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Altkanzler Kohl in Berlin gefeiert: "Es war eine phantastische Zeit"

Altkanzler Kohl in Berlin gefeiert : "Es war eine phantastische Zeit"

30 Jahre nach seinem Regierungsantritt hat sich Helmut Kohl in Berlin feiern lassen und selbst die europäische Einheit beschworen. Als Rückblick auf sein Leben sagte er: "Es war eine phantastische Zeit".

Kohl hat ihn mehr als einmal gespürt, den viel zitierten "Mantel der Geschichte", längst ist er selbst in die Geschichtsbücher eingegangen. Auch deshalb hat die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung als Ort für die zentrale Feier zu Kohls Regierungsantritt vor 30 Jahren den Schlüterhof im Deutschen Historischen Museum gewählt. Die 600 Gäste sind umgeben von gespenstisch grell-orange angestrahlten Fratzen, teils mit aufgerissenen Mündern und erschreckten Augen. So als sollte in all den Lobeshymnen auch an die anderen Momente in Kohls Kanzlerschaft erinnert werden.

Schäuble kommt trotz Zerwürfnis

Es ist der Abend, an dem die Kohl-Fans mit lautem und langem Beifall auf ein besonderes Zeichen reagieren. Wolfgang Schäuble hat die Einladung angenommen. Nach zwölfjährigem Zerwürfnis zwischen Kohl und seinem verhinderten Kronprinzen kommt Schäuble zwar mit Verspätung, aber er kommt. Im Gegensatz zu Kohl, der tags zuvor die Einladung Schäubles zur Geburtstags-Matinee zu Schäubles 70. ausgeschlagen hat. 13 Sitzplätze trennen den Kanzler der Einheit von seinem Architekten der Einheit. Eine bleibende Distanz, aber auch schon der Ansatz einer Aussöhnung.

Angela Merkel, die vor zwölf Jahre den Bruch der Partei mit Kohl einleitete, hat eine große Rede vorbereitet, mit persönlichen Erlebnissen, vor allem mit historischen Einordnungen. Anders als erwartet stellt sie zunächst die innen- und sozialpolitischen Reformen und Erfolge Kohls in den Vordergrund und beschreibt Kohls internationale Vertrauensbildung als Voraussetzung und "unschätzbares Glück" für die Chance zur Wiedervereinigung.

Mit seinem Eintreten gegen die Teilung nicht zuletzt bei einer Tischrede in Ost-Berlin habe Kohl 1987 den Menschen in der DDR "Kraft gegeben", berichtet Merkel aus eigener Anschauung. Und sie erinnert an die "Berliner Erklärung" der europäischen Staats- und Regierunhschefs, gefasst genau an diesem Ort, dem Schlüterhof, mit der Feststellung: "Wir Europäer sind zu unserem Glück vereint." Kohl habe großen Anteil an diesem Glück.

Als Überraschungsredner überbringt US-Botschafter Philipp Murphy "voller Stolz die Grüße aller Amerikaner". Er erinnert daran, dass drei US-Präsidenten - Reagen, Bush und Clinton - stets großen Respekt für Kohl gehabt hätten. "Sie waren nicht nur körperlich eine überragende Figur", sagt Murphy und schlägt einen Bogen: Nur zwei Deutsche hätten die amerikanische Freiheitsmedaille erhalten: Kohl und Merkel.

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Russlands Botschafter Wladimir Grinin schließt sich an. Kohls Wirken für die deutsch-russische Verständigung sei "gewaltig" gewesen, betont er. Die deutsche Einheit sei möglich gewesen, weil "wir - das russische Volk - den Deutschen vertraut haben". Und für Kohl gebe es wohl kein größeres Geschenk, als die Früchte seines Wirkens mit eigenen Augen sehen zu können.

Kohls langjähriger geistlicher Begleiter, der Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann bedauert außerordentlich, wegen einer Knie-Operation nicht mit dabei sein zu können. Prälat Karl Jüsten nimmt für ihn in der ersten Reihe Platz - und trägt auch den Festvortrag des Kardinals zu Kohls Anspruch von der "geistig-moralischen Wende" von 1982 vor. Intensiv reflektiert er über den Freiheitsbegriff und das Verhältnis von Bürgern und Staat, über die Auswirkungen von Wohlstand und geistiger Auszehrung in den Nachkriegsjahrzehnten.

Die Wende-Ankündigungen hätten sich seinerzeit gegen Kohl gerichtet, als er nach dem Regierungsantritt nur noch selten davon gesprochen und Enttäuschung produziert habe. Lehmann verweist jedoch auf die Gespräche Kohls mit den Bischöfen, bei denen moralische Grundsätze für eine geistige Erneuerung konkret geworden seien. Es sei keine Wahltaktik, sondern es sei ihm Ernst gewesen. Kohls Erbe bleibe auch heute Verpflichtung.

Prodi: "Träumer und Macher"

Den "Träumer und Macher" Helmut Kohl feiert der ehemalige italienische Regierungschef und EU-Kommissionspräsident Romani Prodi. Kohl habe "Träume in Realität verwandelt" sagt Prodi. Video-Glückwünsche folgen: Von George W. Bush, von John Major ("Kohl forever"), von Jean-Claude Juncker ("er hat mir Europa beigebracht"), von weiteren Staatsleuten aus Frankreich, Polen, Kroatien, Israel.

Nachdem Merkel Kohl als erstem noch lebenden Kanzler eine eigene Briefmarke ("Kanzler der Einheit - Ehrenbürger Europas") überreicht hat, bekommt Kohl das letzte Wort. Er ist nicht leicht verständlich, aber er sagt danke für die Begleitung, sagt danke für die Unterstützung - und er bedankt sich sogar bei denen, "die mich provoziert und herausgefordert haben". Rückblickend fasst er zusammen: "Es war eine phantastische Zeit!" Und es bleibe bei dem "großen Ziel: Europa darf nie wieder im Krieg versinken!"

Der anschließende Empfang hat in Teilen den Charakter eines riesigen Klassentreffens. Viele ehemalige Regierungsmitglieder suchen erneut die Nähe zu Kohl. Seine besondere Pflege der Liberalen kann Kohls FDP-Vizekanzler Klaus Kinkel nur bestätigen. FDP-Chef Philipp Rösler ist zwar auch gerne gekommen, hat mit dem heutigen Regierungspartner jedoch durchaus andere Erfahrungen gemacht.

Zahlreiche Ex-Regierende aus Europa und den Bundesländern bringen ihre Verbundenheit zum Ausdruck. Und manche planen mit Kohl auch schon die nächsten Termine. Die Mainzer CDU-Oppositionsführerin Julia Klöckner verabredet ein Treffen mit dem Altkanzler in Oggersheim. Wer ins DHM kam in der Erwartung von Abschiedsgefühlen gegenüber einem von Alter und Krankheit gezeichneten Idol, muss sich belehren lassen. Auch Klöckner spricht mit Kohl bereits dessen Auftritt vor der rheinland-pfälzischen CDU ab, Kohls eigentlicher politischer Heimat.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Altkanzler Helmut Kohl mit Briefmarke gewürdigt

(areh)