Die WHO hat Impfgegnern den Kampf angesagt

Analyse : Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen, schaden uns allen

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat mangelnde Impfbereitschaft zu den gegenwärtig größten Gesundheitsrisiken erklärt. Ein großes Problem ist der vergebliche Versuch, Masern auszurotten.

Heute sprechen wir über das Impfen, doch zunächst stellen wir uns einen Krankenwagen vor. In den allermeisten Fällen leistet er Gutes, er kutschiert Leidende und rettet Leben. Doch selbst der umsichtigste Fahrer kann es nicht verhindern, dass er in Verkehrsunfälle gerät. Der Verkehr selbst stellt ja ein Gefahrenrisiko dar, dem auch Autos mit Sonderrechten unterworfen sind. Krankenwagen machen überdies Lärm, schleudern Abgase in die Luft und kosten viel Geld. Manchmal kommt auch fälschlich der kleine Krankenwagen, obwohl der Notarzt eigentlich ein „Intensiv-Mobil“ bräuchte. Oder der Krankenwagen fährt nicht ins beste, sondern nur in das nächste Hospital. Wollen wir deshalb generell auf Krankenwagen verzichten? Nein.

Impfungen sind wie Krankenwagen. Vielen Menschen ersparen sie großes Leid, oft auch den Tod. Aber es gibt Leute, die gelegentliche Impfunfälle, Nebenwirkungen oder auch das Ausbleiben von Wirkung generalisieren und kategorisch vom Impfen abraten – aus der Vermutung heraus, dass der Körper schon selbst mit den Viren zurechtkomme. Oder sie glauben, dass die Konfrontation mit einem abgeschwächten oder gar abgetöteten Virus immer noch eine Gefahr an sich darstelle.

Jetzt hat die Weltgesundheitsorganisation WHO ein Machtwort gesprochen: Sie hat mangelnde Impfbereitschaft zu den gegenwärtig größten Gesundheitsrisiken der Welt erklärt. Restriktives Verhalten drohe die Fortschritte bei der Bekämpfung von Krankheiten zunichte zu machen, die durch Impfen vermeidbar sind. Die Verbesserung der Impfbereitschaft gehört deshalb laut WHO zu den vorrangigen Zielen für die kommenden Jahre. Ob die drakonische Ansprache ein Publikum findet? Impfen ist ein Thema, bei dem die unmittelbare Mitwirkung jedes Einzelnen gefragt ist, sofern keine Impfpflicht besteht.

Impfungen verhindern laut WHO jährlich zwei bis drei Millionen Todesfälle. Weitere 1,5 Millionen Menschen könnten gerettet werden, wenn weltweit mehr Menschen geimpft würden. Die Gründe für die Impfmüdigkeit sind vielfältig. Welche Folgen das hat, zeigt das Beispiel Masern: Weltweit ist laut WHO die Zahl der Fälle im Jahr 2017 um 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Auch in einigen Ländern, die bereits kurz vor der Ausrottung der Krankheit gestanden hätten, gebe es wieder mehr Fälle.

Zu einem Anstieg der Zahl der Masern-Fälle kam es zuletzt auch in Europa: Dort seien im Jahr 2017 genau 23.927 Menschen erkrankt – im Jahr zuvor waren es nur 5273. Auch in Deutschland gibt es immer wieder Ausbrüche. Von ihrem Ziel, die Masern bis 2020 auszurotten, ist die WHO derzeit so weit entfernt wie nie.

Eigentlich ist das Masern-Virus ein Hänfling. Auf Desinfektionsmittel reagiert es sofort. Aber die Zeit seiner Aktivität nutzt es wie ein Berserker. Von allen Keimen besitzt das Masernvirus den höchsten Ansteckungsindex: Von 100 nicht geimpften Leuten, die ein Masernkranker anhustet, infizieren sich 95. Beim Streptokokken-Typ, der Scharlach auslöst, liegt der Index bei 50, bei Röteln beträgt er 15. Selbst wer aus dem Kindesalter heraus ist, kann dennoch eine tickende Zeitbombe sein. Ein ungeimpfter Erwachsener kann auch Säuglinge gefährden, wie das etwa bei Keuchhusten der Fall ist.

Das Desinteresse an Impfungen wird dadurch begünstigt, dass die meisten infizierten Kinder die Krankheit mit ihren typischen Symptomen ohne Komplikation durchlaufen – zuerst melden sich die Zeichen eines grippalen Infekts, danach tritt der typische Ausschlag auf. Ein Teil aber entwickelt eine Bronchitis, eine Entzündung der Lunge oder des Gehirns. Im schlimmsten Fall kommt es zur „subakuten sklerosierenden Pan­enzephalitis“ (SSPE), einer fulminanten Komplikation im zentralen Nervensystem. Man rechnet zehn SSPE-Fälle auf 100.000 Masern-Infektionen; fast immer verlaufen sie tödlich. Bei deren Behandlung können die Kosten ein siebenstelliges Niveau erreichen.

In den USA liegen die Infektionszahlen dank konsequenter Impfprogramme unter der Nachweisgrenze. Beispielhaft funktioniert dort das System der Herdenimmunität. Das bedeutet: Menschen, die noch nicht geimpft sind oder deren Impfschutz nicht vollständig ist, werden durch die Geimpften in ihrer Umgebung geschützt. Masernausbrüche lassen sich verhindern, wenn 95 Prozent der Bevölkerung Immunität erworben haben – also vor allem geimpft sind. In den USA versteht keiner, wieso es in Deutschland bei Masern zwar eine Meldepflicht, aber keine Impfpflicht gibt.

Impfgegner monieren gern, dass Impfungen nie einen 100-prozentigen Schutz böten, aber nicht frei von Nebenwirkungen seien. Statistisch ist aber die Komplikationsrate vieler Infektionskrankheiten wie etwa Masern nach einem Ausbruch um ein Vielfaches höher als die Nebenwirkungsrate der Impfungen. Die Folgen der Leichtfertigkeit oder Müdigkeit beim Impfen wird man demnächst bei den gealterten Teilnehmern jener strafwürdigen „Masernpartys“ sehen, bei denen ungeimpfte auf masernkranke Kinder trafen. Für diese gefährlichen Trips in die Unkalkulierbarkeit der Biologie, bei denen eine Infektion angeblich die nützliche Reifung des Immunsystems einleitete, interessieren sich mittlerweile die Staatsanwälte. „Masernpartys“ waren keine Beiträge zur Gesundheitsvorsorge als vielmehr vorsätzliche Körperverletzung.

Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen, riskieren nicht nur deren Leben und das anderer Menschen, sondern schaden auch der Solidargemeinschaft. Vielleicht könnte man für diese Klientel die Krankenkassenbeiträge anpassen und aus den Erlösen die Behandlung von Infektionsopfern finanzieren. Das hätte Wirkung. Die letzte wirkungsvolle Maßnahme auf deutschem Boden in diese Richtung war übrigens die Einführung der Impfpflicht in der DDR.

Mehr von RP ONLINE