Kolumne Berliner Republik : Die Lehren aus Chemnitz

Die politische Debatte beschränkte sich im Fall Chemnitz auf die Folgen des Primärereignisses. Wie konnte das passieren?

Der „Spiegel“ macht auf seinem aktuellen Titel mit einem Federstrich aus ganz Sachsen Naziland. „Sachsen“, steht da als fette Schlagzeile, und der Schriftzug wird im Verlauf des Wortes altertümlicher. Drunter: „Wenn Rechte nach der Macht greifen“.

Kleiner Gegencheck: Könnte man sich nach einem Vorgang wie in Chemnitz eine Schlagzeile vorstellen: „Flüchtlinge – wenn Messerstecher ein Land in Angst versetzen?“ Gott sei Dank nicht. Es gäbe mit Recht einen Aufschrei wegen unbotmäßiger Pauschalisierung, Erheben eines Generalverdachts und des Schürens von Ausländerfeindlichkeit. Was aber ist dann ebenso diese „Spiegel“-Zeile? Genau das. Pauschalisierend, einen Generalverdacht erhebend und ostfeindlich. Richtig ist, dass es im Osten des Landes ein reales Problem mit unverhohlenem Rechtsextremismus gibt.

Die Vorgänge von Chemnitz sollten dennoch im Zusammenhang gesehen werden, und die Relation der Beurteilung gewahrt bleiben. Nicht alle aufgewühlten Chemnitzer sollten zu Nazis erklärt werden. Dem Naziaufmarsch voran ging eine brutale Bluttat zweier tatverdächtiger Flüchtlinge an drei anderen Besuchern des Chemnitzer Stadtfestes. Das war das Primärereignis, die Demonstration und die Aufmärsche waren das Folgeereignis.

Eine regelrechte Erleichterung und eine große Leidenschaft waren in der politischen Debatte nach Chemnitz zu bemerken, sich auf das Folgeereignis stürzen zu können, um sich nicht so sehr mit dem Auslöser beschäftigen zu müssen. Wenn sich in den nächsten Wochen anhand weiter steigender Umfragewerte für die AfD jemand frage sollte: Wie konnte das passieren? Genauso so konnte das passieren. Muss das passieren.

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des „Cicero“ und schreibt regelmäßig an dieser Stelle im Rahmen einer Kooperation. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

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