Präsidentin der Europäischen Zentralbank Christine Lagarde erklärt, warum die EZB die Zinsen angepasst hat

Meinung | Frankfurt am Main · Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Donnerstag ihre Leitzinsen gesenkt. Im Gastbeitrag erläutert EZB-Präsidentin Christine Lagarde diesen Schritt und was noch zu tun ist, damit die Inflation im Euro-Raum mittelfristig auf zwei Prozent zurückkehrt.

 EZB-Präsidentin Christine Lagarde am Donnerstag in Frankfurt am Main in der Pressekonferenz nach der Zinssenkungs-Entscheidung.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde am Donnerstag in Frankfurt am Main in der Pressekonferenz nach der Zinssenkungs-Entscheidung.

Foto: AFP/KIRILL KUDRYAVTSEV

Vor zwei Jahren haben wir mit der Anhebung unserer Leitzinsen begonnen, da die Inflation viel zu hoch war. Mittlerweile hat sich die Lage gebessert. Einige Preise steigen zwar immer noch kräftig, vor allem im Dienstleistungssektor, insgesamt ist die Inflation aber deutlich zurückgegangen. Sie ist derzeit auf gutem Weg, im kommenden Jahr zwei Prozent zu erreichen. Eine Inflation von zwei Prozent streben wir im Sinne der Preisstabilität an.

Da die Inflation zurückgegangen ist, kann die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen senken, und so haben wir am Donnerstag unseren Leitzins um 0,25 Prozentpunkte herabgesetzt, nachdem er neun Monate lang vier Prozent betragen hatte. Dies bedeutet, dass sich Privatpersonen nun günstiger Geld bei der Bank leihen können und Unternehmen weniger für ihre Investitionskredite zahlen.

Unser Beschluss markiert auch einen wichtigen Moment in unserem Kampf gegen die Inflation.

Im Juli 2022 hatten wir begonnen, die Zinsen anzuheben. Dies war Teil einer Phase, die Fachleute „geldpolitische Straffung“ nennen. Bildlich ausgedrückt: Wir sind auf die Bremse getreten. Wir haben die Zinsen so schnell wie nie zuvor angehoben, um 4,5 Prozentpunkte in einem Zeitraum von knapp über einem Jahr. Wir sind entschlossen vorgegangen, da die Inflation viel zu stark gestiegen war. Im Oktober 2022 verzeichnete sie mit 10,6 Prozent ihren Höchstwert.

Was Inflation konkret bedeutet
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Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Ein Grund für den rapiden Anstieg der Inflation war die ungerechtfertigte Invasion Russlands in der Ukraine, aufgrund derer die Preise für Energie und Nahrungsmittel in die Höhe schnellten. Außerdem hatten viele Unternehmen zunehmend Schwierigkeiten, an Ausrüstung, Material und Ersatzteile zu kommen. Dadurch verschärften sich die Probleme, die bereits während der Pandemie aufgetreten waren.

Zudem bestand die reale Gefahr, dass die Menschen sich an eine hohe Inflation als neue Normalität gewöhnen könnten. Das würde bedeuten, dass sich Unternehmen bei der Festlegung ihrer Preise und Arbeitnehmer bei Gehaltsverhandlungen darauf berufen. Käme es dazu, so würde sich die hohe Inflation auf Dauer in der Wirtschaft festsetzen.

Daher mussten wir alles Notwendige tun, um diese Gefahr zu vermeiden. Es ist unsere Pflicht gegenüber den Menschen in Europa, die Inflation niedrig und stabil zu halten. Uns ist bewusst, welche Belastung die steigende Inflation und die daraus folgenden Zinsanhebungen für manche Menschen und Unternehmen bedeutete. Die Kosten für Unternehmens- und Immobilienkredite stiegen rasant an. Alles wurde teurer, doch die Einkommen – Löhne und Renten – hielten nicht Schritt, zumindest anfangs nicht.

Mit unseren konsequenten Maßnahmen sorgten wir dafür, dass die hohe Inflation nicht zu lange gedauert hat. Im September 2023 war die Inflation auf 5,2 Prozent gesunken und betrug damit etwa die Hälfte ihres Höchststandes im Jahr davor. Auch die Gefahr, dass sich die hohe Inflation in den Erwartungen der Bevölkerung festsetzt, war größtenteils gebannt.

So konnten wir die nächste Phase unserer Geldpolitik einläuten: eine Phase, in der wir die Zinsen unverändert beließen. Um bei unserem Bild zu bleiben: Wir traten nicht fester auf die Bremse, lösten sie aber auch nicht. Wir waren zwar sicher, dass die Zinsen zur Senkung der Inflation beitrugen, doch die Inflation war einfach noch zu hoch für eine Entwarnung. In diesem Umfeld wäre es kontraproduktiv gewesen, zu schnell mit Zinssenkungen zu beginnen.

Nun sehen wir aber in vielen Bereichen Fortschritte: Die Inflation ist auf 2,6 Prozent gefallen, hat sich also abermals halbiert. Sie befindet sich aktuell auf gutem Weg, gegen Ende des kommenden Jahres die Marke von zwei Prozent zu erreichen. Unsere Geldpolitik leistet dabei einen beträchtlichen Beitrag. Mit der Senkung der Zinsen haben wir beschlossen, den Grad der geldpolitischen Straffung zu reduzieren.

Es wird jedoch noch eine ganze Weile dauern, bis die Inflation komplett aus der Wirtschaft verbannt ist. Bis dahin wird nicht alles glattlaufen. Wachsamkeit, Einsatz und Durchhaltevermögen werden auf diesem Weg gefragt sein.

Aus diesem Grund müssen die Zinsen so lange restriktiv bleiben, wie es notwendig ist, um auf Dauer Preisstabilität sicherzustellen. Mit anderen Worten: Wir müssen den Fuß noch eine Weile auf der Bremse lassen, wenn auch nicht mehr ganz so fest wie bisher.

Für unsere künftigen geldpolitischen Beschlüsse wird entscheidend sein, ob wir weiter beobachten können, dass die Inflation zeitnah auf unseren Zielwert zurückkehrt, der Preisdruck in der Wirtschaft insgesamt nachlässt und unsere Geldpolitik weiter effektiv gegen die Inflation wirkt. Diese Faktoren werden vorgeben, wann es an der Zeit ist, die Bremse weiter zu lösen.

Wir haben große Fortschritte gemacht, aber unser Kampf gegen die Inflation ist noch nicht vorbei. Als Hüterin des Euro sind wir dazu verpflichtet, zum Wohle aller Menschen in Europa für eine niedrige und stabile Inflation zu sorgen.