Säule der Gesellschaft: Die Wahrheit über die Mittelschicht

Säule der Gesellschaft : Die Wahrheit über die Mittelschicht

Düsseldorf (RP). Sie ist die breiteste Schicht, macht 61 Prozent der Bevölkerung aus, grenzt sich ab zur Ober- und Unterschicht durch Einkommen und Zugehörigkeitsgefühl. Drei Thesen zur Mittelschicht.

Seit Jahren fühlt sich die Mittelschicht als Lastesel der Nation. Immer stärker sieht sie sich bedroht. Bislang konnte sie sich wenigstens damit trösten, dass Forscher und Feuilletons sie bedauerten. "Die Ausplünderung der Mittelschicht", "Die Mittelschicht verliert", "Status-Panik in der Mittelschicht" lauten die Titel der einschlägigen Bestseller. Doch plötzlich tauchen Studien auf, die behaupten: "Unserer Mittelschicht geht es prächtig." Wer hat Recht? Ein paar Wahrheiten.

1. Die Mittelschicht verschwindet nicht

Anders, als manche Apokalyptiker meinen, ist die Mittelschicht weiter die tragende Säule der Gesellschaft. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung definiert als Mittelschicht all die Haushalte, die mehr als 70 Prozent, aber weniger als 150 Prozent des mittleren Einkommens haben. Das sind Singles mit einem monatlichen Nettoeinkommen zwischen 861 und 1844 Euro und vierköpfige Familien mit einem Einkommen zwischen 1979 und 4242 Euro.

Es stimmt zwar, dass der Anteil der Mittelschichts-Haushalte etwas gesunken ist: Vor zehn Jahren machte die Mittelschicht 66 Prozent aus, heute sind es 61 Prozent. Doch damit stellt die Mitte noch immer fast zwei Drittel der Bevölkerung.

Die Mittelschicht verschwindet auch nicht. Es ist nicht einmal die Gefahr gewachsen, aus der Mittelschicht abzusteigen. Sätze wie "Heute noch McKinsey, morgen schon McJobs" sind griffig, aber falsch. Seit Jahrzehnten ist der Anteil der Menschen, die aus der Mitte nach unten absteigen, konstant -- er liegt bei gut zehn Prozent, wie das sozio-ökonomische Panel zeigt. Daran haben auch die Hartz-Gesetze anderslautenden Gerüchten zum Trotz nichts geändert. Auch der Aufstieg nach oben ist so schwer oder leicht wie ehedem: Rund zehn Prozent der Mitte steigen regelmäßig in die Oberschicht auf.

Zum großen Problem ist dagegen der Aufstieg aus der Unterschicht geworden. Immer weniger schaffen es, den unteren Einkommensregionen zu entwachsen. Die Ursache dürfte darin liegen, dass mehr Arme als früher alleinerziehend sind oder einen ausländischen Hintergrund haben. Viele Alleinerziehende können nicht arbeiten, weil sie Kinder und Beruf nicht unter einen Hut bringen. Viele Ausländer und Migranten finden keine Arbeit, weil sie keine ausreichenden Schul- oder Berufsabschlüsse haben.

Bisweilen ist daran auch ein Mentalitätswechsel schuld. In der Hilfsarbeiterfamilie der 50er Jahre hieß es oft: "Meine Kinder sollen es einmal besser haben als ich." Genau diese Motivation haben viele in der Unterschicht nicht oder nicht mehr, meint der Historiker Paul Nolte. "Der fehlende Bildungsehrgeiz verfestigt das Leben in Hartz IV", so Nolte.


2. Die Mittelschicht ist der Zahlmeister der Nation

Einen wichtigen Teil der Mittelschicht stellen Arbeitnehmer. Ein Blick auf die monatliche Gehaltsrechnung zeigt ihnen, dass sie tatsächlich der Zahlmeister der Nation sind. Der Bau neuer Straßen, die Bezahlung der Ärzte oder die Finanzierung der Rentner -- dafür kommen besonders sozialversicherungspflichtig Beschäftigte auf.

Das Problem sind noch nicht einmal die Steuern. Hier werden auch "die Reichen" kräftig zur Kasse gebeten. Die obersten zehn Prozent der Steuerzahler zahlen 50 Prozent der Einkommensteuer. Die große Last sind die Sozialabgaben. Auf einen Euro Bruttolohn kommen schon jetzt über 40 Cent Sozialabgaben, die Arbeitnehmer und Arbeitgeber aufbringen müssen.

Daran ist zum Teil die falsch konstruierte deutsche Einheit schuld. Wir erinnern uns: Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl hatte die Finanzierung der ostdeutschen Renten nicht der breiten Masse der Steuerzahler aufgebürdet, sondern vor allem den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten.

