FDP: Christian Lindner will überzeugte Wähler, keine zufälligen mehr

100-Tage-Bilanz mit Ausblick: Die neue Lindner-Strategie für eine FDP ohne „Flugsand“

100 Tage ist die neue Regierung nun im Amt. Das bedeutet auch: 100 Tage Opposition für die FDP. Wie sich die Partei im Schatten des Unionsstreites aufstellt und den Schalter auf langfristige Wählerbindung umlegt.

Es ist schon höhere politische Mathematik, wie FDP-Chef Christian Lindner die Hundert-Tage-Bilanz von Schwarz-Rot zu einer doppelten Positionierung nutzt. Einerseits widmet er sich mit Erschrecken dem Unionsstreit zu, in dem die Kanzlerin geradezu zu einer „Hassfigur“ gemacht worden sei. Andererseits erwähnt er, dass auch die Liberalen Kritik an der Kanzlerin hätten und versteckt die Hauptbotschaft dann in einer eher beiläufigen Bemerkung: „Deshalb haben wir auch unter ihrer Führung keine Koalition bilden können.“

Das klingt doch arg nach dem CSU-Chef Horst Seehofer zugeschriebenen (von ihm aber offiziell dementierten) Zitat, er könne mit dieser Frau nicht mehr zusammenarbeiten. Und es zeigt, wie Lindner sich vor allem Gedanken über eine Zukunft der FDP in der Zeit nach Merkel macht.

Lindner spricht von schwierigen Zeiten für die Opposition

Zu erkennen ist damit die Strategie hinter dem Manöver, aus weit fortgeschrittenen Jamaika-Verhandlungen kurz vor dem Ziel wieder auszusteigen: Die FDP hat aus dem knappen Rauswurf im Jahr 2013 gelernt, nicht mehr auf kurzfristige Stimmungen zu setzen, sondern langfristige Chancen und Bindungen in den Blick zu nehmen. Und deshalb auch mal nicht den Verlockungen von Dienstwagen und Ministerämtern zu erliegen.

Früher war nach Lindners Analyse einfach zu viel Flugsand bei den Liberalen. „Flugsand“ sind für ihn Augenblickswähler, die damit Protest gegen andere, Augenblicksstimmungen oder Stimmensplittingstrategien verbinden. Zehn bis elf Prozent Überzeugte seien ihm wichtiger als 16 Prozent „Flugsand“, betont der FDP-Chef.

  • Die Kanzlerin als Ziel : Unangebrachter Spott von Christian Lindner

Und um diesem Ziel einer ständigen zweistelligen Unterstützung näher zu kommen, hätten die Liberalen mit „Mut“ den schwierigeren Weg gewählt, den sie immer noch und immer wieder erklären müssten: Warum sie nicht in die Regierung eintraten.

Momentan seien es schwierige Zeiten für die Opposition, formuliert Lindner, „denn die Regierung ist sich Opposition genug“. Doch das sind flotte Sprüche. So wie seine Bilanz, er habe ein „Weiter so“ der Groko erwartet, und es sei ein „Schlimmer so“ dabei herausgekommen. Viel entscheidender ist für ihn im Jahr der hessischen und bayerischen Landtagswahlen, dass in beiden Ländern die bisherigen schwarzen und schwarz-grünen Regierungen keine Mehrheit mehr haben.

Vor allem für Bayern sieht er gute Chancen auf eine wachsende Rolle der FDP. Das hängt für ihn wieder mit dem aktuellen Unionsstreit zusammen. „Gerade diejenigen, die über Jahre die politischen Entscheidungen von Frau Merkel mitgetragen haben, wollen nunmehr in der Endphase ihrer Kanzlerschaft gar nichts mehr damit zu tun haben“, stellt er anklagend fest – und sagt voraus, dass die Wähler in Bayern schon den Beleg dafür liefern werden, „dass die Menschen das so nicht glauben“.

Und auf Bundesebene? Lindner erinnert daran, dass er der Union als Alternative zu Jamaika eine schwarz-gelbe Minderheitsregierung vorgeschlagen habe. Und wenn jetzt die Groko kracht? Steht er dann für neue Verhandlungen zur Verfügung? Er wünsche es sich zwar nicht, dass Deutschland in dieser Weltlage erneut Stabilität verliere, aber dann müssten die Wähler „neu das Wort haben“.

Mehr von RP ONLINE