Ferkelkastration - Verbot ab 2019 von Groko auf 2021 verlängert

Verbot war für 2019 geplant: Kastrieren ohne Betäubung - scharfe Kritik an Fristverlängerung

Eigentlich sollte das Kastrieren von Ferkeln ohne Betäubung ab 2019 verboten werden - doch jetzt bleibt diese Praxis wohl erstmal erlaubt. Darauf verständigten sich die Spitzen der großen Koalition. Vor allem die Grünen kritisieren die Entscheidung scharf.

Der Grünen-Politiker Friedrich Ostendorff hat die von der großen Koalition beschlossene Fristverlängerung bis zum Verbot betäubungsloser Kastration von Ferkeln um zwei Jahre scharf kritisiert. „Die Politik hat seit dem Bundestagsbeschluss fünf Jahre Zeit gehabt, die Voraussetzung für das Verbot bis zum 1. Januar 2019 zu schaffen. Anstatt zu handeln wurde Zeit verschwendet. Das Ergebnis ist völlig unbefriedigend“, sagte Ostendorff unserer Redaktion.

Notfalls wäre eine weitere Übergangsfrist um drei Monate akzeptabel gewesen, die Verlängerung um zwei Jahre sei völlig unnötig. „Was hat die SPD da geritten, nun als Partei, die etwas für den Tierschutz tun will, einem solchen Ergebnis zuzustimmen?“ Der gelernte Landwirt plädierte für eine Vollnarkose für die Kastration der Ferkel, die 80 Sekunden dauere. Nach einem Kurzschlaf seien die Tiere wieder quietschfidel.

Die diskutierte Lokalanästhesie sei zwar schmerzlindernd, schalte den Schmerz aber nicht aus – das werde in Zukunft aber vorgeschrieben. Ostendorff zeigte sich enttäuscht, dass die neue Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) keine Bewegung in das Bemühen zum Schutz der Ferkel schon ab nächstem Jahr gebracht habe. „Frau Klöckner lächelt das nur weg.“

Union und SPD hatten am Dienstag mitgeteilt, "zeitnah" eine Initiative zum Thema auf den Weg bringen zu wollen. Diese habe zum Ziel, noch in diesem Jahr die Übergangsfrist bis zum vollständigen Verbot der Kastration ohne Betäubung zu verlängern. Geplant seien zwei Jahre.

Eigentlich sollten die Bauern in Deutschland laut Tierschutzgesetz zum Jahresende die chirurgische Kastration ohne Betäubung bei unter acht Tage alten männlichen Schweinen einstellen. Ab 1. Januar 2019 muss dann ein Verfahren angewandt werden, das Schmerzen wirksam ausschaltet. Sofern das nicht möglich ist, müssen die Tierhalter auf eine chirurgische Kastration verzichten.

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Erst kürzlich scheiterte ein Vorstoß Bayerns im Bundesrat, mit dem der umstrittene Eingriff für eine Übergangszeit weiter ermöglicht werden sollte. Der Gesetzentwurf sah vor, die betäubungslose Kastration noch für einen Zeitraum von fünf Jahren zuzulassen. Kritiker des Verbots, unter anderem die Bauern selbst, führen vor allem an, dass es bislang keine praktikablen Alternativmethoden zur Ferkelkastration gibt. Die Ferkelkastration wird für notwendig gehalten, da männliche Schweine andernfalls den als unangenehm empfundenen Ebergeruch entwickeln.

Die Grünen-Agrarexpertin Renate Künast warf der Bundesregierung am Dienstag vor, "systematisch" den Tierschutz im Grundgesetz zu ignorieren. "Die Große Koalition ist der Alptraum aller Tiere", sagte Künast. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) tue "nichts dafür, das Leben der Tiere zu verbessern". Stattdessen beuge sich die Regierung der Meinung des Bauernverbands. Es gebe aber "längst Alternativen" zur betäubungslosen Kastration, etwa die Impfung.

Der Deutsche Bauernverband reagierte erleichtert auf die Fristverlängerung. „Wir begrüßen die Empfehlung des Koalitionsausschusses und erwarten, dass der Bundestag diese umsetzt“, sagte Bauernpräsident Joachim Rukwied unserer Redaktion. Zugleich forderte er Landwirtschaftsministerin Klöckner auf, jetzt „schnellstmöglich die Anwendung der Lokalanästhesie für die Ferkelkastration zu ermöglichen“.

Rukwied betonte: „Wir wollen den Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration und brauchen dafür praktikable Verfahren. Nur dann kann die deutsche Ferkelaufzucht im europäischen Wettbewerb bestehen und der Tierschutz gestärkt werden.“ Der Bauernverband zieht die Lokalanästhesie, die von den Bauern selbst praktiziert werden kann, der von Ökolandwirten favorisierten Vollnarkose vor. Für diese werden zusätzliche Geräte und eine Tierarztbehandlung benötigt. Viele Sauen-Halter in Deutschland befürchten wegen Tierschutzvorgaben Wettbewerbsnachteile gegenüber Anbietern aus anderen europäischen Staaten.

(Mit Material der AFP)
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