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Plagiatsvorwürfe gegen Bundestagspräsident: Fall Lammert — Die Experten sind sich uneins

Plagiatsvorwürfe gegen Bundestagspräsident : Fall Lammert — Die Experten sind sich uneins

Experten haben die Substanz der Fundstellen in der Doktorarbeit, die zur Plagiatsanzeige gegen Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) geführt haben, am Dienstag unterschiedlich bewertet.

Der Münchner Juraprofessor Volker Rieble bezeichnete die Übernahme von Fußnoten durch Lammert von anderen Autoren als unproblematisch, solange Lammert nicht den Eindruck erweckt, er habe die Originalquellen zitiert. "Dies hier ist kein offenkundiges Textplagiat", sagte Rieble der Online-Ausgabe der "Süddeutschen Zeitung". Dazu habe Lammert die Passagen zu sehr überarbeitet.

Der Politologe Wolfgang Jäger kritisierte unterdessen den anonymen Autor der Vorwürfe, eine fehlerhafte Dokumentation vorgelegt zu haben. "Der hat nicht seriös gearbeitet", sagte Jäger der "Süddeutschen Zeitung". Der im Internet veröffentlichten Aufstellung zufolge soll sich Lammert bei dem Politikwissenschaftler bedient und aus einem Buch zitiert haben, das es gar nicht gibt. Dies sei falsch, betonte Jäger. Er habe damals den Titel fehlerhaft wiedergegeben, das Buch existiere jedoch. Auch der Politologe Hans-Otto Mühleisen stellte sich hinter Lammert: "Ich kann bisher nichts erkennen, was auf ein Plagiat schließen lässt". In der Arbeit Lammerts finden sich Ähnlichkeiten mit einigen Werken Mühleisens.

Der Nürnberger Plagiatsjäger Martin Heidingsfelder, der nach eigenen Angaben im Frühjahr 2011 die Plagiatssuchmaschine "Vroniplag" gegründet hatte, hielt die Fundstellen dagegen für schwerwiegend genug, um Lammert letztlich den Doktortitel zu entziehen. "Die Dokumentation ist so substanziell, dass ich davon ausgehe, dass auch Herr Lammert seinen Doktortitel verlieren könnte", sagte Heidingsfelder. "Es sieht nicht gut aus für ihn, aber das letzte Wort hat die Universität."

"Die Prüfung der Doktorarbeit durch meinen Kollegen Robert Schmidt schaut wieder sehr ordentlich und sauber gearbeitet aus. Die Plagiatsanzeige ist gut dokumentiert", betonte Heidingsfelder, der im Mai 2012 auch "Schavanplag" ins Leben gerufen hatte.

Heidingsfelder war allerdings nicht der erste Plagiatsjäger, der damals in der Doktorarbeit von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) fündig geworden war. Auch im Falle Schavans soll es zuerst Robert Schmidt gewesen sein, der fragwürdige Textstellen in ihrer Doktorarbeit angezeigt hatte.

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Robert Schmidt ist ein Pseudonym. Heidingsfelder und Schmidt kennen sich. Heidingsfelder gibt an, bei "Vroniplag" sogar früher mit Schmidt zusammengearbeitet zu haben. Auf der gestern von Robert Schmidt freigeschalteten Internetseite www.lammertplag.wordpress.com, auf der Schmidt die Fundstellen in Lammerts Doktorarbeit dokumentiert hat, geht Robert Schmidt zu seinem früheren Kollegen Heidingsfelder deutlich auf Distanz: "Ich warne an dieser Stelle vor dem für unhaltbare Plagiatsvorwürfe notorischen Nürnberger Kaufmann Martin Heidingsfelder, der bereits im Fall der ehemaligen Bundesbildungsministerin und kürzlich auch gegen den Mann der bayerischen Sozialministerin Haderthauer Anschuldigungen erhoben hat, die einer Überprüfung nicht standhalten konnten", schreibt Schmidt über seinen Ex-Kollegen auf der Internetseite. Heidingsfelder fehle es am "erforderlichen Urteilsvermögen", behauptet Schmidt.

Er habe die Dissertation Lammerts seit Mitte Juni untersucht und rund 250 Arbeitsstunden investiert, erklärt der Plagiatsjäger demnach weiter. Er wehre sich zudem gegen den Vorwurf, eine politische Agenda zu verfolgen: "Ich hätte zum Beispiel auch wissenschaftliches Fehlverhalten prominenter SPD-Mitglieder öffentlich gemacht, aber das hat sich nicht so ergeben", zitiert die "Welt".

(mar)