Die Beitragsbemessungsgrenzen sorgen zudem dafür, dass die mittleren Arbeitnehmer relativ besonders belastet werden. Viele Ingenieure, angestellte Ärzte oder Kaufleute verdienen so viel, dass sie den Höchstbeitrag für die gesetzliche Kranken- und Rentenversicherung zahlen müssen. Aber sie verdienen nicht genug, als dass ihnen das egal wäre. Ein Beispiel macht das deutlich: Der Anteil, den ein Arbeitnehmer bei einem Jahresverdienst von 50 000 Euro für die Sozialversicherung aufbringen muss, entspricht 20 Prozent seines Einkommens. Bei einem Top-Angestellten, der 250 000 Euro verdient, sind es gerade mal vier Prozent.

Und die Beiträge steigen weiter -- allen Versprechungen von "Mehr Netto vom Brutto" zum Trotz. Denn in der alternden und schrumpfenden Gesellschaft müssen immer weniger Beschäftigte immer mehr Rentner und Kranke finanzieren. Hinzu kommt die Mutlosigkeit der Politik. Statt sinnvoll zu sparen, erhöht sie lieber die Beiträge, wie die Gesundheitsreform gezeigt hat.

3. Der Mittelschicht geht es besser, als sie denkt.

Ein Grund, nun in Selbstmitleid zu versinken, ist das alles nicht. Denn die Mittelschicht ist auch größter Nutznießer des Staates, den sie maßgeblich finanziert. Sie hat besonders viel von Subventionen für das Eigenheim, für Kultur und für Familien. Sie hat am meisten vom Elterngeld, denn das steigt mit dem Einkommen. Sie hat am meisten davon, wenn eine Stadt wie Düsseldorf die Kindergartengebühren auf null senkt. Die Armen mussten schon vorher keine Beiträge zahlen. Sie schickt ihre Kinder besonders gern in die Musikschulen, die oft zur Hälfte vom Staat subventioniert werden. Sie nutzt gern die Theater und Opern, deren Kosten zum großen Teil der Staat trägt. Hartz-IV-Empfänger dürften eher seltener Wert auf Faust und musikalische Früherziehung legen.

Zudem besteht die Mittelschicht nicht nur aus Beschäftigten, sondern auch aus vielen Rentnern. Und der heutigen Rentnergeneration geht es so gut wie keiner zuvor. Wer in der chemischen Industrie oder bei Energiekonzernen gearbeitet hat, bekommt oft Betriebsrenten, die die gesetzliche Rente mehr als verdoppeln. Früher hieß Alter oft Armut, heute heißt Alter oft Wohlstand.

Das Statistische Bundesamt hat in einer Studie einmal alle staatlichen Transfers addiert -- und auch die Renten dazugenommen. Das kann man tun, denn die deutsche Rentenversicherung ist als Umlageverfahren organisiert und nicht als individueller Sparstrumpf. Heißt: Die Renten von heute werden aus den Beiträgen der Arbeitnehmer von heute finanziert. Bei dieser Betrachtung kommt man zu dem überraschenden Schluss, dass die Mittelschicht im Durchschnitt sogar mehr Geld vom Staat (inklusive der Sozialversicherung) erhält, als sie an ihn abführt: Sie bekommt im Schnitt (über alle Arbeitnehmer, Unternehmer, Beamte und Rentner gerechnet) 917 Euro monatlich an staatlichen Transfers, führt aber nur 801 Euro an Steuern und Abgaben ab.

Was lernen wir daraus?

Zum Beispiel dies: Wer dauerhaft etwas für die Mitte der Gesellschaft tun will, sollte auf teure Wahlgeschenke wie das Elterngeld verzichten. Diese bezahlt die Mittelschicht am Ende sowieso selbst, getreu der Devise: "Was der Staat ihr in die linke Tasche steckt, zieht er ihr aus der rechten wieder heraus."

Viel wichtiger ist es, das Gesundheitssystem endlich an die alternde Gesellschaft anzupassen und die Mittelschicht nicht mit immer höheren Abgaben zu belasten. Und Politik muss dafür sorgen, dass die Mittelschicht Zufluss von außen erhält -- auch, weil sie selbst zu wenig Kinder bekommt. Eine gezielte Einwanderungspolitik und bessere Aufstiegschancen für Begabte aus der Unterschicht tun not.

Für Endzeitstimmung gibt es jedenfalls keinen Grund: Die Mittelschicht, sagt Historiker Nolte, hat sich noch immer wieder selbst neu erfunden.

(RP)
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