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Nach dem Skiunfall: Dieter Althaus arbeitet wieder

Nach dem Skiunfall : Dieter Althaus arbeitet wieder

Erfurt (RP). Zum Comeback 110 Tage nach dem schweren Skiunfall zeigt sich der thüringische CDU-Ministerpräsident noch etwas blass, aber mit Kampfeswillen und einem derart vollen Terminkalender, als wolle er seine Grenzen austesten.

"Im Sommer" hatten seine Freunde wieder mit ihm gerechnet. Bis dahin wäre wohl auch das neue Pflaster in der Erfurter Regierungsstraße fertig gewesen. Doch Dieter Althaus, Thüringens Ministerpräsidenten, drängt es schneller wieder ins Amt. Über einige behelfsmäßig durch die Baustelle verlegte Holzbretter gelangt er gestern zurück an seinen Arbeitsplatz Staatskanzlei.

"Herbeigesehnt", habe er diesen Moment, bekennt er spät am Abend im Fernsehinterview mit seinem Heimatsender MDR. Da liegt bereits ein Vierzehn-Stunden-Arbeitstag hinter ihm. Angefüllt von einer ersten Mitarbeiterbesprechung am Morgen, einer einstündigen Pressekonferenz, einer Klinikeinweihung, Aktenstudium am Schreibtisch und Weichenstellungen im CDU-Landesvorstand. Am Dienstag geht es weiter mit Kabinett und Fraktion, in den nächsten Tagen folgen Hannover-Messe, Thüringen-Präsentation beim Bundespräsidenten, Montag das Rückmelden im CDU-Bundespräsidium.

Althaus verhält sich wie sein morgiger Termin. Da eröffnet er ein Werk für "Turbolader". Im Turbo-Tempo lädt er sich seine Tage voll, als wolle er nachholen, was er in 110 Tagen Zwangspause seit dem schrecklichen Unfall am Neujahrstag versäumte.

Dabei weiß er selbst am besten, dass er die Zeit nicht zurückholen, den Tod nicht ungeschehen machen kann. Meinte er vergangenen Monat noch, die Kategorie von "Schuld" sei den Ereignissen nicht angemessen, die beim Zusammenprall auf der Skipiste mit einer jungen Mutter zu deren Tod führten, so hat er nun kein Problem mehr damit, das Wort in den Mund zu nehmen. Freilich stets in eine Klausel gekleidet: Er übernehme die Verantwortung für die Schuld, wie sie sich aus dem Gutachten über den Unfallhergang ergebe. Warum sagt er nicht einfach "Ich bin schuldig am Tod der Frau"?, wird er gleich mehrfach gefragt. Und er bleibt jedes Mal dabei: Er habe keine Erinnerung mehr an die Geschehnisse, also könne er sich auch nur auf das Gutachten beziehen.

Inzwischen sind die Bilder wieder da, die von der Silvesternacht, die vom Frühstück am Neujahrsmorgen und die vom Mittagessen. Aber beim Unfallhergang und den Tagen danach versage sein Gedächtnis. Er wisse jetzt, wie "dramatisch" es auch um seinen körperlichen Zustand in diesen Tagen bestellt gewesen sei. Aber schon damals habe er kämpfen wollen.

Das jedenfalls habe ihm seine Frau berichtet. Völlig unfähig, das Bett zu verlassen, habe er aus der Unfallklinik heraus und in die Staatskanzlei wegen wichtiger Termine hinein gewollt. Insofern versteht er die Fragen nicht so recht: "Haben Sie sich je mit dem Gedanken beschäftigt, nicht mehr zurückkehren zu wollen?" Nein. Selbst als Althaus noch nicht wieder denken konnte, hat er diese Möglichkeit nicht gesehen.

Die 110 Tage hätten ihn näher an seine Familie, vor allem an seine Frau gebracht, bekennt er am Abend. Da habe sich gezeigt, wie groß und stark die Liebe zwischen ihnen ist und wie wichtig, diese zu erhalten. Kurz vor seinem schlimmen Unfall musste er sich gegen "Verleumdungskampagnen" wehren, die ihm ein Verhältnis mit Kindschaftsfolgen andichten wollten. Lange ist's her.

Die von ihm erwarteten Worte wiederholt Althaus beharrlich. Er sei "froh" wieder "auf der Bühne" zu sein. Er fühle sich "fit" und es gehe ihm "gut" betont er. Zwei Mal wird er gebeten, auf einer Skala von Null bis Hundert das Ausmaß seiner Fitness festzulegen. Zwei Mal weicht er aus: Er werde "voll und ganz zur Verfügung" stehen. Die Körpersprache unterstreicht einen Rest von Unsicherheit, deren Dimension auch Althaus noch nicht ganz klar sein mag. Immer wieder umklammert er am Morgen das Rednerpult, und am Abend sitzt er verkrampft in seinem Sessel.

Er spricht zwar von seinem Sport, vom Fitnessstudio, von Waldläufen. Und auch Skifahren, Motorradfahren, Bergsteigen und Tauchen will er irgendwann wieder. Aber in Grenzen. Er wolle "in dem Bereich bleiben, in dem es keine Risiken gibt".

Nur selten schimmert an diesem ersten Arbeitstag der Mensch Dieter Althaus durch. Etwa bei dem Bekenntnis, wie wichtig in der schweren Zeit für ihn das Beten war, dass er in seinem Glauben "Sicherheit und Hoffnung finden" konnte. Zumeist rückt der Politiker Dieter Althaus wie ein Schutzschild nach vorne. Ein merkwürdig blasser Schutzschild, der eher die Versatzstücke der Landes- und Bundespolitik aneinander hängt.

Da hat sich einer seit Wochen eingearbeitet. Aber überzeugend oder leidenschaftlich klingt das nicht. Die Emotionen sind bislang auf der Strecke geblieben. Bis zum CDU-Parteitag in 14 Tagen will Althaus sich überall zurückmelden. Es wirkt wie ein letzter Test. Aber wie einer, dessen Ergebnis feststeht. Weil er unbedingt will. Und die CDU nicht anders kann.

Hier geht es zur Infostrecke: Dieter Althaus: Vom Unfall bis zur Rückkehr