Die Patientenbeauftragte im Interview

Claudia Schmidtke im Interview : „Großes Informationsdefizit bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen“

Die Patientenbeauftragte der Bundesregierung über Wartezeiten, Kommunikationsprobleme mit Ärzten, den Einfluss der Pharmalobby und die organisierte Sterbehilfe.

Frau Schmidtke, noch immer erhalten Privatpatienten vor allem bei Fachärzten im Durchschnitt schneller einen Termin als Kassenpatienten. Muss das sein?

Schmidtke Das ist schon eine provokante Frage. Nein, wichtig ist natürlich, dass Patienten rechtzeitig behandelt werden – unabhängig davon, ob sie gesetzlich oder privat versichert sind. Aus Gesprächen mit Hausarztkollegen aus Schleswig-Holstein weiß ich, dass diese sich persönlich sehr dafür einsetzen, Patienten, die schnell einen Termin benötigen, auch einen zeitnahen Besuch beim Facharzt zu ermöglichen. Falls es erforderlich ist, telefoniert der Hausarzt mit einem Kollegen, um einen zeitnahen Termin zu vermitteln. Unabhängig davon, ob es sich um Privat- oder Kassenpatienten handelt. Dieses System, dass der Hausarzt eine Lotsenfunktion im Gesundheitswesen übernimmt, funktioniert auch heute noch weitgehend. Das ist ja das Gute. Andererseits muss ich auch sagen: Auf eine nicht zeitkritische Routineuntersuchung können Patienten auch einmal etwas länger warten. Wenn wir einen Wartungstermin für unser Auto brauchen, dann warten wir mitunter auch mal.

Wenn wir den Vergleich jetzt mal weiterspinnen, heißt das doch aber: Der Mercedes-Fahrer bekommt immer noch schneller einen Termin als der Fiat-Fahrer.

Schmidtke Grundsätzlich sind wir uns natürlich einig, dass alle Patienten schnell einen Termin bekommen müssen. Hierfür hat die Koalition mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz jüngst eine Vielzahl an Maßnahmen auf den Weg gebracht. Diese müssen wir nun auch wirken lassen.

Was halten Sie diesbezüglich von einer Vereinheitlichung der Honorare bei Privat- und Kassenpatienten?

Schmidtke Vereinheitlichung ist gut, ja. Sie könnte dabei helfen, dass alle Patienten gleich schnell einen Termin bekommen. Aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass die höheren Vergütungen für die Behandlung von Privatversicherten zu erheblichen Zusatzeinnahmen im Gesundheitswesen führen. Eine Angleichung muss daher gut durchdacht werden. Genau daran arbeitet gerade eine von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission, die prüft, ob und wie eine Angleichung ausgestaltet werden könnte. Die Ergebnisse sollen Ende dieses Jahres vorliegen.

Welche Zuschriften erreichen Sie als Patientenbeauftragte am häufigsten?

Schmidtke Das sind in erster Linie im Moment Klagen über Kommunikationsprobleme zwischen den Patienten und den Ärzten. Hinzu kommen nicht bewilligte Leistungen vonseiten der Krankenkassen. Wir müssen darauf schauen, dass die Kassen auch ihrer Pflicht nachkommen und keine Leistungen ablehnen, die den Patienten gesetzlich zustehen. Hier bedarf es noch mehr Transparenz und gegebenenfalls weiterer Regulierung.

Wie spiegeln Sie die Begehren der Patienten in den Bundestag?

Schmidtke Ich kann Ihnen da ein konkretes Beispiel nennen. Wir haben Anfang März eine Studie vorgestellt, die mein Vorgänger Karl-Josef Laumann noch in Auftrag gegeben hatte. Darin ging es um die Einführung sogenannter Patientenlotsen, die schwerkranken, multimorbiden Patienten dabei helfen, ihre Versorgung zu organisieren. Auf regionaler Ebene waren die ersten Testversuche mit den Lotsen schon positiv. Das Thema besprechen wir jetzt mit dem Gesundheitsministerium. Ist das eine sinnvolle Maßnahme? Bekommen wir die im Haushalt unter? Mein direkter Weg ist dann natürlich der Minister.

