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Nach Terrorakt von Berlin: Die Grenzen unserer offenen Gesellschaft

Nach Terrorakt von Berlin : Die Grenzen unserer offenen Gesellschaft

Nach dem Terrorakt von Berlin stellt sich diese Frage immer eindringlicher: Wie wollen und wie können wir zusammenleben? Manche meinen, man müsse die Freiheit etwas einschränken, um sie zu bewahren.

"Die Welt ist aus den Fugen. Nach Ansicht vieler Zeitgenossen trifft das in beiden Bedeutungen des Wortes zu: Ihre äußere Ordnung ist zerbrochen, ihre inneren Zusammenhänge verloren gegangen. Wir irren ziel- und orientierungslos umher, argumentieren für und wider."

Es sind düstere, fast apokalyptische Worte, mit denen einer der einflussreichsten Soziologen sein letztes Buch einleitet. Im vergangenen Jahr ist der vielfach dekorierte Harvard-Professor Ulrich Beck überraschend gestorben; nun ist das erschienen, woran er bis zuletzt geschrieben hat. Betrachtungen über den ständigen Wandel der Welt, ein Buch über uns, ein Buch über unsere Gesellschaft und das, was sie sich in den Tagen gesteigerter Verunsicherung fragt: Wie wollen und wie können wir künftig zusammenleben? Und vor dem Hintergrund der Flüchtlingsdebatte: Welches Land wollen wir sein?

Bislang hatten wir dazu zumindest ein Schlagwort parat, das ganz gut klang und ohne jede weitere Erklärung auszukommen schien - das von der offenen Gesellschaft. Doch eilig errichtete Betonsperren vor und ernsthaft bewaffnete Polizeipatrouillen auf Weihnachtsmärkten sind die Karikatur solcher liberalen Gesellschaftsformen. Unser nachvollziehbares Bedürfnis nach Sicherheit wächst und mit ihm die Bereitschaft, paradoxe Aussagen wie diese zu akzeptieren: Man muss die Freiheit jetzt einschränken, um sie auch künftig bewahren zu können. Und dabei geht es um mehr als den aktuellen Schutz der Weihnachtsmärkte. Der öffentliche Raum ist verdächtig, sogar lebensgefährlich geworden.

Permanenten Fortschritt durch permanenten Austausch

Solche innerstädtischen Beschränkungen unserer Bewegungsfreiheit sind die sichtbaren Symptome einer Gesellschaft, die misstrauisch gegen das propagierte Ideal der Offenheit ist. Aus diesem Spannungsfeld ist die Theorie der offenen Gesellschaft überhaupt erst hervorgegangen: "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" lautet der Titel des maßgeblichen Buches, das Karl Popper 1945 veröffentlichte. Darin hat er die Zeichen der Zeit - die er auch am eigenen Leib erfuhr - verarbeitet.

Der Wiener mit jüdischen Wurzeln rettete sein Leben vor den Nazis durch die Emigration und beschloss, dem Totalitarismus die Aufklärung entgegenzusetzen. Es sollte also keinen verbindlichen Heilsplan mehr für alle geben - wie in geschlossenen Gesellschaften - dafür aber einen Meinungsaustausch und intellektuelle Diskurse von allen. Endlich sollten die Menschen befreit werden von einer vormaligen Stammesordnung als Sinnbild für das Geschlossene und belohnt werden mit einer offenen Gesellschaft. Vom permanenten Austausch erhoffte sich Popper einen permanenten Fortschritt, der allen Freiheit und Wohlstand bescheren sollte. In der Demokratie als mögliche Staatsform sah der Philosoph zwar manche Fehlerquellen; die aber könnten mit der Zeit abgestellt werden.

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Natürlich ist Karl Poppers (1902-1994) offene Gesellschaft ambitioniert. Wahrscheinlich lauert in ihr sogar eine Überforderung vieler Menschen. Denn im Grunde genommen darf sie nicht zur Ruhe kommen. Der Kampf für die Freiheit ist ewig und endet nie. Das alles klingt gut und richtig, bleibt in seinen hohen Ansprüchen aber eine Kopfgeburt. Kritiker der offenen Gesellschaft hat es darum schon früh gegeben. Der Soziologe Ralf Dahrendorf (1929-2009) etwa attestierte einer Gesellschaft, die zum ständigen Wandel fähig sein muss, eine Art Wertevakuum. Was macht eine offene Gesellschaft aus, die die Metamorphose zum Prinzip erklärt und in der zwangsläufig Traditionen, Religionen, Bindungen und tradierte Bedeutungen keine größere Rolle spielen? Was bleibt dann, wenn am Ende vieles gleichgültig ist? An die Stelle einer alles beherrschenden Ideologie ist dann eine alles nivellierende Inhaltsleere getreten.

Wo liegen die Grenzen der Grenzen?

Die Zeiten haben sich gewandelt. Neue Fragen sind hinzugekommen - etwa: Welche Gesellschaftsform die beste sein könnte im Umgang mit Globalisierung, zunehmender Multikulturalität und der Integration von Flüchtlingen. Eine alte Frage ist geblieben: Wie es weitergeht mit der offenen Gesellschaft. Sind also Grenzen möglich, ohne unsere Lebensform nachhaltig zu diskreditieren? Und wenn ja: Wo liegen die Grenzen solcher Grenzen? Terrorakte und -bedrohungen sind keine guten Ratgeber. Sie verlangen stets unmittelbare Reaktionen und rauben die Zeit zur aktiven Gestaltung. Manchmal ist ihr Antrieb dann nicht kreativ, sondern bloß hysterisch.

Dabei sind Grenzen im weitesten Sinne für jeden von uns lebenswichtig. Sie zeigen uns, wo etwas beginnt und wo etwas endet. Sie schärfen also unsere Wahrnehmung, zeigen Konturen. Dabei geht es immer auch um die Beschaffenheit der Grenze: Ob sie unüberwindbar ist oder ob sie nachvollziehbare Regeln vorgibt; ob sie Absolutes im Sinn hat oder identitätsstiftend ist. Ob ihre Existenz nur der Angst oder der Souveränität geschuldet ist. Es geht künftig weniger darum, ob wir Grenzen brauchen, sondern vor allem darum, welche Art von Grenze es werden soll, weil auch sie Rückschlüsse auf unsere Werte zulässt. Dann können Grenzziehungen auch dazu dienen, eine Welt wieder in ihre Fugen zu rücken und ein Zusammenleben von Kulturen zu ermöglichen, die einander kaum mehr ausweichen können.

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(los)