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#aufschrei: Die FDP kokettiert mit dem neuen Ich

#aufschrei : Die FDP kokettiert mit dem neuen Ich

"Wozu noch FDP?" Seitdem der Absturz begann, taucht diese mitunter hämisch intonierte Frage immer wieder auf. Die Partei tat ihr Übriges und zerlegte sich selbst so gut es ging. Auch das neue Führungsduo schmiert in den Umfragen ab. Doch ausgerechnet in der #aufschrei-Debatte um Rainer Brüderle zeigen die Liberalen neuerdings Steher-Qualitäten.

Umfragen und die FDP sind ein Thema für sich. Spätestens seit der Niedersachsen-Wahl sind die Zahlen mit äußerster Vorsicht zu genießen. Zur Erinnerung: Drei bis vier Prozent wurden vorhergesagt. Fast zehn sind es geworden. Die Demoskopen hatten die strategische Intelligenz der CDU-nahen Wähler unterschätzt.

Nun legt der Deutschland-Trend der ARD neue Zahlen vor. Demnach hat Rainer Brüderle deutlich an Popularität eingebüßt. Grund dafür: die durch das Stern-Porträt "Der Herrenwitz" ausgelösten Sexismus-Vorwürfe, über die seit knapp einer Woche das halbe Land unter dem hashtag #aufschrei diskutiert.

Westerwelle mausert sich zum Vorbild

Nur noch 28 Prozent der Befragten zeigten mit Brüderles Arbeit zufrieden. Vor drei Wochen waren es noch 37 Prozent. Parteichef Philipp Rösler legte deutlich zu, steht mit 22 Prozent aber immer noch schlechter da.

Was macht die FDP da nur bloß falsch, mögen sich die letzten verbliebenen Sympathisanten fragen. Und ausgerechnet ein Blick auf den bald zwei Jahren aus dem Amt gemobbten Guido Westerwelle lenkt den Blick auf die Antwort.

Westerwelle nämlich findet sich inzwischen am anderen Ende der Skala wieder. Im Deutschland-Trend erzielte der Außenminister einen neuen Höchstwert von 46 Prozent Zustimmung — so viel wie noch nie seit seinem umjubelten Wahlerfolg bei der Bundestagswahl.

An guten Vorsätzen bestand kein Mangel

Wie er das geschafft hat, liegt auf der Hand. Westerwelle hat sich aus dem parteipolitischen Kleinklein herausgehalten, so wie es sich für einen Außenminister gehört. Stattdessen äußert er sich im zunehmend professioneller Diplomatie-Jargon zu internationalen Krisen, mahnt zur Zurückhaltung, warnt vor Flächenbrand, fordert demokratische Mitbestimmung ein.

Durch seine neu erworbene Verlässlichkeit hat Westerwelle sich Vertrauen in seine Person und seine Arbeit erarbeitet. Das, was die FDP sich ebenfalls ersehnt. Oft haben die Liberalen sich daher selbst beschworen, Zusammenhalt und Geschlossenheit gepredigt, sich versprochen, interne Konflikte zu begraben, um sie nur noch und ausschließlich hinter verschlossen Türen beizulegen.

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Ein Tag als möglicher Wendepunkt

Was daraus wurde, ist bekannt. Zuverlässig wie die Sonne am Morgen kündigte ein liberaler Politiker namens Niebel, Kubicki oder Hahn die jüngst beschworene Solidarität auf und schmiss dann doch lieber mit Dreck um sich.

Bis zu dem Tag, an dem der "Stern" seine Geschichte über den neuen Spitzenmann Rainer Brüderle veröffentlichte. Seitdem stehen die Liberalen wie ein Fels in der Brandung. Die Seximus-Vorwürfe gegen Brüderle geißeln sie als Unverschämtheit (Niebel), unfair (Westerwelle) oder politisch motivierte Kampagne (Kubicki). Selbst die unabhängig denkende Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger reiht sich und bittet darum, die Kirche im Dorf zu lassen.

Ohne es beabsichtigt zu haben, könnten die Liberalen nun ausgerechnet davon profitieren. Denn in der gewaltigen #aufschrei-Reaktion hat sich nicht nur gezeigt, dass sich viele Frauen endlich gegen überkommenes Macho-Verhalten zur Wehr setzen wollen. Sondern dass viele Männer wie auch Frauen die Diskussion inzwischen reichlich übertrieben, teils hysterisch finden.

"Ich flirte gerne"

Darauf deuten jedenfalls mehr und mehr Beiträge bei Facebook, Twitter oder auch den Medien hin "Wir sind nicht schwach", kommentiert etwa die Zeit-Journalistin Lisa Caspari und führt aus, wie sie sich erfolgreich von Männern distanzieren konnte, die ihr zu nahe kamen. Dass Frauen als willenlose Opfer dargestellt werden, stört sie ebenso wie die Vorstellung einer Sittenpolizei, die alles Sexualisierte verbietet.

So verrückt es auch klingt: Genau davon könnte alsbald die FDP profitieren. Die liberale Story-Line: Brüderle, das Opfer einer hoffnungslos überdrehten Hysterie, die FDP als bodenständiger Bewahrer einer Gesellschaft, in der Männer und Frauen nach wie vor selbstbestimmt miteinander reden dürfen.

"Ich flirte für mein Leben gern", ließ etwa Wolfgang Kubicki bei seinen zahlreichen Talkshow-Besuchen in dieser Woche Besuchen immer wieder wissen. Der Satz mute an wie ein neuer Wahlkampfslogan, unkte bereits Spiegel Online am Freitag.

(pst)