Die SPD-Bastion Bremen bröckelt

Wahl in Bremen : Carsten oder Carsten?

Bremen bröckelt. Wenn die letzte stabile SPD-Bastion bei der Wahl im Mai verloren geht, könnte das die große Koalition im Bund mehr erschüttern als die Europawahl.

Carsten oder Carsten? Sieling oder Meyer-Heder? SPD oder CDU? Die Bürgerschaftswahl in Bremen, im kleinsten Bundesland der Republik, entwickelt sich nach und nach zu einer Wegmarke, an der die große Koalition im Bund eher straucheln könnte als an der Europawahl.

Beide Wahlen sind am 26. Mai, bei der Wahl zum Europäischen Parlament preisen viele Politiker in Deutschland schon die eine oder andere Schlappe und einen Zulauf zu rechten Kräften ein. Aber ein Absturz der SPD in Bremen, wo seit 70 Jahren noch nie ein anderer Politiker als ein Sozialdemokrat regiert hat, würde die Bundespartei von Andrea Nahles nachhaltig erschüttern, prognostizieren zumindest Politiker von CDU und Grünen in Berlin. Die Gefahr für Bremens Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) sei jetzt groß, dass sich eine Wechselstimmung einstelle – gegen die letzte stabile SPD-Bastion der Republik. So wie es nach 16 Jahren Helmut Kohl auch geschehen sei. Für die große Koalition im Bund könnte das lange vor den Landtagswahlen im Osten zu einem Sprengsatz werden, heißt es.

Das Pikante daran ist obendrein, dass die CDU mit dem 57-jährigen Carsten Meyer-Heder einen Spitzenkandidaten aufgestellt hat, der in kaum einem anderen Bundesland bei den Christdemokraten akzeptiert worden wäre: im Herzen ein Hippie, konfessionslos, drei Kinder mit zwei Frauen und mit einer dritten Frau verheiratet, erst seit Kurzem Parteimitglied und so weiter. Seine Wahlkampagne, von einer Berliner Agentur entwickelt, ist in CDU-Orange gehalten, aber die Wahlkampfsprüche deuten erst einmal nicht auf die Partei der doch recht konservativen Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer hin. Dieser Slogan etwa: „Der Bauch muss dem Kopf öfter in den Arsch treten.“ In NRW schwer vorstellbar, in Bremen rüttelt der Polit-Novize damit derzeit an der Rathaustür.

Zu Zeiten eines CDU-Spitzenkandidaten wie Hartmut Perschau hätte es das an der Weser im Leben nicht gegeben. „Mehr CDU tut Bremen gut“ stand 1999 über Perschaus Konterfei, der mit Anzug und Krawatte und akkurat gekämmter Frisur auf dem Plakat abgebildet wurde. Auf Meyer-Heders Homepage sieht man den IT-Mann in früheren Jahren mit langen Haaren, langem Bart, Schlabberpulli und nackten Beinen. Mit ihm hat die Partei derzeit so große Chancen wie noch nie, im linken Bremen stärkste Kraft zu werden.

Am Donnerstagabend trafen die beiden Spitzenkandidaten zu ihrem ersten direkten Duell aufeinander. Die Spannung war vor allem deshalb groß, weil der 60-jährige Sieling bundesweit zwar kaum bekannt, aber im Gegensatz zu seinem Herausforderer ein erfahrener Politiker ist, geübt im Reden, gestählt durch Parteiarbeit. Carsten „Meyer-wer?“ wie sich der Softwareunternehmer als Reaktion auf Seitenhiebe im Wahlkampf ob seines geringen Bekanntheitsgrades in der Bremer Politik selbstironisch nennt, ist dagegen immer noch aufgeregt, wenn es auf die öffentliche Bühne geht. Er bekennt sich jedoch dazu – und gewinnt so gleich einmal Anerkennung für das Eingeständnis. Beim gemeinsamen Auftritt ging es viel um die Verkehrs-, die Bau- und Bildungspolitik. Schon zuvor hatte Meyer-Heder gescherzt: „Das Leben ist doch kein Bremer Abitur.“ Am Abend selbst hielt er sich unter anderem an diesen Wahlspruch: „Einfach machen kann alles einfach machen.“ Sieling verwies darauf, dass Bremen 2017 das wachstumsstärkste Bundesland gewesen sei. Im Anschluss an das Duell sagte Meyer-Heder, es sei natürlich noch schwierig, die Themen vernünftig rüberzubringen. Der „Weser-Kurier“ schreibt aber von einem Duell auf Augenhöhe. Zwei „ältere Männer“ hätten über ihr Leben und die Bremer Politik gesprochen – und zwar spannend.

Nach einer Umfrage von Infratest Dimap liegt die CDU derzeit bei 25 und die SPD bei 24 Prozent. Meyer-Heder weist darauf hin, dass solche Umfragen immer noch über das Festnetz-Telefon liefen. Seine Unterstützer hätten so etwas heute gar nicht mehr. IT-Leute kommunizierten über Smartphones. Demnach rechnet er sich noch wichtige Punkte mehr aus. Bei den Grünen im Bund, die lieber mal Schwarz-Grün oder Jamaika machen würden, wird aber bezweifelt, dass die Landesgrünen eine Koalition mit der CDU des Unternehmers eingehen wollten. Viel eher würden sie Rot-Rot-Grün beziehungsweise in Bremen Rot-Grün-Rot machen. Rot-Grün wäre nach jetzigem Stand der Umfragen abgewählt. Es könnte noch Jamaika geben. Oder doch vielleicht Schwarz-Rot. Carsten und Carsten?

(kd)
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