Sie persönlich setzen sich ja dafür ein, dass die Patientenlotsen ins Sozialgesetzbuch kommen und damit Kassenleistung werden. Bekommen Sie das denn durch?

Schmidtke Es ist ganz klar, dass dies ein teures Projekt ist. Wir müssen die Kosten und Nutzen sehr wohl abwägen. Insofern schaue ich natürlich genau darauf, welche ähnlichen Projekte derzeit schon vorhanden sind. Zum Beispiel kommen solche Lotsen auch schon vermehrt im Bereich der Krebserkrankungen zum Einsatz. Hier schaue ich mir dann an, wo es im Kleinen schon funktioniert und wie es im Großen anschließend funktionieren müsste. Wir dürfen aber nicht vergessen: Am Ende zahlt dafür die Allgemeinheit der Beitragszahler. Deshalb sollte der Nutzen klar sein.

Wie teuer wäre die bundesweite Einführung derartiger Lotsen?

Schmidtke Die Autoren der Studie rechnen mit Kosten von gut 600 Millionen Euro.

Aber wären die Lotsen nicht nur eine Symptomlinderung, ohne das grundsätzliche Problem, die Bürokratisierung unseres Gesundheitssystems, zu bekämpfen?

Schmidtke Das System ist komplex, ja. Und Sie haben Recht, die Patientenlotsen tragen zur Linderung bei. Ich kann Ihnen keinen einzelnen Vorschlag zur Lösung aller bestehenden Probleme präsentieren. Aber alle Gesetze oder Projekte, die wir anstoßen, sollen ja dazu beitragen, die Versorgung der Menschen zu verbessern.

Sie haben als Herzchirurgin gearbeitet. Auf welche Hürden sind Sie in Ihrer aktiven Zeit gestoßen?

Schmidtke Da gibt es einige. Ich habe den Beruf ja Jahrzehnte ausgeübt. Das fängt zum Beispiel damit an, dass einige Krankenhausverwaltungen den Ärzten vorschreiben wollen, welche Implantate von welcher Firma sie verwenden können und sie damit gegebenenfalls eingeschränkt sind in ihrer Freiheit, dem Patienten die bestmögliche Behandlung zu bieten. Von den Personalnotständen einmal ganz abgesehen. Auch die Dokumentation ist nicht zurückgegangen, sondern umfänglicher geworden. Da hilft die Digitalisierung bisher nur in geringem Maße. Was sie früher in der Klinik als schnelle Aktennotiz aufgeschrieben haben, müssen sie heute in mehrere Systeme eingeben. Aber auf der anderen Seite nutzen manchen Kliniken auch nicht die Mittel, die ihnen die Digitalisierung an die Hand gibt, etwa Apps, mit denen die Ärzte weiterhin schnelle Notizen machen können. Da gibt es noch einiges, das bewegt werden kann.

Wenn man sich einmal die Interessenverbände im Gesundheitswesen anschaut, dann fällt einem auf: Krankenhäuser, Ärzte und Pharmaunternehmen haben mächtige Lobbygruppen. Die am schwächsten vertretene Gruppe sind die Patienten. Warum?

Schmidtke Eigentlich glaube ich, dass die Patienten die größte Lobby von allen haben: Sie sind unsere Wähler. Und in mir finden sie auch noch jemanden, der sie unterstützt. Mein Credo als aktive Ärztin war immer: Der Kunde ist König. Und der Kunde ist in diesem Fall der Patient.

Aber es sind doch eher die großen Pharmaunternehmen, deren Lobbyisten im Bundestag ein und ausgehen, als beispielsweise der Allgemeine Patientenverband, der nur wenige Mitglieder zählt.

Schmidtke Also bei mir gehen sie nicht ein und aus. Als Ärztin, Abgeordnete und als Patientenbeauftragte sowieso schaue ich darauf, was dem Patienten am Ende hilft, egal welcher Lobbyverband da vor mir steht.

Das Bundesverfassungsgericht verhandelt derzeit über das Verbot der organisierten Sterbehilfe. Wie stehen Sie dem als Ärztin und wie als Patientenbeauftragte gegenüber?

