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Persönlichkeiten des Jahres Die Aussteigerin – Sahra Wagenknecht vor neuer Parteigründung

Analyse | Berlin · Die deutsche Parteienlandschaft steht 2024 möglicherweise vor großen Veränderungen. Die ehemalige Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht hat sich aufgemacht, um mit einer neuen Partei bei den kommenden Wahlen anzutreten. Über eine Frau, die es anderen nicht leicht macht.

Sahra Wagenknecht – ein Porträt in Bildern
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Das ist Sahra Wagenknecht

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Foto: dpa, skm jai

Jahresrückblicke sind in der Zeit vor Weihnachten im TV sehr angesagt. Einer der prominentesten ist der von Moderator Markus Lanz im ZDF. Politiker sind in diesem Jahr kaum vertreten, aber eine Frau ist vor Ort: Sahra Wagenknecht. Die Frau, die bereits 2023 die politische Landschaft verändert hat, hat für das nächste Jahr Großes vor.

Wagenknecht ist ein politisches Phänomen. Obwohl sie sehr häufig in Talkshows zu Gast ist, lässt sie wenig Persönliches erkennen. Die 54-Jährige hat durch ihren Schritt, die Linke zu verlassen, die eigene Fraktion im Bundestag aufgelöst. Künftig ist die Linksfraktion nur noch als Gruppe im Bundestag vertreten, ebenso wie Wagenknecht und ihre Anhänger. Ihrer Ex-Partei und vielen Mitarbeitern hat die ehemalige Fraktionschefin damit nachhaltig geschadet. Doch die Debatte in der eigenen Fraktion interessierte sie herzlich wenig, zumindest erweckt sie in der Öffentlichkeit diesen Eindruck.

Die Geschichte zwischen ihr und der Partei ist die einer langen Entfremdung, die Stück für Stück fortschritt. Schon während der Flüchtlingskrise 2015/2016 galt die Linken-Politikerin als Kritikerin einer Migrationspolitik, die vor allem auf offene Grenzen setzt. Schon damals offenbarte sie in Gesprächen, dass sie sich politisch in ihrer Partei nicht mehr heimisch fühle. Wagenknecht erwähnte auch immer mal wieder, dass sie eine neue Partei für wünschenswert und nötig halte. So warf sie ihrer Parteispitze vor, klassische linke Themen zu vernachlässigen: die Nöte der sogenannten kleinen Leute. In ihrem Buch „Die Selbstgerechten“ ging sie mit urbanen sogenannten Lifestyle-Linken hart ins Gericht. Bereits im Frühjahr 23 erklärte sie, sie werde nicht mehr für die Linke kandidieren. Daraufhin betonten die Vorsitzenden Janine Wissler und Martin Schirdewan für den Vorstand, die Zukunft der Linken sei eine ohne Wagenknecht. Sie sollten Recht behalten.

Die in Jena geborene Politikerin hat einen Vorteil: Sie ist sehr populär und kommt beim Publikum an. Sie ist häufig zu Gast in Talkshows, punktet mit rhetorischem Talent und Charisma. Stets makellos in Kostümen gekleidet, pflegt sie das Image der kühlen Intellektuellen, die einen vermeintlich unabhängigen Blick auf die Dinge hat. Ihr „Manifest für Frieden“, veröffentlicht mit der Frauenrechtlerin Alice Schwarzer zu Beginn des Jahres 2023, befeuerte die Debatte im Land über das „richtige“ oder „falsche“ Vorgehen mit Blick auf den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Ihrem Aufruf zur Demonstration „Aufstand für den Frieden“ am Brandenburger Tor folgten viele Menschen - auch aus dem anti-demokratischen Spektrum.

Dennoch zögerte sie den Schritt eines Ausstiegs lange hinaus. Erst Ende Oktober ging sie an die Öffentlichkeit, stellte ihr „Bündnis Sahra Wagenknecht“ in der Bundespressekonferenz vor. Bereits mit ihrer Sammlungsbewegung „Aufstehen“ hatte die damalige Linken-Fraktionschefin im Jahr 2018 für viel Aufregung gesorgt. Doch das Projekt scheiterte, Wagenknecht zog sich im Anschluss zurück. Im Jahr 2019 machte sie ein Burn-out öffentlich. „Zunächst war einfach die Kraft weg. Komplett. Ich war richtig down und hatte das sichere Gefühl: Du kannst so nicht weitermachen. Dann haben der Arzt und mein Mann gesagt: Jetzt ist Schluss. Ich war dann zwei Monate krankgeschrieben.“ Ihr Mann Oskar Lafontaine war ebenfalls ein politisches Schwergewicht: Erst bei der SPD dann bei der Linken. Er gebe ihr Halt, sagte sie mal.

Wie geht es nun weiter? Die künftige Partei will voraussichtlich mit 20 Kandidaten zur Europawahl im Juni 2024 antreten. Über die Kandidatenliste soll auf einem Gründungsparteitag am 27. Januar in Berlin abgestimmt werden.

Voraussichtlich werden alle Listenplätze mit externen Kandidaten besetzt oder solchen, die dann gerade Parteimitglieder geworden sind. Die neunköpfige Abgeordnetengruppe um Wagenknecht soll dagegen wohl komplett im Bundestag verbleiben. Demoskopen räumen einer Wagenknecht-Partei ein vergleichsweise hohes Potenzial ein, sie selbst ist regelmäßig im Ranking der beliebtesten Politiker auf einer der vorderen Plätze.

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Foto: dpa/Susan Walsh

Wagenknecht will, nachdem sie das zunächst dementierte, nun offenbar doch ihre neue Partei als Teil einer Doppelspitze führen. „Einer allein kann nicht alles machen. Dennoch überdenken wir die Frage des Vorsitzes noch einmal, da mich sehr viele dazu aufgefordert haben. Wahrscheinlich wird es eine Doppelspitze geben“, sagte sie jüngst. Sie kündigte weiter an, dass ihre neue Partei zu Beginn mehrere Hundert Mitglieder haben solle. Man werde aber nicht per Mausklick sofort aufgenommen, sondern man wolle neue Mitglieder vorher kennenlernen. „Junge Parteien ziehen leider auch schwierige Leute an. Deshalb müssen wir darauf achten, wer in die Partei kommt.“ Diese Bemerkung zielt darauf ab, dass ihrer neuen Partei immer wieder eine Nähe zur rechten AfD unterstellt wird, die sie jedoch stets vehement zurückweist. Nun, man wird sehen.

ARCHIV - 07.11.2019, Berlin: Sahra Wagenknecht, damals Fraktionsvorsitzende der Partei Die Linke, steht im Bundestag am Rande eines dpa-Interviews. (zu dpa «Bündnis Sahra Wagenknecht» präsentiert sich in Berlin») Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

ARCHIV - 07.11.2019, Berlin: Sahra Wagenknecht, damals Fraktionsvorsitzende der Partei Die Linke, steht im Bundestag am Rande eines dpa-Interviews. (zu dpa «Bündnis Sahra Wagenknecht» präsentiert sich in Berlin») Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Foto: dpa/Britta Pedersen

Und da ist auch noch die Sache mit dem Marketing: Ihre Partei werde nur bis zur kommenden Bundestagswahl ihren Namen tragen, betont die Gründerin. „Danach wird mein Name nicht mehr notwendig sein.“ In der Anfangsphase gehe es darum, den Wiedererkennungswert zu steigern. Wagenknecht fügte hinzu: „Ich brauche das nicht für mein Ego, dass eine Partei nach mir heißt.“ In ihrer ehemaligen Partei sehen das viele ganz anders.

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