falafel steht hier Lachsfilet auf der Tafel mit Lockangeboten. In der Krokusstraße hat Buchhändler Heinz Ostermann sein Schaufenster österlich dekoriert. Liebevolle Literatur über Bräuche. Absolut unpolitisch. Und doch wurde ihm die Scheibe eingeworfen, sein Auto zweimal in Brand gesteckt. Weil er Lesungen gegen Rechts macht. Er will nicht aufgeben. Er will sein Neukölln behalten. Aber neben dem Aufkleber "Rudow empört sich" prangt nun: "Achtung Videoüberwachung."

(may-)
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