Faire Ernährung: Wie schaffen wir es, besser zu essen?

Faire Ernährung: Wie schaffen wir es, besser zu essen?

Immer mehr Bürger verlangen nach gesunden Lebensmitteln und einer besseren Haltung von Tieren. Es mangelt jedoch an klaren Kennzeichen und dem Verständnis für die Digitalisierung der Agrarwirtschaft. Eine Analyse.

Gerd Müller (CSU) hat gerade „fair“ gefrühstückt. Mit sauber produzierten Lebensmitteln, bei deren Herstellung das Tierwohl beachtet und Arbeiter angemessen bezahlt wurden. Eine schöne heile Welt. Doch die Wirklichkeit sieht meistens anders aus. Denn oft fehlt es Verbrauchern an Zeit, Geld oder Wissen, um so zu essen, wie der Bundesminister für Entwicklungszusammenarbeit am Freitag, dem Eröffnungstag der internationalen Grünen Woche in Berlin.

Der CSU-Politiker hat obendrein bei allem was er tut, die Brille der sogenannten Dritten Welt auf, wodurch er verdorrte Erde, Kinder mit Hungerbäuchen und untragbare Bedingungen bei der Produktion von Kakao, Kaffee und Textilien vorfindet. Er mahnt: „Es darf nicht sein, dass wir weiterhin Güter nach Europa importieren, in denen ausbeuterische Kinderarbeit steckt.“ Es darf zudem nicht sein, dass im reichen Deutschland, wo es Essen im Überfluss gibt, Umwelt und Tiere gnadenlos ausgebeutet werden. Damit wird Müllers Kabinettskollegin, Argar- und Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU), auf der Grünen Woche konfrontiert. Mit der grundsätzlichen ethischen Frage: Was ist fair?

Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) auf der Grünen Woche. Foto: dpa/Christoph Soeder

Toni Garrn, Fotomodell, ist mit Müller unterwegs. Sie isst Insekten statt Fleisch. „Das ist eine Super-Protein-Source“, sagt sie an einem Stand mit Heuschrecken, Mehlwürmern und Grillen. Das ist allerdings auch ein Ausdruck der Wohlstandsgesellschaft.

Die gut sieben Milliarden Menschen der Weltbevölkerung könne man „nicht über Fleisch, Fleisch, Fleisch“ ernähren, sagt Müller. Das ist auch nicht nötig. Allein in Deutschland bemühen sich immer mehr Menschen um einen bewussteren Konsum. Vielen ist es nicht mehr egal, wie das Tier vor seinem Tod gelebt hat. Sie möchten mit gutem Gewissen Schweine-, Rind- oder Hühnerfleisch essen. Die Supermarktketten Aldi, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto, Penny und Rewe erkennen das und wollen ab dem 1. April einheitliche Packungsaufdrucke mit der Aufschrift „Haltungsform“ in die Läden bringen. Das von Klöckner geplante staatliche Tierwohllabel wird voraussichtlich erst 2020 starten. Es trägt der Ministerin den Vorwurf ein, dass sie als Politikerin nicht vorangeht, sondern vom Handel längst abgehängt wurde. Verbraucher steuern gerade selbst den Markt, indem sie im Supermarkt nach fairem Fleisch greifen.

Der Trend zum bewussteren Umgang mit dem Nutztier spiegelt sich durch die Stände auf der Grünen Woche wider. Ein Jahr haben sich Chefköche und Forscher an einem neuartigen Burger versucht, jetzt wird dieser „unglaubliche Burger“ vorgestellt. Er ist zu 100 Prozent pflanzlich – aus Sojaeiweiß, Weizeneiweiß, Raps- und Kokosnussöl und Roter Beete. Die Zielgruppe: Flexitarier; Menschen, die weniger Fleisch essen, aber nicht auf den Geschmack verzichten wollen. Der Markt dafür ist in Europa und Nordamerika groß. Nichts für Afrika, nichts für die arme Welt.

In Deutschland gibt es derart viele Marken und Produkte, dass Verbraucher leicht den Überblick verlieren. Besonders darüber, was in dem Essen eigentlich drin ist. Oft ist das eben zu viel Fett, zu viel Zucker und zu viele zu ungesunde Kalorien. Die Krankenkassen beklagen hohe Kosten wegen immer mehr Behandlungen von immer mehr Diabetes-Patienten.

Verbraucherschützer fordern eine klare Kennzeichnung von Lebensmitteln, um dem Zuckerwahnsinn zu entkommen. Der Geschäftsführer der Organisation Foodwatch, Martin Rücker, sagt: „Was den Bürgerinnen und Bürgern wirklich helfen würde, um weniger nach zuckerhaltigen und fetten Produkten zu greifen, wäre eine verständlichere Kennzeichnung der Waren, eine Lebensmittelampel.“ Es sei einfach „mühsam“, die „Beschreibung auf der Rückseite“ zu lesen und zu verstehen. Der Einkauf sei zu zeitaufwendig. Rücker: „Es muss einfacher für die Menschen werden, sich gesund und ausgewogen zu ernähren.“

Klöckner hingegen findet, die Ampel würde Menschen in die Irre führen. Auch der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL), der Spitzenverband der Lebensmittelwirtschaft, spricht sich dagegen aus. Eine Nährwerttabelle pro Produkt reiche aus. Kleingedrucktes statt Klarheit auf den ersten Blick. Die Ernährungsministerin will bis zum Sommer Vorschläge für eine deutlichere Kennzeichnung von Lebensmitteln vorlegen – diese dann immerhin auf der Vorderseite der Ware.

Und dann ist da noch die Digitalisierung. Für die Bauern ein Riesenthema, ebenso für die Ministerin und die Kanzlerin. Angela Merkel prognostiziert: 2025 wird jede zweite Kuh in Westeuropa vom Roboter gemolken. Und Klöckner moniert, selbstfahrende Laster lösten allgemeine Begeisterung aus, aber Bäuerinnen stellten sich viele noch als eine Frau vor, die mit der Milchkanne in der Hand über den Hof renne. Mit 5G-Technologie bald tatsächlich an der Milchkanne? Ja unbedingt, sagen die Landwirte. Wer hat denn noch ein gutes Gefühl, wenn Trecker über die Felder fahren und Gift spritzen, um Unkraut zu vernichten? Sollte die Technik so ausgefeilt werden, dass darauf verzichtet werden kann, weil eine präzise gesteuerte Ackerhacke das Gift ersetzen kann, freuen sich nicht nur die Biobauern.

Bei aller technischen Entwicklung und notwendigen Digitalisierung müsse aber darauf geachtet werden, dass das immense Datenvolumen auch in jedem kleineren Betrieb beherrschbar bleibe. Letztendlich werde es weiterhin auf den Landwirt, sein Herz und seinen Verstand ankommen, sagt der Agrarexperte der Grünen-Bundestagsfraktion, Biobauer Friedrich Ostendorff aus NRW. Er erinnert sich an die Einstellung seiner Großmutter. „Das Auge des Herrn mästet das Vieh“, habe die gläubige Bäuerin immer gesagt, erzählt er. Und das gelte auch heute noch. Eine Frage der Fairness.

(kd/hom)
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