Deutschland lebt auf Pump Warum fällt uns der Klimaschutz so schwer?

Meinung | Düsseldorf · Die Deutschen gehen viel zu verschwenderisch mit Ressourcen um. Das Problem ist bekannt. Die Folgen sind es auch. Warum wir als Gesellschaft trotzdem so schlecht auf die Bedrohung reagieren.

 Wer viel fliegt, verbraucht mehr CO 2 . Die Deutschen haben ihre Ressourcen für 2023 schon im Mai aufgebraucht.

Wer viel fliegt, verbraucht mehr CO 2 . Die Deutschen haben ihre Ressourcen für 2023 schon im Mai aufgebraucht.

Foto: dpa/Robert Michael

Ab jetzt leben wir ökologisch auf Pump. Die Ressourcen, die Deutschland rein rechnerisch 2023 zustehen, sind am 4. Mai aufgebraucht. Festgehalten wird das seit einigen Jahren durch den sogenannten Erdüberlastungstag. Zum zweiten Mal in Folge liegt der für Deutschland Anfang Mai. Auf die Welt bezogen Ende Juli. An dem Tag sind so viele Ressourcen verbraucht, wie in einem gesamten Jahr nachwachsen könnten.

Seit Jahren rücken der globale, aber auch der deutsche Erdüberlastungstag im Kalender nach vorn. Würden alle Menschen so viele Ressourcen nutzen und Emissionen ausstoßen wie die Deutschen, bräuchten wir drei Erden.

Eigentlich ist das katastrophal. Doch an Meldungen wie diese haben wir uns gewöhnt. Auch wenn der Klimawandel bei uns als Überschwemmung, Dürre oder Hitzerekord spürbar wird, lässt uns die abstrakte Berechnung des Ressourcenverbrauchs eher kalt. Und auch, dass unser Verhalten diese Probleme weiter verschärfen wird, löst bei vielen Menschen anscheinend wenig aus. Stattdessen nimmt die ökologische Belastung der Erde weiter zu.

Und auch dafür gibt es Kennziffern: US-Forscher rechnen zum Beispiel damit, dass die Zahl der Privatjets in diesem Jahr so hoch sein wird wie nie. Die Privatflugzeuge haben eine katastrophale Ökobilanz: Sie verursachen pro Passagier etwa zehnmal so viel Treibhausgase wie im Vergleich zu einem Linienflug – der auch nicht gerade eine klimafreundliche Art zu reisen ist. Nun fliegt nicht jeder mit einem Privatjet durch die Welt, die Reichen und Verschwenderischen sind aber ein Problem fürs Klima. Reich und verschwenderisch leben im internationalen Vergleich auch die Deutschen. Unser Treibhausgasausstoß, vor allem beim CO2, ist viel zu hoch und kurbelt den Klimawandel weiter an. Das ist bekannt, nicht nur unter Wissenschaftlern. Trotzdem unternehmen wir wenig, manche gar nichts.

Dafür gibt es psychologische wie soziale Gründe. So lösen zum Beispiel Bedrohungen in uns Angst aus. Anders als bei akuten Gefahren, wenn etwa ein Auto auf uns zurast, haben wir für langfristige und abstraktere Bedrohungen wie den Klimawandel kein Skript, das unser Gehirn abrufen kann. Auch die schnelle Belohnung, die wir von unseren Handlungen normalerweise erwarten, bleibt beim Klimaschutz aus. Wer Plastik vermeidet oder nicht in den Flieger steigt, hilft zwar dem Planeten, hat aber in der Regel keine sichtbaren und direkten Vorteile.

Noch stärker als die individuelle Reaktion auf das Problem wirken aber gesellschaftliche Faktoren. Die meisten Menschen orientieren sich stark an ihren Mitmenschen und sozialen Normen. Wer von Leuten umgeben ist, die Kurzstreckenflüge ablehnen, wird ebenfalls eher dagegen sein – allein, um sich in der Gruppe nicht zu isolieren. Wenn ein konsumorientierter Lebensstil aber die Norm ist, kann das auch eine Rechtfertigung sein: Warum soll ich aufs Fliegen verzichten, wenn um mich herum alle weiter ins Flugzeug steigen?

Man könnte daraus schließen, dass sich Verhalten kaum verändern lässt. Dass Ausreden und Bequemlichkeit den Weg zum Abgrund ebnen. Doch gerade weil Menschen sich gern an anderen orientieren, liegt hier ein Schlüssel. Dafür müssten viele Leute aber nicht nur für Umweltschutz sein, sondern ihn auch leben und so zum Vorbild werden. Um es allen etwas leichter zu machen, wäre ein Anfang, klimafreundliches Verhalten attraktiver zu machen. Wenn Zugreisen komfortabler und günstig wären, könnten sie viele Flüge ersetzen. Wenn vegetarische oder vegane Produkte preiswerter wären, griffen bestimmt auch Leute zu, die heute noch Fleisch essen. Da ist natürlich auch Politik gefragt, denn das hängt auch ab von Rahmenbedingungen. Wenn Klimaschutz greifbarer wird, fällt er vielen auch leichter.