Dokumentation „Die Unbeugsamen 2“ „Die Gleichberechtigung war das Beste an der DDR“

Berlin · Im Dokumentarfilm „Die Unbeugsamen 2“ erzählen Frauen aus der DDR ihre Geschichte von einem Leben zwischen formaler Gleichberechtigung und alltäglicher Geringschätzung.

 Annette Leo spricht in „Die Unbeugsamen 2 - Guten Morgen, Ihre Schönen!“ über die Gleichberechtigung in der DDR.

Annette Leo spricht in „Die Unbeugsamen 2 - Guten Morgen, Ihre Schönen!“ über die Gleichberechtigung in der DDR.

Foto: Majestic / Anne Misselwitz –Publizistin

Der Mann, der den Fahrstuhl an diesem Tag bestieg, ging wohl mit etwas weniger guter Laune wieder heraus. Einige Frauen warteten darin auf ihn, mäkelten an ihm herum und bewerteten seine Klamotten, sein Aussehen. Mit „hochrotem Kopf“, so heißt es, sei er ausgestiegen.

Die Szene trug sich vor Jahrzehnten zu, in einem Fahrstuhl irgendwo in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). In die Gegenwart geholt wird sie von Annette Leo, einer der Protagonistinnen des neuen Dokumentarfilms von Torsten Körner mit dem Titel „Die Unbeugsamen 2 – Guten Morgen, ihr Schönen!“, der am 29. August in die Kinos kommt.

Im ersten Teil hatte Regisseur Körner ein Porträt von Politikerinnen in der Bonner Republik geschaffen, das sie vor allem selbst gestalteten, weil sie als alleinige Erzählerinnen in dem Film auftraten, unterbrochen nur von historischen Aufnahmen. Die teilweise unverhohlene Miss- bis Verachtung, die männliche Politiker ihren weiblichen Kolleginnen entgegenbrachten, empörte die Zuschauer – und die gezeigte Durchsetzungsfähigkeit der Politikerinnen begeisterte sie. Die Dokumentation lockte nach Produzentenangaben mehr als 200.000 in die Kinos.

Im zweiten Teil richtet Körner den Blick auf Frauen in der DDR – jenen Staat, in dem die Gleichberechtigung früher als in der BRD gesetzlich angeordnet wurde; Frauen im Erbe von kommunistischen Politikerinnen wie Clara Zetkin und Alexandra Kollontai in Beruf und Studium gefördert wurden – zumindest auf dem Papier. Auch in diesem Film behalten die Frauen die Hoheit über ihr eigene Geschichte, erzählen Anekdoten und berichten von Erlebnissen, deren Schilderung historische Daten für die Nachgeborenen greifbarer machen. Die von Annette Leo beschriebene Fahrstuhlszene ist eine der amüsanteren. „Wir müssen die Männer mal so anmachen, wie die Frauen immer angemacht werden“, so hätten sie und ihre Kolleginnen es sich gedacht. Dass der Kollege, ein „Zufallsopfer“, so schnell aus dem Konzept gebracht wurde, damit hätten sie nicht gerechnet.

Die „unbeugsame“ Leo ist promovierte Historikerin und Autorin. Sie wurde in Düsseldorf geboren, im Kindesalter zog ihre Familie nach Berlin, in die DDR. Ihr Vater, der in der französischen „Résistance“ gegen die Nazis gekämpft hatte, tat das aus Überzeugung. „Ich bin in einer kommunistischen Familie aufgewachsen“, erzählt Leo bei einem Gespräch in der Hauptstadt. Trotz zahlreicher ideologischer Vorbilder sei das Thema Gleichberechtigung in ihrer Familie nicht vorgekommen. „Eigentlich war das überhaupt kein Thema, es war irgendwie selbstverständlich, dass wir Töchter Abitur machen und studieren können“ so Leo. In den Alltag übertrug sich das Selbstverständliche nicht unbedingt. „In unserer Familie war die alte Arbeitsteilung noch total präsent“, erinnert sie sich. „Unsere Mutter blieb als Hausfrau zu Hause und hat immer nur stundenweise gearbeitet, wenn sie das mit dem Haushalt und der Kindererziehung in Einklang bringen konnte.“

Leos früherer Partner, sagt sie, sei „ein echter gleichberechtigter Mann“ gewesen. „Wir haben uns die Kindererziehung geteilt. Und Hausarbeit hat er mehr gemacht als ich, weil ich daran nicht so furchtbar interessiert war,“ so Leo. Doch auch in der DDR sei das eine Ausnahme gewesen. Die im Vergleich zur BRD progressive Frauenpolitik im sozialistischen Bruderstaat von den Gesetzbüchern ins Alltagsverhalten zu übertragen und in den Köpfern der Männer festzusetzen, gestaltete sich schwierig – das ist die zentrale Erkenntnis des Dokumentarfilms.

Eine große, möglicherweise unbeabsichtigte Errungenschaft der formalen Gleichberechtigung jedoch ist für Leo offenkundig: das gesteigerte Selbstbewusstsein der Frauen. „Die Möglichkeiten, die Frauen hatten, sich in der Arbeitswelt zu beweisen, sogar in gewisse Positionen aufzusteigen oder zu studieren: Das hat schon eine Wirkung auf die Gesellschaft gehabt“, sagt Leo. Diese sei „plötzlich mit ganz anderen Frauen“ konfrontiert gewesen, „die sich nicht mehr alles gefallen ließen“. Denn mit der Berufstätigkeit sei auch die finanzielle Unabhängigkeit einhergegangen. „Oftmals führte das dann nicht zu Veränderungen, aber zu ganz vielen Scheidungen“, sagt Leo mit einem Lachen.

So oder so, für die Berlinerin bleibt die formale Gleichberechtigung „wahrscheinlich das Beste an der DDR. Etwas, das wirklich geblieben ist und fortwirkt.“ Es werde viel über das gesprochen, was mit der Wende zerstört wurde. „Aber was nicht zerstört werden konnte, war dieses Selbstbewusstsein der Frauen. Das hat eine ganze Generation von Frauen und ihren Kindern in hohem Maße geprägt“, ist Leo überzeugt.

Dass die Protagonistinnen von „Die Unbeugsamen 2“ ihre Geschichte erneut unkommentiert selbst erzählen können, ist die Stärke des Films und macht ihn so aufschlussreich und sehenswert wie seinen Vorgänger.