Mit 83 Jahren gestorben Ex-DDR-Geheimdienstchef Markus Wolf ist tot

Berlin (RPO). Der ehemalige DDR-Spionagechef Markus Wolf ist tot. Er starb in der Nacht zum Donnerstag im Alter von 83 Jahren in Berlin. Er sei nachts im Bett friedlich eingeschlafen, sagte eine Sprecherin seines Buchverlags. Wolf musste sich nach der Wende für seine Spionagetätigkeit vor Gericht verantworten.

Er zählte zu den umstrittensten Persönlichkeiten der deutschen Nachkriegsgeschichte. Markus Wolf war Spionagechef des Staatssicherheitsdienstes der DDR. Zum Ende der DDR und danach äußerte er sich DDR-kritisch. Nach der Wende musste sich Wolf, der auch als Autor in Erscheinung trat, in mehreren Prozessen verantworten. Am Donnerstag starb Wolf im Alter von 83 Jahren, wie der Verlag "Das Neue Berlin" mitteilte. Wolf sei friedlich im Bett in seiner Berliner Wohnung eingeschlafen.

Geboren wurde "Mischa" Wolf im baden-württembergischen Hechingen als Sohn des jüdischen Schriftstellers und Arztes Friedrich Wolf. Die Familie emigrierte 1933 erst nach Frankreich und dann in die Sowjetunion. Als KPD-Mitglied kehrte Markus Wolf 1945 nach Ost-Berlin zurück und arbeitete zunächst als Journalist. Die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse verfolgte er als Berichterstatter.

1956 wurde Wolf im DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) Chef der Auslandsspionage. Ihm unterstanden rund 4000 Auslandsagenten. Zu ihnen gehörte der spätere Kanzlerreferent Günter Guillaume. Im Zuge seiner Enttarnung 1974 trat letztlich auch Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) zurück.

1986 quittierte Wolf, inzwischen Stellvertreter von Stasi-Chef Erich Mielke, seinen Dienst bei der Staatssicherheit. Offiziell begründete Wolf diesen Rückzug damit, ein Projekt seines 1982 verstorbenen Bruders und Filmregisseurs Konrad Wolf zu Ende führen zu wollen. Noch vor dem Mauerfall - im März 1989 - veröffentlichte Markus Wolf ein Buch unter dem Titel "Die Troika". Die Geschichte dreier Jugendlicher im Moskauer Exil, deren Wege sich trennen, zeichnete sich nicht zuletzt durch Kritik am Stalinismus aus. Im September 1989 gestand Wolf in der "Süddeutschen Zeitung" eine Mitverantwortung für die Mängel in der DDR ein.

DDR-Kritik in der Wendezeit

In der Wendezeit machte Wolf mit DDR-Kritik von sich reden. Bei seiner Rede anlässlich der Großdemonstrationen auf dem Berliner Alexanderplatz vom 4. November 1989 wurde er aber ausgepfiffen. Im Zuge der Wiedervereinigung floh Wolf zunächst nach Moskau, weil ein Haftbefehl gegen ihn vorlag. Nach dem Putsch gegen den sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow suchte Wolf Zuflucht in Österreich. 1991 kehrte Wolf nach Deutschland zurück.

Nach seiner Rückkehr in die Bundesrepublik wurde Wolf festgenommen, aber wenige Tage später unter strengen Auflagen auf freien Fuß gesetzt. Die Bundesanwaltschaft erhob Anklage wegen Landesverrats in Tateinheit mit Bestechung. Wolf nannte den Prozess vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht eine "Farce" und fühlte sich als Opfer von "Siegerjustiz". Wolf wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt, bekam aber wegen eines ausstehenden Verfassungsgerichtsurteils zur Strafbarkeit von DDR-Spionen Haftverschonung.

Karlsruhe urteilte 1995, dass die Strafbarkeit nur eingeschränkt möglich ist, das Urteil gegen Wolf wurde daraufhin aufgehoben. Es kam in Düsseldorf nunmehr zur Anklage wegen Körperverletzung und Freiheitsberaubung. 1997 wurde Wolf wegen Freiheitsberaubung in vier Fällen zu zwei Jahren Haft verurteilt, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurden. 1998 wurde Wolf in Beugehaft genommen, weil er sich im Verfahren gegen den SPD-Politiker Paul Gerhard Flämig geweigert hatte, den Namen eines Mitarbeiters zu verraten, den er in seinem Buch "Spionagechef im geheimen Krieg" genannt hatte. Der Bundesgerichtshof hob die Beugehaft auf.

Wolf arbeitete zugleich als Buchautor. Dabei ging es nicht immer politisch zu. 1995 weihte Wolf seine Leser in die "Geheimnisse der russischen Küche" ein. 2002 veröffentlichte er im Verlag "Das Neue Berlin" das Erinnerungsbuch "Freunde sterben nicht". Gegenwärtig wird nach Angaben des Verlags eine von Wolf mitverfasste, zweibändige Entstehungsgeschichte der Geheimdienste in West- und in Ostdeutschland vorbereitet.

Dass er von westlichen Geheimdiensten als "Mann ohne Gesicht" bezeichnet wurde, hat Wolf im Übrigen nie verstanden. Bei einer konspirativen Reise nach Stockholm 1979 entstand ein Foto des angeblich bis dahin "gesichtslosen" Spionagechefs. Er habe die Öffentlichkeit beileibe nicht gescheut, sagte Wolf vor einigen Jahren bei einer Buchlesung. Bei Demonstrationen zum 1. Mai habe er auf der Tribüne gestanden, bei Jugendweihen sei er an vielen Friedrich-Wolf-Schulen aufgetreten - stets in Uniform, denn "die Kinder wollen einen echten General so sehen".

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