Europameisterschaft 2024 Wieso Sportwetten ein so hohes Suchtpotenzial haben

Berlin · Im Vorfeld der Europameisterschaft boomen Sportwetten in Deutschland. Doch Experten warnen vor einer Normalisierung des Glücksspiels und den Risiken besonders für bestimmte Gruppen.

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Foto: dpa/Arne Dedert

Ein geschossenes Tor oder die Wette darauf, ob das richtige Team das Tor schießt: Spielen Sportwetten für Fans mittlerweile eine ebenso große Rolle wie das Spiel selbst? Die ständige Präsenz der Werbung für Glücksspiel könnte das ebenso vermuten lassen wie die steigenden Umsätze der Branche. Zumindest gefühlt nimmt die Bewerbung von Wettanbietern einen ähnlich großen Raum ein, wie die eigentliche Spielübertragung und -berichterstattung. Bei der bevorstehenden Europameisterschaft könnte die Zuschauer ähnliches erwarten. Eine Entwicklung, die Experten kritisch sehen.

„Wir beobachten im Profifußball generell eine massive Zunahme der Werbung für Sportwetten“, sagt der Beauftragte der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen, Burkhard Blienert. Ihn besorge der zunehmende Einfluss der Wettanbieter auf den Fußball und seine Fans. „Im Zuge der Europameisterschaft wird diese Entwicklung nun noch einmal kräftig beschleunigt“, ergänzt er. Vereine und Verbände kämen ihrer Verantwortung für die Fans momentan größtenteils nicht nach. „Diese viel zu selbstverständliche Verbindung von Fußball und Glücksspiel kann gravierende Auswirkungen auf Kinder, Jugendliche und vor allem auf suchtkranke Menschen haben“, so Blienert. Und: „Im Vergleich zu anderen Glücksspielarten ist die Gefahr hoch, durch Sportwetten in eine Glücksspielsucht zu rutschen.“ Für vulnerable Gruppen, also besonders Jugendliche und Suchtkranke, sei die ständige Werbung der Wettanbieter eine permanente Gefahr. „Die Sportwettenwerbung ist aus dem Ruder gelaufen“, so Blienert. Der Glücksspielstaatsvertrag müsse entsprechend überarbeitet werden.

In einer Untersuchung hat die Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim das Ausmaß der Bewerbung während eines Spiels ermittelt. Das Ergebnis: Bei einem Freundschaftsspiel (!) der deutschen Fußballnationalmannschaft wurden knapp 1000 Werbeinhalte für Sportwetten ausgespielt. Ob nun während der Berichterstattung, in der Halbzeitpause, dem Radio oder über die sozialen Medien: „Es wird deutlich, dass Werbung für Sportwetten in diesem Kontext nahezu omnipräsent ist und zur Normalisierung des Glücksspiels beiträgt“, sagt Steffen Otterbach von der Forschungsstelle Glücksspiel.

Laut Glücksspiel-Survey 2023, einer Bevölkerungsstudie des Instituts für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung (ISD) und der Universität Bremen, nahmen 36,5 Prozent der Befragten in den zwölf Monaten zuvor an mindestens einem Glücksspiel teil. Fast sieben Prozent haben demnach an einer sogenannten riskanten Glücksspielform teilgenommen, zu der neben Automaten- und Casinospielen auch Sportwetten gehören. Laut Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) sind die Spieleinsätze auf dem legalen Glücksspielmarkt 2022 um mehr als 50 Prozent auf 52,71 Milliarden Euro angestiegen. Die Glücksspielbranche ist ein riesiger Markt, an dem viele mitverdienen wollen – auch Vereine und Verbände. Und die EM-Organisatoren von der UEFA, die eine offizielle Partnerschaft mit einem solchen Wettanbieter für die EM eingegangen sind.

Die erhöhte Suchtgefahr bei Sportwetten liegt unter anderem darin begründet, dass bei ihnen oft suggeriert wird, man könne mit Wissen über den Sport einen Vorteil gegenüber den Wettanbietern haben, wie Steffen Otterbach von der Uni Hohenheim erklärt. „Diese Annahme ist natürlich fatal.“ Außerdem können Sportwetten auch online abgeschlossen werden, dadurch seien sie ständig verfügbar, so Otterbach weiter. Hinzu kommt die Möglichkeit, auf weltweite Ereignisse zu setzen. „Man muss also nicht warten, bis das nächste Bundesligaspiel stattfindet.“

Laut Glücksspiel-Survey weisen 2,4 Prozent der Bevölkerung eine Glücksspielstörung auf, wobei noch nach verschiedenen Schweregraden unterschieden wird. Zusätzlich weisen 6,1 Prozent demnach ein riskantes Glücksspielverhalten auf.

Tobias Hayer, Leiter der Arbeitseinheit Glücksspielforschung an der Universität Bremen, sieht in der Omnipräsenz der Wettanbieterwerbung ebenfalls ein großes Problem. „Werbung für potenzielle Suchtmittel ist immer das Gegenteil von Jugend- und Spielerschutz“, sagt der Psychologe und Gesundheitsforscher. Werbung normalisiere Sportwetten und sorge dafür, dass die Einstellung dem Glücksspiel gegenüber positiver werde. „Da werden soziale Normen gesetzt und es wird suggeriert: ‚Es ist normal zu wetten und wenn du nicht wettest, gehörst du nicht dazu.‘“

Auch der Wissenschaftler von der Uni Bremen weist auf das besonders hohe Suchtpotenzial von Sportwetten hin, weil Sportinteressierte glauben, dass sie ihr Fachwissen schnell zu Geld machen können. Auch deshalb zählten etwa Mitglieder von Sportvereinen zur Risikogruppe. Doch so funktioniere das nicht. „Sie können auch als Spieler auf der Gewinnerseite stehen“, sagt Hayer, aber: „Dazu brauchen Sie einen Faktor: Glück. Und nicht Ihre Kompetenzen und Fähigkeiten.“