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Spitzengenossen in Berlin begeistert: Die neue Seriosität des Sigmar Gabriel

Spitzengenossen in Berlin begeistert : Die neue Seriosität des Sigmar Gabriel

Zu den Tugenden von SPD-Parteichef Sigmar Gabriel gehört die Pünktlichkeit nicht. Umso geschmeichelter darf sich die Union fühlen, dass Gabriel gestern zur verabredeten Zeit um kurz vor zehn vor der bayerischen Landesvertretung in Berlin vorfährt. Nachdem er schnell noch ein paar Menschenrechts-Demonstranten begrüßt hat, kommt er gemessenen Schrittes auf den CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer zu, der schon seit Minuten im Anzug in der Kälte ausharrt, um den künftigen Koalitionspartner zu empfangen.

Die beiden, die schon zwischen 2005 und 2009 zusammen am Kabinettstisch einer großen Koalition saßen, sind per Du und begrüßen sich herzlich. "Seehofer hat uns oben links positioniert unter der Büste von Franz Josef Strauß", weiß Gabriel schon bei der Ankunft. Seehofer grinst. "Der hat halt einfach Sinn für Humor", meint Gabriel.

Wo ist der Gabriel, der bislang gegen die Union am liebsten mit dem rhetorischen Holzhammer vorgegangen ist? Der Gabriel, der jeden Gedankenblitz der Öffentlichkeit als neues politisches Konzept der SPD verkaufte? Der Gabriel, der bislang nicht wusste, wie man Diplomatie buchstabiert?

Seit der Bundestagswahl hat sich der Parteichef neu erfunden. Er meidet öffentliche Aufschläge, zeigt sich demütig gegenüber der eigenen Basis und fädelt mit viel Geschick das Regierungsbündnis für die kommenden Jahre ein. Die Genossen im Regierungsviertel grinsen, wenn sie auf den neuen Gabriel angesprochen werden. "Bisher hat er noch keine Fehler gemacht", sagt einer, der nicht zu seinen Freunden zählt. "Ich finde, er macht alles richtig", sagt eine Spitzengenossin.

Gabriel weiß, dass es nicht reicht, eine Mitgliederbefragung anzuschieben, um die Parteibasis mit der großen Koalition auszusöhnen. Daher ging er am vergangenen Wochenende einen Schritt weiter und machte die Genossen mit einem Detail der Wahrheit vertraut, das er bislang nicht offen ausgesprochen hatte. Es sei eine Illusion zu glauben, die Bundeskanzlerin würde in einem Koalitionsvertrag zu 100 Prozent das SPD-Programm unterschreiben, sagte er und warnte vor Prinzipienreiterei. Der Parteichef erklärte zudem, die SPD dürfe keinen "Schiss" davor haben, auch Abstriche zu machen. Beim linken Berliner Landesverband, vor dem Gabriel sprach, kam das nicht gut an.

In Nordrhein-Westfalen hört man solche Sätze auch nicht gerne. Doch die öffentlichen Skepsis-Bekundungen aus Düsseldorf zur großen Koalition sind verstummt. Die mächtige NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ist auf großkoalitionären Kurs eingeschwenkt. Damit ist für Gabriel die Gefahr gebannt, dass sich parteiintern jemand auf seine Kosten profilieren könnte. Kurz gesagt: Es ist ihm gelungen, seine Macht innerhalb der SPD zu festigen. Mit der Autorität der eigenen Person sichert er zugleich die Existenz der sich anbahnenden großen Koalition. 14 Tage vor einem SPD-Parteitag, der über den noch nicht fertiggestellten Koalitionsvertrag beraten wird, könnte eine offene parteiinterne Konfrontation alles zerstören. Diese Gefahr ist für den Augenblick gebannt.

Auch im Umgang mit Kanzlerin Angela Merkel hat sich Gabriel neue Manieren zugelegt. SMS-Mitteilungen aus dem Kanzleramt sticht er längst nicht mehr an die Öffentlichkeit durch. Er verkneift es sich auch, Anekdötchen vom Treffen der Parteichefs zu verbreiten. So baut man Vertrauen auf.

Was Gabriel mit dem neuen Vertrauen der Kanzlerin machen will, ist noch offen. Die in Berlin am heißesten gehandelte Variante ist die, dass er Vizekanzler wird und ein neu geschaffenes, mit zahlreichen Kompetenzen ausgestattetes Energieministerium übernimmt. Auch das Ressort Arbeit und Soziales sowie das Finanzministerium kommen für ihn infrage.

Eine weitere Variante für die Zukunft Gabriels lautet, dass er nicht ins Kabinett eintritt und vielmehr neben dem Parteivorsitz auch noch den Fraktionsvorsitz im Bundestag übernimmt. Der Vorteil wäre, dass er eben nicht in die Kabinettsdisziplin eingebunden und damit in seinem Handeln freier wäre.

(mar, qua)