Schmidtke Ich bin da tatsächlich ambivalent. Als Arzt lassen Sie einfach niemanden sterben. Andererseits sehe ich auch das Leid mancher Patienten, die dann gar nicht mehr können. Ein Beispiel: Ich hatte einen niederländischen Kollegen. In den Niederlanden ist Sterbehilfe erlaubt. Dieser Kollege bat eines Tages um einen Tag Sonderurlaub. Den bekomme man ja, wenn ein Familienmitglied stirbt. Ich dachte, es geht um eine Beerdigung, aber es war der Tag, an dem sein Großvater Sterbehilfe erhalten sollte. Da ging die ganze Familie hin. Da kommt man schon ins Nachdenken. Aus Patientensicht kann ich persönlich den Wunsch nach legaler Sterbehilfe nachvollziehen, wenn jemand unerträgliche Schmerzen leidet und keinen anderen Ausweg sieht.

Da denken Sie offensichtlich anders als Gesundheitsminister Jens Spahn. Er hat das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte angewiesen, keine Medikamente für Selbsttötungen mehr herauszugeben.

Schmidtke Exakt. Aber ich bin in der Sache wirklich zwiegespalten und mit meinem Entscheidungsprozess noch nicht am Ende. Zunächst erwarte ich mit Spannung die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes.

Welche persönlichen Ziele haben Sie sich für Ihr Amt als Patientenbeauftragte gesteckt?

Schmidtke Ich möchte die Kommunikation zwischen Arzt und Patient verbessern. Der Patient muss ausreichend informiert sein, insbesondere dann, wenn er schwer krank ist. Nur dann bekommen wir eine Kommunikation auf Augenhöhe. Wir haben in diesem Bereich ganz viel Nachholbedarf. Als Herzchirurgin ist für mich zudem der Fokus auf die Herz-Kreislauf-Erkrankungen besonders wichtig, denn die meisten Patienten sterben daran. Wir haben hier ein großes Informationsdefizit. Bisher lag der Fokus vor allem auf den Krebs-Erkrankungen. Das ist auch wichtig. Aber die Herz-Kreislauf-Erkrankungen fallen im Moment hinten runter, obwohl sie Volkskrankheit Nummer eins sind. Wir haben wohl alle jemanden in der Familie, der schon einmal Herzprobleme oder gar einen Infarkt hatte. Ein weiteres wichtiges Feld ist die Digitalisierung. Ich muss hier ganz besonders aufpassen, dass die Patienten auch ein Wort mitzureden haben. Denn ihnen soll das ja alles zugutekommen. Vor allem ältere Patienten dürfen durch die Digitalisierung keine Nachteile haben. Hier kommt dann zum Beispiel wieder der Patientenlotse ins Spiel.

Sie sprechen die Kommunikation zwischen Arzt und Patient an. Wie können wir die verbessern?

Schmidtke Beispielweise, indem wir die Ärzte im Rahmen ihres Studiums noch besser darauf vorbereiten, ihre Patienten als gleichberechtigte und mündige Gesprächspartner wahr- und ernst zu nehmen, auf ihre Fragen emphatisch einzugehen und die für den jeweiligen Fall relevanten Informationen auszutauschen. Ziel sollte es sein, den zukünftigen Ärzten bereits während des Studiums die kommunikativen Kompetenzen mit auf den Weg zu geben, ihre Patienten an den Entscheidungen über die eigene Gesundheit und Therapie angemessen zu beteiligen. Ich begrüße daher ausdrücklich, dass sowohl der Masterplan Medizinstudium 2020 als auch die Empfehlungen der begleitenden Expertenkommission eine Weiterentwicklung patientenbezogener Unterrichtsformate, insbesondere eine stärke Vermittlung der ärztliche Gesprächsführung, empfehlen, um die Arzt-Patienten-Kommunikation weiter zu verbessern. Gute Anregungen dafür gibt es bereits: Die Universität zu Lübeck setzt zum Beispiel im Rahmen des Medizinstudiums einen Lehrschwerpunkt im Bereich Kommunikation, um den angehenden Ärztinnen und Ärzte die notwenigen Kompetenzen für eine optimale ärztliche Gesprächsführung zu vermitteln.

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