Energiewirtschaft: Selbstbetrug bei der Energiewende

Analyse zur Energiewirtschaft in Deutschland: Der Selbstbetrug bei der Energiewende

Beim Umbau der Energiewirtschaft ist Deutschland kein Vorreiter mehr. Nähmen wir das Ziel Klimaschutz ernst, müssten wir uns unangenehmen Wahrheiten stellen. Und endlich pragmatisch statt ideologisch handeln.

Der Slogan auf der Webseite des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie klingt wie eine an Gewissheit grenzende Verheißung: „Unsere Energiewende: sicher, sauber, bezahlbar“. Freilich, die Wirklichkeit sieht leider ganz anders aus: Mit gewaltigem Aufwand müssen die von immer größeren, aber unregelmäßig produzierten Mengen Ökostroms gefluteten Netze stabil gehalten werden.

Die dafür nötigen Noteingriffe der Betreiber kosteten die Stromkunden im vergangenen Jahr 1,4 Milliarden Euro. Deutsche Haushalte müssen knapp 47 Prozent und Industriebetriebe knapp 15 Prozent mehr für ihren Strom bezahlen als Verbraucher in den europäischen Nachbarländern. Und trotzdem stagniert der Aus­stoß von Treibhausgasen seit vier Jahren auf hohem Niveau. Die deutsche Energiewende ist in Wahrheit riskant, ineffizient und teuer.

Um ehrgeizige 40 Prozent, gemessen am Jahr 1990, sollten die deutschen CO2-Emissionen bis 2020 sinken. Nach einer im Sommer publizierten Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft sind aber zwischen 2010 und 2017 lediglich 28 Prozent der Einsparungen verwirklicht worden, die nötig gewesen wären, um diese Marke zu erreichen. Und auch die gerne bejubelten Rekordzahlen bei der Produktion von grünem Strom ändern nichts an diesem ernüchternden Befund. Zwar kamen die erneuerbaren Energien 2017 auf gut 36 Prozent Anteil am Bruttostromverbrauch, aber nur auf gut 13 Prozent am gesamten deutschen Energiemix. Wenn es gut läuft, werden es bis 2020 rund 16 Prozent – damit läge Deutschland immer noch zwei Prozentpunkte unter der Zielvorgabe der EU.

Im Internationalen Energiewende-Index, der für 114 Länder anhand zahlreicher Indikatoren den jeweiligen Stand der Entwicklung misst, kommt Deutschland weder global noch in Europa noch unter die Top Ten. Wie konnte das deutsche Vorzeige-Projekt derartig entgleisen? Dafür gibt es eine ganze Reihe technischer und auch struktureller Gründe. Aber der vermutlich wichtigste ist politisch: Der Auslöser für den Kraftakt Energiewende war mitnichten die Sorge um das Klima, es war die deutsche Angst vor der Atomkraft.

Als die Bundesregierung unter dem Eindruck des Reaktorunglücks von Fukushima 2011 eine Hauruck-Wende in der Energiepolitik verkündete, ging es nicht um die Verringerung des CO2-Ausstoßes; es ging vor allem darum, AKW abzuschalten. Dummerweise stehen beide Ziele in direktem Widerspruch zueinander. Der politisch gewollte Ausstieg aus der Kernkraft hat unsere Abhängigkeit vom Kohlestrom auf Jahre zementiert. Sein Anteil beträgt immer noch 42 Prozent. Folge: Deutschland bläst pro Kilowattstunde rund neunmal so viel Kohlendioxid in die Luft wie Frankreich, wo drei Viertel des Stroms nuklear erzeugt werden.

Nähme man den Kampf gegen den Klimawandel wirklich ernst, dürfte in Deutschland kein weiterer Atommeiler vom Netz gehen, bevor nicht das letzte Kohlekraftwerk abgeschaltet ist. Und das wäre nicht die einzige politisch heikle Frage, mit der sich die politisch Verantwortlichen eigentlich dringend auseinandersetzen müssten.

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In den kommenden Jahren geht es schlicht darum, jede nur mögliche Tonne Treibhausgas zu vermeiden. Gefragt sind pragmatische Lösungen. Also muss zum Beispiel auch Schluss sein mit der kurzsichtigen Dämonisierung des Dieselantriebs. Schon jetzt sorgt der zurückgehende Verkauf von Dieselautos dafür, dass die CO2-Emissionen aus dem Straßenverkehr ansteigen. Und Elektroautos sind, anders als gerne suggeriert, bei der Klimabilanz bisher noch keine Alternative.

Die Vorstellung, die Erzeugung von alternativer Energie sei praktisch gratis und könne in absehbarer Zeit unseren Bedarf vollständig decken, ist eine naive Illusion. Wir verbrauchen in Deutschland jedes Jahr Energie in einer Größenordnung, die einem Berg von beinahe 500 Millionen Tonnen Steinkohle entspricht.

Damit ist auch gesagt, dass ein großer Teil dieser Energie auch auf längere Sicht noch aus fossilen Quellen stammen wird. Wenn es uns gelänge, den Verbrauch einzudämmen, wäre das die effizienteste Klimaschutzmaßnahme. Wer sich Solarzellen aufs Dach montieren lässt und dann gedankenlos zum Urlaub auf die Malediven fliegt, der hat das Problem nicht begriffen.

Es geht aber nicht nur um Verzicht; auch bei technischen Lösungen darf es keine Denkverbote geben. Die sogenannte CCS-Methode ist ein Beispiel dafür. Es geht dabei darum, das bei der Verbrennung von Gas, Öl oder Kohle freiwerdende Kohlendioxid aufzufangen, es zu verflüssigen und tief unter der Erde zu bunkern. Als die Technik vor rund zehn Jahren in Deutschland erprobt werden sollte, kam es zu Protesten aus Angst vor austretendem Gas und drohendem Erstickungstod. 2012 brachte die schwarz-gelbe Bundesregierung ein Gesetz auf den Weg, das seither jede Entwicklung von CCS hierzulande praktisch unmöglich macht.

Dabei gehen die meisten Experten inzwischen davon aus, dass sich die Umsetzung der internationalen Klimaziele ohne eine zusätzliche Eliminierung von Treibhausgasen gar nicht mehr verwirklichen lässt. In Norwegen wollen sie daraus jetzt ein Geschäftsmodell machen. Das Land, dessen Öl- und Gasreserven in der Nordsee zur Neige gehen, möchte zu Europas Endlager für Treibhausgas werden. CO2 aus Industriebetrieben oder Müllkraftwerken sollen über vorhandene Pipelines in erschöpfte Erdgasfelder tief unter dem Meeresboden gepumpt werden. Die Technik wird bereits erprobt, und sie wird ihren Preis haben.

Aber hoch subventioniert wird die Energiewende ja auch jetzt schon. Wichtig ist, dass wir endlich damit aufhören, die Mittel für den Kampf gegen die Treibhausemissionen mit ideologischen Scheuklappen zuzuteilen.

(bee)