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Berlin: Experte: Rente künftig erst ab 70

Berlin : Experte: Rente künftig erst ab 70

Die Deutschen bekommen heute doppelt so lange Rente wie im Jahr 1960. Um die Rente bezahlbar zu halten, muss die Regelaltersgrenze auf 70 steigen, sagt Ökonomie-Professor Raffelhüschen.

Weil die Deutschen immer länger leben, bekommen sie auch immer länger Rente. Um die Beitragszahler nicht übermäßig zu belasten, fordert Renten-Experte Bernd Raffelhüschen nun eine Anhebung der Regelaltersgrenze auf 70 Jahre. "Die Deutschen müssen länger als bis 67 arbeiten. Spätestens 2060 brauchen wir die Rente mit 70, damit die Rente bezahlbar bleibt", sagte er unserer Zeitung. Pro Generation, also etwa alle 30 Jahre, erhöhe sich das durchschnittliche Lebensalter um etwa fünf Jahre. Entsprechend müsse auch die Lebensarbeitszeit steigen, so der Freiburger Ökonomie-Professor.

Auch andere Experten wie Klaus Zimmermann, Chef des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), und der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU) haben sich für die Rente mit 70 ausgesprochen.

Wie stark die Rentenbezugsdauer gestiegen ist, zeigen jüngste Daten der Deutschen Rentenversicherung. Danach hatten Frauen, die 2013 gestorben sind, im Durchschnitt 21 Jahre lang Rente bekommen. 1960 hatten Frauen nicht mal halb so viel von ihrer Rente: Im Durchschnitt erhielten sie 10,6 Jahre Rente. Ähnlich sieht es bei Männern aus: Wer 2013 gestorben ist, hat im Schnitt 17,2 Jahre Rente bezogen. Im Jahr 1960 waren es erst 9,6 Jahre. Nach Einschätzung der Statistiker wird die Lebenserwartung der Deutschen weiter steigen: 2060 werden Frauen ihren 65. Geburtstag im Schnitt um 25,5 Jahre überleben. Bei Männern werden es 22,3 Jahre sein.

"Auf Dauer wird die Rente mit 67 nicht reichen. Das war auch der Regierungs-Kommission schon klar, die 2002 die Rente mit 67 vorbereitet hat", so Raffelhüschen weiter. Er war Mitglied in der im November 2002 von der Bundesregierung eingesetzten "Kommission für die Nachhaltigkeit in der Finanzierung der Sozialen Sicherungssysteme" (Rürup-Kommission). Diese hatte unter anderem die Erhöhung der Regelaltersgrenze von 65 Jahre auf 67 Jahre vorgeschlagen, was später die erste große Koalition unter Angela Merkel zum Gesetz machte. Seit 2012 steigt nun schrittweise das Renteneintrittsalter an. Die Rente mit 67 gilt dann für alle, die 1964 oder später geboren worden sind.

Schon diese Anhebung hatte für massive Proteste der Gewerkschaften gesorgt. Entsprechend groß dürfte der Widerstand gegen eine weitere Erhöhung der Regelaltersgrenze sein. "Diese Frage wird in Deutschland sehr ideologisch diskutiert. Die skandinavischen Länder machen uns vor, wie es besser geht", sagte Raffelhüschen. Die Schweden etwa hätten die Rente aus dem politischen Streit geholt, indem sie eine "regelgebundene Politik" machen: Wenn die Lebenserwartung steigt, wird der von jedem Bürger erworbene Rentenanspruch einfach auf mehr Jahre verteilt, so dass die monatliche Rente geringer ausfällt. "Die skandinavische Regelung führt dazu, dass die Menschen Anreize haben, so lang wie möglich - viele sogar bis 70 - zu arbeiten", so der Rentenexperte.

Eine Erhöhung der Grenze hätte zwei positive Effekte: Der Druck auf den Beitrag würde sinken. Derzeit zahlen Betriebe und Arbeitnehmer 18,9 Prozent des Lohns an die Rentenkasse, das jüngste Reform-Paket (Rente mit 63, Mütterrente) wird den Beitrag aber bis 2040 auf über 26 Prozent steigen lassen. Der Wirtschaft, der mit dem Schrumpfen der Gesellschaft die Fachkräfte schwinden, würden zudem durch die Rente mit 70 erfahrene Mitarbeiter länger zu Verfügung stehen.

(RP)