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Statistiken im Zentrum der Irak-Debatte: Ein Krieg in Zahlen

Statistiken im Zentrum der Irak-Debatte : Ein Krieg in Zahlen

Washington (RPO). General David Petraeus legt am Montag seinen Bericht zur Lage im Irak vor. Im Zentrum des Streits steht die Interpretation der Lage anhand von Zahlen. 897 Angriffe gegen die irakische Zivilbevölkerung im Januar, 808 im Juli. 3300 Angriffe gegen die Koalitionstruppen im Januar, 3143 im Juli. Trotzdem spricht Petraeus von einer Verbesserung der Lage.

Die blauen, grünen, grauen und roten Balken in einem Diagramm des US-Verteidigungsnachrichtendienstes DIA sagen alles, was General David Petraeus nicht sagen will: Die Angriffe Aufständischer auf zivile und militärische Ziele im Irak verharren auf einem hohen numerischen Niveau. Das DIA-Dokument bestätigt Zahlen, auf deren Basis erst kürzlich das Prüfungsamt des Kongresses (GAO) zu dem Schluss kam, dass die Lage im Irak genauso unsicher ist wie vor einem halben Jahr, als Präsident George W. Bush die Entsendung von zusätzlichen 30.000 Soldaten durchsetzte.

Petraeus ist aber nicht nach Washington gekommen, um vor dem Kongress diese Einschätzung zu bestätigen. Sein Auftrag: die als "Operation Surge" bezeichnete Truppenverstärkung als Erfolg darzustellen, Belege vorzulegen, dass die massive militärische Präsenz die gewünschten Früchte trägt. Deshalb wappnet sich das politische Washington für einen "Krieg der Statistiken", der Veteranen bereits an die Leichenzählerei im Vietnam-Krieg erinnert.

"Es hat zu viele Siegeserklärungen gegeben, es ist zu oft von Fortschritten die Rede gewesen", sagt der Politikwissenschaftler Gordon Adams, ehemaliges Mitglied der Clinton-Regierung. "Dem traut niemand mehr." Jeder Verantwortlichen sehe sich in Versuchung, bei der Präsentation seiner Sache die Zahlen herauszusuchen, die ihm am besten ins Konzept passten.

"Ungleichmäßiger" Fortschritt

Oder gar keine. Petraeus schrieb in einem Brief an seine Untergebenen am Freitag von Erfolgen, davon, dass in acht der vergangenen elf Wochen die Angriffe Aufständischer zurückgegangen seien. Angesichts unterschiedlicher Situationen in verschiedenen irakischen Regionen räumte er ein, der Fortschritt sei "ungleichmäßig" - aber doch vorhanden. Zahlen nannte Petraeus nicht.

Die gibt es dagegen im DIA-Diagramm: 897 Angriffe gegen die irakische Zivilbevölkerung im Januar, 808 im Juli. 946 Angriffe gegen die irakischen Sicherheitskräfte im Januar, 850 im Juli. 3.300 Angriffe gegen die multinationalen Koalitionstruppen im Januar, 3.143 im Juli. Die Prüfer des Kongresses erklärten dazu, es sei nicht zu beurteilen, ob die Gewalt im Irak seit der Ankunft zusätzlicher Truppenkontingente zurückgegangen sei.

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Das Multinationale Irak-Korps unter Befehl von US-Generalleutnant Raymond Odierno stellt dem seine eigene Statistik entgegen. Die Balken, Pfeile und Verlaufslinien ergeben ein völlig anderes Bild. Sie enthalten nur keine Zahlen für Bagdad, wo die meisten US-Soldaten der "Operation Surge" eingesetzt werden.

"Nicht in taktische Erfolgsdebatte locken lassen"

Skepsis bei Demokraten und moderaten Republikanern im Kongress nährte auch ein Bericht des früheren Chefs der Marineinfanterie, General James Jones. Er war kürzlich zu dem Schluss gekommen, dass die Iraker die nächsten 18 Monate nicht in der Lage sein werden, alleine für Sicherheit im Irak zu sorgen. Zudem werde die sektiererische Gewalt durch einen quälend langsamen - wenn überhaupt vorankommenden - Prozess der politischen Aussöhnung genährt. Die Polizei sollte aufgelöst und neu aufgebaut werden, lautete eine Empfehlung des von Jones geleiteten Gremiums.

Der demokratische Senator Joseph Biden kritisierte daher vor Petraeus' Auftritt im Kongress, dessen Ansatz gehe am Kern des Problems vorbei: Statt militärischer Maßnahmen sei eine politische Lösung gefragt, sagte der Vorsitzende des Außenausschusses, der sich um die Präsidentschaftskandidatur seiner Partei bewirbt. Sein Kollege John Kerry ergänzte: ""Wir sollten uns nicht in diese taktische Erfolgsdebatte locken lassen."

Absolut unpopulär

Auch in Bushs Republikanischer Partei gibt es etliche Zweifler - zumal der Irak-Krieg im Volk absolut unpopulär ist. Senator Arlen Spector sagte, er werde Petraeus' Einschätzung akzeptieren, ihr aber nicht blind folgen. "Solange wir kein Licht am Ende des Tunnels sehen bei der genauen Prüfung dessen, was General Petraeus und andere zu sagen haben, wird es nach meiner Einschätzung ein allgemein verbreitetes Gefühl geben, dass eine neue Politik nötig ist."

Der Petraeus-Bericht gilt als Vorbereitung für eine in dieser Woche erwartete Erklärung Bushs, wie er im Irak weiter vorgehen will.

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(ap)