Parteitag der Linken in Erfurt Janine Wissler und Martin Schirdewan als Vorsitzende gewählt

Update | Erfurt · Der Europaabgeordnete Martin Schirdewan ist neuer Vorsitzender der Linken. Er erhielt am Samstag auf dem Parteitag in Erfurt 61,3 Prozent der Stimmen. Schirdewan führt die Partei künftig zusammen mit Janine Wissler, die zuvor im Amt der Vorsitzenden bestätigt worden war. Wissler erhielt 57,5 Prozent der Stimmen.

 Janine Wissler nach ihrer Wiederwahl beim Bundesparteitag der Linken in der Messe Erfurt.

Janine Wissler nach ihrer Wiederwahl beim Bundesparteitag der Linken in der Messe Erfurt.

Foto: dpa/Martin Schutt

Neue Doppelspitze für die Linke: Janine Wissler und Martin Schirdewan sind am Samstag beim Bundesparteitag in Erfurt zu Parteivorsitzenden gewählt worden. Beide setzten sich im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit gegen mehrere Mitbewerber durch. Sie gelten als Realpolitiker, die gut miteinander auskommen. Sie sollen die Linke nach Wahlschlappen und Grabenkämpfen aus der Krise führen.

Die 41-jährige Hessin Wissler erhielt rund 57,5 Prozent der Stimmen, der Berliner Schirdewan 61,3 Prozent. Wissler hatte am Freitag mit einer kämpferischen Rede zu Parteitagsbeginn für sich geworben. Sie räumte Fehler ein und warb zugleich für einer Erneuerung der Partei. Damit konnte sie offenbar viele Delegierte überzeugen. Wissler steht erst seit Februar 2021 an der Spitze der Linken. Ihre Co-Vorsitzende Susanne-Hennig Wellsow war im April entnervt zurückgetreten.

Auf die zweite Position in der Doppelspitze wurde jetzt Schirdewan gewählt. Der 46-Jährige ist der Co-Fraktionsvorsitzende der Linken im Europaparlament. Er sagte in seiner Bewerbungsrede, er habe Erfahrung damit, „eine bunte Ansammlung von Linken zu lenken und zu führen“. Offiziell trat er für den Thüringer Landesverband an.

Der frühere Linke-Bundestagsfraktionschef Gregor Gysi verlangte auf dem Parteitag einen Neustart, damit die Linke 15 Jahre nach ihrer Gründung aus PDS und WASG nicht in die Bedeutungslosigkeit rutsche. Die Krise resultiere auch daraus, dass nicht mehr erkennbar sei, was Mehrheits- und was Minderheitsmeinung in der Linken sei. Er sprach von Denunziationen von Parteimitgliedern untereinander. „Das ist unerträglich.“

Der 74-Jährige appellierte an die Delegierten: „Hört auf mit dem ganzen kleinkarierten Mist in unserer Partei.“ Die Linke habe in der Gesellschaft einen Platz, der von keiner anderen Partei ersetzt werden könne. „Das Land braucht demokratische Sozialistinnen und Sozialisten.“

In Erfurt will die Linke auch ihre heftig umstrittene Haltung zu Russland und zu dessen Angriffskrieg in der Ukraine bestimmen.

Die letzten Monate waren für Janine Wissler „alles andere als einfach, für die Partei, auch für mich persönlich“. So sagte es die 41-Jährige vor ihrer Wiederwahl als Vorsitzende der Linken. Erst seit Februar 2021 hat die frühere Fraktionschefin im hessischen Landtag dieses Amt. Und seither ging für die Partei fast alles schief: bittere Niederlagen bei der Bundestagswahl sowie den Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, ein Sexismusskandal in der Partei, der Rücktritt ihrer Co-Vorsitzenden Susanne Hennig-Wellsow.

Trotzdem trat die Diplompolitologin aus Langen wieder an - auch wenn sie wackelte. Denn nach Belästigungsvorwürfen gegen einen Mann in ihrem Landesverband Hessen musste Wissler ihr Privatleben öffentlich machen - der Beschuldigte war früher ihr Lebensgefährte. Sie fühlt sich von ihm betrogen und weist jede Verantwortung für sein Handeln von sich. In ihrer Bewerbung lag auch ein „Jetzt erst recht“.

Wissler war seit 2004 bei der WASG (Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit), die sich 2007 mit der PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus) vereinigte. Seit 2021 sitzt Wissler für die Linke im Bundestag. Zuletzt warb sie für eine klare Verurteilung Russlands wegen des Ukraine-Kriegs. Die Linke sieht sie als „sozialistische Gerechtigkeitspartei“. „Ich bin mit vollem Herzen Parteivorsitzende, und ich bitte euch um euer Vertrauen“, sagte sie in ihrer Bewerbungsrede.

(felt/AFP)
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