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Blick in die "braune" Vergangenheit des BND: Ein Geheimdienst stellt sich der Öffentlichkeit

Blick in die "braune" Vergangenheit des BND : Ein Geheimdienst stellt sich der Öffentlichkeit

Berlin (RPO). Der Bundesnachrichtendienst (BND) gibt den Blick frei in seine "braune" Vergangenheit. Wie am Mittwoch am Berliner Sitz des Auslandsgeheimdienstes bekannt wurde, soll eine vierköpfige Historikerkommission in den nächsten vier Jahren die Frühgeschichte des BND durchleuchten, in der in seinen Reihen zahlreiche Nazis beschäftigt waren.

BND-Präsident Ernst Uhrlau hat es so definiert: "Wir öffnen ein Fass, von dem wir nicht wissen, was drin ist." Die Briten hatten schon kurz nach der Gründung des BND in Pullach bei München von den "Gestapo Boys" gesprochen. Jetzt sollen die Forscher Jost Dülffer, Rolf-Dieter Müller, Klaus-Dietmar Henke und Wolfgang Krieger die Zeit zwischen 1945 und 1968 aufarbeiten.

Wehrmachtsgeneral schuf BND-Grundlage

"Gründervater" des BND ist der Weltkriegsgeneral Reinhard Gehlen, der für Adolf Hitler mit der Wehrmachtsabteilung "Fremde Heere Ost" Informationen über die sowjetische Armee sammelte. Nach Kriegsende hatte Gehlen alte Kameraden in der "Organisation Gehlen" - dem Vorläufer des BND - um sich gesammelt. Viele von ihnen waren vorher in der SS oder bei dem berüchtigten Reichssicherheitshauptamt, der Zentrale des organisierten Völkermordes an den Juden, im Einsatz.

Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Hans-Peter Uhl, sagte im dapd-Gespräch, "dass gerade über die Gründergeneration des BND, der 'Organisation Gehlen', vermutet wird, dass darunter allerlei Personal war, dass sich in der NS-Zeit in schwere Schuld verstrickt hatte". Es sei an der Zeit, "darüber zuverlässig und differenziert Auskunft zu erhalten".

Der frühere Außenminister Joschka Fischer (Grüne) hatte seinerzeit für das Auswärtige Amt ebenfalls eine Historikerkommission eingesetzt. Ihr Bericht ergab, dass das Amt damals systematisch an der Judenvernichtung beteiligt war. Die Karrieren von Nazi-Diplomaten waren nach dem Ende des Weltkriegs "bruchlos" weitergegangen.

BND-Mitarbeiter mit NS-Vergangenheit

1961 flog der Chef der internen Spionageabwehr im BND, der ehemalige SS-Obersturmführer Heinz-Felfe, als KGB-Spion auf. Als Folge daraus durchleuchtete eine interne und streng geheime Arbeitsgruppe "Org. 85" über 140 BND-Mitarbeiter auf NS-Belastungen. Das wurde erst letztes Jahr bekannt.

Über die Hälfte von ihnen wurden wurde aus dem BND "entfernt". Auf wie viele frühere Nazis in den Diensten des BND "auch an obersten Stellen" nun die Historiker bei ihren Untersuchungen stoßen werden, wird eine "spannende Geschichte", sagten Insider des BND einer Nachrichtenagentur.

Von Nachrichtendienstexperten erfuhr dapd, dass die Amerikaner schon gleich nach Kriegsende 1945 "ganz scharf auf Gehlen waren, um an seine gesammelten Erkenntnisse über die Sowjets zu kommen". Die Parteizugehörigkeit zu den Nazis habe für die US-Agenten "überhaupt keine Rolle gespielt".

Der CIA-Russland-Experte Harry Rositzke meinte mit Blick auf die Aufnahme vieler Nazis in den 1956 gegründeten BND: "Es war unbedingt notwendig, dass wir jeden Schweinehund verwendeten. Hauptsache, er war Antikommunist."

Erst jüngst stellte sich heraus, dass der "Schlächter von Lyon", der berüchtigte NS-Verbrecher Klaus Barbie, zeitweise Agent des BND war. Der seinerzeit unter falschem Namen in Südamerika lebende ehemalige SS-Offizier hatte dem BND im Jahr 1966 zahlreiche Berichte über geflüchtete NS-Angehörige aus Bolivien geliefert.

Barbie war zwischen 1942 und 1944 Gestapo-Chef in Lyon und verantwortlich für die Deportation vieler Juden. Seit 1951 lebte Barbie unter dem falschen Namen Klaus Altmann.

BND-Präsident will einen guten Abgang

BND-Präsident Uhrlau will sich nach Aussage von Experten aus dem parlamentarischen Bereich "ganz offensichtlich mit der Berufung der Historikerkommission einen guten Abgang aus dem Dienst verschaffen". Uhrlau, der Ende des Jahres aus dem Amt scheidet, sprach im Zusammenhang mit der Einsetzung der Historikerkommission von einem "im wahrsten Sinne des Wortes historischen Projekt". Es verspreche, "einen wichtigen Beitrag zum Selbstverständnis des BND und zur Entstehungsgeschichte der Bundesrepublik zu leisten".

Die Dienstzeit von Uhrlau, die er vor sechs Jahren begann, war von zahlreichen Affären gekennzeichnet. Als sein Nachfolger ist der Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt, der 58-jährige Günter Heiß, im Gespräch.

Hier geht es zur Infostrecke: Wer wann beim BND verantwortlich war

(apd)