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Die Corona-Boxer - wie kam es zur Massen-Infektion?

Trainingslager in Österreich : Die Corona-Boxer

Fast alle Mitglieder des deutschen Nationalteams im Boxen sind bei ihrem Trainingslager in Österreich mit Covid-19 infiziert worden. Doch die Regierung kann „kein gravierendes Fehlverhalten“ erkennen. Dagegen kritisiert die Linke mangelndes Aufklärungsinteresse des zuständigen Innenministeriums.

Wenn ein Hygienekonzept angeblich zu hundert Prozent umgesetzt wurde und sich dann 26 von 27 Athletinnen und Athleten eines Nationalteams mit Covid-19 infizieren, muss etwas gründlich schief gelaufen sein. Deshalb kam es auch zu lauter Kritik aus dem Kreis der Boxerinnen und Boxer nach ihrem Trainingslager in Österreich im September vergangenen Jahres. Das zuständige Sportministerium lässt jedoch nach Einschätzung von Linken-Sportpolitiker André Hahn das nötige Aufklärungsinteresse vermissen. Und er wirft dem Ministerium von Horst Seehofer (CSU) vor, dem Boxsportverband (DBV) vorzeitig einen „Persilschein“ ausgestellt zu haben.

Auch in der jüngsten Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion kommt das Innenministerium zu dem Ergebnis, dass sie in der DBV-Entscheidung, das Trainingslager wie geplant in einem Hotel in Längenfeld zu veranstalten, „kein gravierendes Fehlverhalten des Verbandes erkennen“ könne. Sie verweist ausdrücklich darauf, dass es in dem Ort „zur fraglichen Zeit keine einzige Corona-Infektion gab“. Wenige Seiten weiter erklärt die Bundesregierung die Masseninfektion unter den Sportlern hingegen damit, dass sich die Pandemie im Jahresverlauf „weltweit sehr dynamisch ausbreitete“.

Die Athletinnen und Athleten waren jedenfalls aus allen Wolken gefallen, als sie bei ihrer Ankunft erfuhren, dass es in dem Hotel Corona-Fälle gegeben habe, wovon zuvor auch Angehörige von Schalke 04 betroffen waren. In Quarantäne befindliche Schalke-Spieler seien sogar im selben Flur wie die Boxer untergebracht gewesen. Und Kontakt mit anderen Hotelgästen habe es auch gegeben, etwa im Kraftraum oder im Wellnessbereich.

Vor diesem Hintergrund stellt sich nicht nur für Hahn die Frage, warum das Trainingslager nicht abgesagt oder von vornherein in einem Olympiastützpunkt geplant worden war. Zweifel ergeben sich auch aus der vorzeitigen Abreise eines Mannschaftsarztes, der im Kontakt mit den positiv getesteten Sportlern war und eigentlich auch in Quarantäne gehört hätte. Laut Bundesregierung hat sich der Verband inzwischen von ihm getrennt.

Die Boxerinnen und Boxer hatten in ihrer Mehrzahl nur leichte Verläufe, klagten über Halsschmerzen und Geschmacksverlust. Nach Darstellung der Bundesregierung seien sie „alle wieder gesund und uneingeschränkt leistungsfähig“, allerdings „bis auf eine Athletin“, zu der aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes keine weiteren Angaben gemacht werden dürften.

Aus Sicht von Hahn zeigt das Ministerium „kein ernsthaftes Interesse an einer wirklichen Aufklärung der Corona-Vorfälle“. Für ihn ist „empörend und bezeichnend“, dass sich das Ministerium mit wenigen schriftlichen Stellungnahmen zufrieden gegeben habe und es nicht für nötig gehalten habe, mit den betroffenen Sportlerinnen und Sportlern das direkte Gespräch zu suchen.

Der Fall ist im Übrigen auch für den Verband noch nicht abgeschlossen. Er will laut Regierung einen abschließenden Bericht Mitte März vorlegen; derzeit fehle noch die Einschätzung des Tiroler Gesundheitsamtes.