Frau Hasselfeldt, der Ukraine-Krieg hat das Jahr 2022 bestimmt. Wie groß war die Hilfsbereitschaft?
DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt “Wir merken das bei den Kleiderkammern“
Interview | Berlin · Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) hat laut Präsidentin Gerda Hasselfeldt so viele Spenden wie noch nie erhalten. Vor allem für die Ukraine-Hilfe. Auch verzeichnete das DRK einen Ansturm auf die Kleiderkammern - und sieht Handlungsbedarf bei der Ersten Hilfe.
Hasselfeldt In diesem Jahr waren die Hilfs- und die Spendenbereitschaft der Bürger sehr groß. Wir werden mehr als 150 Millionen Euro an Spenden erhalten. Davon waren etwa 118 Millionen Euro für die Ukraine-Hilfe. Die Situation der Menschen in der Ukraine und die der von dort Geflüchteten bewegt unsere Bürger nach wie vor. Mehr als 100 Millionen Euro an Spenden waren es übrigens in 2021. Das war auch schon ein sehr hoher Betrag. Damals hatten wir die Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und NRW.
Viele Kommunen berichten von Problemen bei der Unterbringung von Flüchtlingen. Wie ist die Lage aus Sicht des DRK?
Hasselfeldt Das Problem der bedarfsgerechten Unterbringung wird größer. Am Anfang der Krise war die Bereitschaft hoch, auch privaten Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Dieses Angebot ist mittlerweile erschöpft, was verständlich ist. Neben den Geflüchteten aus der Ukraine gibt es aktuell auch viele Schutzsuchende aus anderen Ländern. Wir sind behilflich bei der Unterbringung, bei der Versorgung mit dem Dringlichsten, ebenso bei der Betreuung und Begleitung. Aber auch unsere Gliederungen stoßen langsam an ihre Grenzen.
Welche Erwartung leiten Sie daraus ab?
Hasselfeldt Es hilft nicht, zu lamentieren, sondern es gilt, anzupacken. Was schneller gehen muss sind die Integrationsbemühungen. Da geht es zum Beispiel um Zeugnis- oder Berufsanerkennung, um Sprachkompetenz, um Arbeitsmöglichkeiten. Wir arbeiten hier eng mit den Behörden zusammen und unterstützen mit Migrationsberatungsstellen sowie mit der Betreuung und Begleitung bei Behördengängen und ähnliches. Und wir verstärken selbstverständlich unsere Bemühungen in der Ukraine. Dort unterstützen wir unsere Schwestergesellschaft, das Ukrainische Rote Kreuz, derzeit vor allem bei der Winterhilfe. Wir helfen unter anderem mit Heizöfen, Generatoren, mit Personal und Fahrzeugen für verletzte Personen.
In der Folge des Krieges sind in Deutschland die Energiepreise stark gestiegen. Wächst die Bedürftigkeit?
Hasselfeldt Ja. Wir merken das bei den Kleiderkammern, den Tafeln oder der Schuldnerberatung. Der Bedarf ist deutlich gestiegen, damit auch die Inanspruchnahme. Manche Tafeln müssen bereits einen Aufnahmestopp verhängen. Was wir aber auch feststellen ist, dass mehr Menschen Zuwendung und Betreuung benötigen und dass die Tendenz zur Vereinsamung steigt. Die hohen Preise, die soziale Ungewissheit, das wirkt sich auf die Psyche der Menschen aus. Bei Kindern und Jugendlichen versuchen wir im DRK unter anderem, durch die Stärkung der Schulsozialarbeit entgegenzuwirken. Leider fehlt es hier wie auch bei der Schuldnerberatung an einer verlässlichen Finanzierung. Hier besteht politischer Handlungsbedarf.
Sind beim Katastrophenschutz die richtigen Lehren aus der Flut 2021 gezogen worden?
Hasselfeldt Noch nicht in allen Bereichen. Wir brauchen dringend eine bessere materielle Vorhaltung des Bundes für Krisen- und Katastrophenfälle. Ein wichtiger Schritt dahin ist das erste Mobile Betreuungsmodul für bis zu 5.000 Personen, welches zurzeit federführend vom DRK aufgebaut wird. Wir müssen mindestens zehn Standorte mit derartigen Modulen bei den anerkannten Hilfsorganisationen im Bundesgebiet installieren, wo das Material vorgehalten wird, um eine ähnliche Situation wie bei der Flut künftig viel besser bewältigen zu können.
Um welches Material geht es?
Hasselfeldt Da geht es zum Beispiel um wetterfeste Zelte, um Feldbetten, Decken, Hygienematerial, mobile Wasser-, Abwasser- und Sanitäranlagen, eine autarke Stromversorgung, geländegängige Fahrzeuge oder auch mobile Arztpraxen. Über vier solche mobilen Arztpraxen verfügen wir im DRK. Sie waren bereits im Einsatz in Corona-Hotspots und im Flutgebiet, weil Krankenhäuser evakuiert wurden oder Arztpraxen überflutet waren. Um bei Katastrophen die medizinische Versorgung der Menschen sicherzustellen, brauchen wir davon mehr. Leider ist die notwendige finanzielle Unterlegung von Seiten des Bundes unzureichend. Dabei wissen alle: Wir werden auch künftig von Katastrophen nicht verschont bleiben.
Reicht das Personal?
Hasselfeldt Der Blick muss ebenso auf die Helferinnen und Helfer gerichtet werden, insbesondere auf die Ehrenamtlichen, die zu 90 Prozent den Bevölkerungsschutz tragen. Für diese haben wir unterschiedliche Regelungen für Freistellungen vom Arbeitsplatz und für die Lohnfortzahlung im Einsatzfall oder in der Ausbildung. Es ist davon abhängig, aus welchem Bundesland beziehungsweise aus welcher Organisation sie kommen. Besonders deutlich wurde das beim Einsatz nach der Flutkatastrophe, wo Helferinnen und Helfer aus allen Hilfsorganisationen und allen Bundesländern tätig waren. Diese Ungleichbehandlung ist ein untragbarer Zustand und führt zu zunehmender Frustration der Helferinnen und Helfer. Leider kreist die politische Diskussion dabei um Kompetenzen zwischen Bund und Ländern.
Wie steht es überhaupt um die Erste Hilfe in Deutschland?
Hasselfeldt Auch hier haben wir Handlungsbedarf. Immer weniger Menschen haben noch die notwendigen Kenntnisse oder frischen sie auf. Es reicht daher nicht, solche Kurse nur einmal vor der Führerscheinprüfung zu machen. Die Kenntnisse sollten regelmäßig aufgefrischt werden. Außerdem sollten Grundkenntnisse, zum Beispiel der Wiederbelebung, auch in die Lehrpläne der Schulen aufgenommen werden.