Facebook-Experiment: Aus dem Alltag eines EU-Hassers

Facebook-Experiment : Aus dem Alltag eines EU-Hassers

Unser Autor wollte herausfinden, warum Menschen bei Facebook Hass verbreiten. Deshalb hat er Andreas Schreiner erfunden. Dies ist seine Geschichte.

Andreas Schreiner ist Mitte 30, kommt aus Mönchengladbach und ist sauer. Sauer auf Flüchtlinge und vor allem auf die Flüchtlingspolitik. Mit der EU und unserer europäischen Wertegemeinschaft kann er wenig anfangen. Und das sagt er auf Facebook auch jedem, der es (nicht) wissen will. Sein Profil sieht so klischeehaft aus wie möglich. Sein Profilfoto ziert eine wehende Deutschlandflagge, ansonsten gibt Andreas wenig aus seinem nicht existenten Privatleben preis. Denn Andreas Schreiner, das bin ich. Ich habe ihn erfunden, weil ich herausfinden will, warum Menschen so sind wie er. Warum sie im Internet Hass verbreiten und welche Erfahrungen sie dabei machen. Ich will, um authentisch zu bleiben, dass er ohne großen Aufwand als der Internet­troll identifiziert werden kann, der er nun mal ist.

Um Unterstützung und Reichweite zu haben, trete ich zunächst Gruppen bei, die in abschließender Bewertung genauso dumm sind, wie sie klingen. „Deutschland Mein Land Mein Stolz Mein Leben“ heißt eine, „Ich bin stolz, deutsch zu sein“ eine andere. Sie wimmeln von Leuten, die vermutlich dasselbe wollen wie ich. Im Minutentakt hetzen „Patrioten“ hier gegen Ausländer und die Regierung, glorifizieren Bundeswehr und Wehrmacht und verbreiten halbseidene Verschwörungstheorien. Sie wollen, dass Deutschland aus der EU austritt, zur Deutschen Mark zurückkehrt und vermutlich gleich alle internationalen Beziehungen abbricht. Ich sende ein paar Freundschaftseinladungen an echte oder unechte Menschen – und die Lawine gerät ins Rollen.

Als ich mich am Abend erneut einlogge, habe ich binnen vier Stunden über 100 Freundschaftsanfragen erhalten und bin schier erschlagen von der Informationsflut. Sie alle zu prüfen und anzunehmen, würde Stunden dauern. Der Stichprobentest ergibt: Die meisten „Freunde“ sind Männer zwischen 40 und 60, viele haben wie ich die deutsche Flagge, die des Kaiserreichs oder gleich die Reichskriegsflagge als Profilfoto ausgesucht. Über die Hälfte, mutmaße ich, sind offensichtlich ebenfalls Fake-Profile. Einige wenige Menschen von offenbar eher schlichtem Gemüt tun mir fast schon leid, als sie mir auf den Leim gehen. Leute grüßen mich, laden mich in noch mehr zweifelhafte Gruppen ein. Interessant: Der Facebook-Werbealgorithmus glaubt, dass ich ein Sachse bin. Ständig erhalte ich Werbung der Landeskampagne „So geht sächsisch.“

Offenbar gibt es auf Facebook einige Menschen, die verzweifelt versuchen, ihre Plattform zu vergrößern. Es dauert nicht lange, bis ich auch in die nicht-öffentliche und auch nicht-offizielle „AFD-GRUPPE Bundesweit“ aufgenommen werde. Dort stelle ich mich kurz vor und frage: „Wo kann man am besten seinem Ärger Luft machen hier auf Facebook?“ Der Tenor: Lass einfach Luft ab und du wirst sehen, was passiert. Wahrscheinlich wirst du schnell gesperrt.

Wer Hass verbreiten will, muss früh aufstehen. Das ist die erste Lektion, die ich im offenen Feld lerne. Die Konkurrenz auf Nachrichtenportalen ist groß, und anscheinend ist unter jedem Artikel nur Platz für eine Handvoll Internettrolle, die die ganze Aufmerksamkeit für sich einfordern. In meinem ersten Hasskommentar wünsche ich Theresa May, Großbritannien und am besten gleich die ganze EU zum Teufel. Alles in mir sträubt sich dagegen, auf „Senden“ zu drücken. Als ein paar Stunden später niemand auf meine Provokation reagiert hat, bin ich erleichtert, aber irgendwie auch enttäuscht. Mit jedem Beitrag verfliegt die Scham mehr, werde ich mutiger und expliziter.

Es dauert eine Weile, bis ich verinnerlicht habe, dass nicht ich dort hetze, sondern Andreas Schreiner. Ich nehme mir ein Beispiel an meinen „Freunden“, fordere die Ausweisung aller Flüchtlinge, die Schließung der Grenzen und den Rücktritt Merkels. Diesmal mit mehr „Erfolg“ – Menschen reagieren wütend, lachen mich aus oder stimmen mir zu. Als die Seite „Afd-Watch“ einen Artikel teilt, in dem es um eine Karnevalsparty im Erzgebirge mit Nazi-Kostümen geht, frage ich: „Wo ist das Problem?“ Eine kritische Dame wird auf mich aufmerksam und beginnt, mein Profil zu durchforsten. Völlig zu Recht nennt sich mich einen „dümmlichen Provokanten“, schreibt empört unter mehrere meiner Beiträge. Das Gute daran: Im Internet bin ich niemandem Rechenschaft schuldig, kann jede Konfrontation ignorieren und muss keine Konsequenzen fürchten.

Mit dem Thema Europa gewinne ich bei Facebook – abseits der allgegenwärtigen Brexit-Debatte – keinen Blumentopf. Das Thema EU scheint die Leute nicht besonders zu interessieren – auch im geschützten Gruppen-internen Raum. So entstehen die hitzigen Diskussionen eigentlich immer nur bei den gleichen Schlagwörtern, die nur indirekt mit Europa zu tun haben – Flüchtlinge, Ausländer, Merkel. Unser Europa interessiert die meisten Menschen nicht, könnte man schlussfolgern. Unser Europa ist für die meisten so selbstverständlich und akzeptiert, dass es überhaupt nicht zur Diskussion steht, könnte man ebenfalls argumentieren.

Ein paar Tage später habe ich genug gesehen. Viele Leute haben sich über mich aufgeregt, viele mir zugestimmt, und trotzdem habe ich nicht das Gefühl, dass Andreas Schreiner die Welt verändert hat. Gesperrt worden ist er nicht, weil er die Grenze zum Unerlaubten dann wohl doch nicht überschritten hat. Er ist einer von Tausenden, die das Netz zu einem schlechteren Ort machen, die das Diskussionsklima mit Hass und Aggression verpesten.

Der Journalist Karsten Schmehl hat den Begriff „Rechtsfluencer“ etabliert. Dazu zählt er Menschen, die gezielt, gerne auch durch Falschaussagen, rechte Stimmung im Internet machen, andere manipulieren und damit eine Strömung erzeugen, die sogar Wahlergebnisse entscheidend beeinflussen kann. Ich hoffe, dass mir das nicht gelungen ist.

Mehr von RP ONLINE