Wirtschaftsweiser Christoph Schmidt: "Die deutsche Zuwanderungspolitik war verheerend"

Wirtschaftsweiser Christoph Schmidt : "Die deutsche Zuwanderungspolitik war verheerend"

Düsseldorf (RP). Der Wirtschaftsweise Christoph Schmidt gibt der deutschen Politik Mitschuld an der schlechten Integration vieler Migranten. Seiner Meinung nach haben die konservativen Kräfte negiert, dass Deutschland ein Zuwandererland sei.

Sie sind Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) und forschen seit langem zu Migrationsfragen. Wie wichtig sind Migranten für ein (schrumpfendes) Land wie Deutschland unter ökonomischen Gesichtspunkten?

Schmidt In einer globalisierten Welt profitieren alle teilnehmenden Länder von der Freizügigkeit von Waren, Dienstleistungen und Produktionsfaktoren wie Arbeit und Kapital. Natürlich kommt es nicht zuletzt darauf an, wer kommt. Welche Wissensgesellschaft kann zukünftig noch auf die Anwerbung von Talenten aus der ganzen Welt verzichten? Hier gibt es einen harten internationalen Wettbewerb, bei dem sich andere Länder in Europa oder die USA freuen würden, wenn Deutschland weniger offen für Zuwanderung würde. Die Steuerung der künftigen Zuwanderung anhand eines Punktesystems, wie es Kanada erfolgreich praktiziert, könnte auch für uns ein sinnvoller Weg sein.

Was ist dran an Sarrazins These, dass Migranten dem Land weniger bringen, als sie kosten?

Schmidt Die immer wieder vorgebrachte These, die Konkurrenz durch Zuwanderer nähme Einheimischen ihre Jobs weg, ist nach den Erkenntnissen der Migrationsforschung grob falsch. Typischerweise überwiegen die ökonomischen Vorteile der Zuwanderung, es sei denn, ein Einwanderungsland macht viele Fehler. Deutschland hat beispielsweise jahrzehntelang bewusst gering qualifizierte Arbeitnehmer angeworben und sich dann um ihre Integration zu wenig gekümmert. Das macht sich nun zunehmend negativ bemerkbar, vor allem in Form einer unzureichenden Bildungsintegration der Zuwanderer der zweiten und dritten Generation. Darüber darf man aber nicht vergessen, welche großen Beiträge die Zuwanderer nach Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten zu unserer Wirtschaft geleistet haben. Eine Nettorechnung über geleistete Wertschöpfung und die Zu- und Abflüsse des Steuer-Transfer-Systems wird Deutschland nach wie vor als Gewinner der bislang erfolgten Zuwanderung ausweisen.

Warum sind viele Migranten in Deutschland unzureichend integriert, haben schlechtere Schulabschlüsse und höhere Arbeitslosigkeit?

Schmidt Hier müssten wir uns zunächst einmal an die eigene Nase fassen. Die deutsche Zuwanderungs- und Integrationspolitik der Vergangenheit war insgesamt gesehen verheerend. Die konservativen Kräfte haben jahrzehntelang das Offensichtliche negiert, nämlich dass Deutschland ein Zuwanderungsland ist. Daher war man der Überzeugung, keine gezielte Integrationspolitik zu benötigen, Deren Nicht-Existenz war dann für unsere jetzige Situation prägend. Und die progressiven gesellschaftlichen Kräfte wollten vermeiden sehen, dass Integrationsprobleme offen diskutiert und nicht zuletzt mit Forderungen an die Integrationswilligkeit geknüpft werden. Da sich diese Probleme über lange Zeit aufgebaut haben, wird es einen langen Atem benötigen, um sie erfolgreich anzugehen.

Wie kann man das ändern, welche Anreize und Förderungen müssten verbessert werden?

Schmidt Integration ist ein Prozess mit zwei Seiten, Toleranz und Aufnahmewilligkeit auf der einen und Toleranz und Integrationsbereitschaft auf der anderen Seite. "Respekt" erhält man in einer modernen Leistungsgesellschaft für seine Fähigkeiten, positive Beiträge zum gesellschaftlichen Vorankommen zu leisten, nicht aufgrund physischer Präsenz oder gar seiner Eigenschaft als Mann. Das wäre wohl die wichtigste Botschaft, die zumindest nachfolgenden Generationen der Zuwanderer aus archaischen Gesellschaften auf ihren Lebensweg mitgegeben werden muss, von der empfangenden Gesellschaft, aber auch von den eigenen Eltern. Verstärkte Bildungsinvestitionen und gezielte Sprachförderung sind immens wichtig, aber werden allein nicht ausreichen. Diese Unterrichtsangebote müssen auch wahrgenommen werden, zur Not mit einem gewissen Zwang.

Wie sieht Deutschlands Bevölkerung in 30, 40 Jahren aus?

Schmidt Auf jeden Fall werden wir deutlich altern, denn nicht nur die deutsche Bevölkerung, sondern auch die im jungen Erwachsenenalter zugewanderten Menschen werden die Altersstruktur dahingehend prägen. Ob wir erfolgreich den Weg gehen werden, eine bunte und vielfältige, aber dennoch gemeinsam gewachsene, kohärente Gesellschaft zu werden, hängt sehr von den integrationspolitischen Weichenstellungen ab, aber auch vom Willen zur Toleranz auf beiden Seiten des Problems.

Mehr von RP ONLINE