EKD-Synode debattiert in Dresden über sexuellen Missbrauch

Synode in Dresden : EKD debattiert über Missbrauch

Erstmals hat eine Betroffene vor der Synode der evangelischen Kirche gesprochen.

„Es ist kein leichter Schritt, hier zu sein“, sagt Kerstin Claus. Im Dresdner Kongresszentrum steht die Journalistin auf einer Bühne. Vor ihr sitzen die 120 Mitglieder der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, dazu die leitenden Geistlichen und Juristen der 20 Landeskirchen und der Rat der EKD.

Kerstin Claus wurde als Jugendliche von ihrem Gemeindepfarrer missbraucht. Sie ist die erste Betroffene von sexuellem Missbrauch, die vor der EKD-Synode spricht. Vor einem Jahr in Würzburg hatte die Synode einen Elf-Punkte-Plan beschlossen – am Dienstag zog die Vorsitzende des Beauftragtenrates der evangelischen Kirche, Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs, eine Zwischenbilanz. Insgesamt seien der evangelischen Kirche mittlerweile 770 Missbrauchsopfer bekannt. 60 Prozent davon betreffen Fälle aus dem Bereich der Diakonie, etwa ehemalige Heimkinder. 40 Prozent ereigneten sich in Kirchengemeinden. Im Unterschied zur Studie der katholischen Kirche erfasst die EKD in ihrer Statistik alle sexuellen Übergriffe aller Alters- und Berufsgruppen, nicht nur der Pfarrer.

Neu auf den Weg gebracht wurde in Dresden ein Betroffenenbeirat, der sich im Frühjahr 2020 konstituieren soll. Zudem hat der Rat eine Gewaltschutzrichtlinie beschlossen. Sie legt Schutzstandards in den Gemeinden fest. „Immer dann, wenn Kinder involviert sind, gibt es keinen Ermessensspielraum“, sagt Fehrs. „Sexuell bestimmtes Verhalten bei Kindern ist immer und ohne Ausnahme sexualisierte Gewalt.“

Schwierigkeiten gibt es noch mit der Unabhängigen Zentralen Ansprechstelle der EKD: „Schon in den ersten Wochen hat sich gezeigt, dass der Bedarf der Anrufenden weit über eine reine Lotsenfunktion hinausgeht.“ Fehrs kündigt ein Nachsteuern an. Eine 2018 angekündigte Dunkelfeldstudie will man nun mit dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung angehen – um valide Ergebnisse zu erhalten, müssten dafür aber 100.000 Menschen befragt werden.

Einen offenen Dissens gibt es zwischen der EKD und den Betroffenen über die Frage, ob Entschädigungen gezahlt werden sollen. Das Mitglied des Beauftragtenrats, Nikolaus Blum, betont, dass die in der katholischen Kirche genannten Entschädigungssummen „zwangsläufig zu Auseinandersetzungen über die Beweisbarkeit von Sachverhalten“ führen könnten, „also genau zu den Verfahren, die die Betroffenen über lange Zeit stark belasten und retraumatisieren würden“.

Kerstin Claus sieht das anders. Sexueller Missbrauch habe vielfältige biografische Folgen. Auch deswegen müsse es solch eine Debatte geben. Vor allem aber ruft die Betroffene die evangelische Kirche zu einem Mentalitätswechsel auf. „Sie und ihre Kirche haben noch immer keine klare Haltung gefunden, was den Umgang mit uns Betroffenen angeht“, sagt Claus. „Sie werden Ihre Deutungshoheit aufgeben müssen.“ Und dann meldet Claus auch ganz konkrete Forderungen an: „Täter dürfen nicht weiter im Verkündigungsdienst der Kirche stehen.“