Artur Sieg unterrichtet Deutsch als Fremdsprache „Es läuft einfach nicht ohne Migranten“

Interview | Düsseldorf · Warum scheitern so viele an den Sprachprüfungen im Integrationskurs? Artur Sieg unterrichtet Migranten und kennt die Gründe. Zu hohe Ansprüche seien nicht das Problem.

 Sprachkurs für Geflüchtete aus der Ukraine in Dortmund.

Sprachkurs für Geflüchtete aus der Ukraine in Dortmund.

Foto: dpa/Christoph Reichwein

Bei den Integrationskursen erreichen viele das Sprachlevel B1 nicht. Woran liegt das?

Sieg Deutschland verfolgt mit B1 ein hohes Ziel für die Integrationskurse. 57 Prozent der Absolventen haben das im vergangenen Jahr geschafft, 2022 waren es noch 67 Prozent. Immer, wenn eine größere Zahl Geflüchteter neu ins Land kommt, gehen die Quoten nach unten.

Warum?

Sieg Weil Sprachschüler mit einer Fluchterfahrung schwierigere Lernbedingungen haben: Traumatisierung, Stress, kein Geld für Laptops oder Wörterbücher, das macht sich bemerkbar. Wenn Menschen dann noch aus Ländern kommen, in denen sie nicht gelernt haben zu lernen, sich nie eine Fremdsprache über Unterricht mit Grammatik und Vokabeln aneignen mussten, wird es doppelt schwer. Man kann einen Schüler aus Syrien nicht mit einem aus Spanien oder Polen vergleichen. Die Lernvoraussetzungen sind völlig unterschiedlich.

Trotzdem sitzen sie in Deutschland in einer Klasse. Ist das gut?

Sieg Es gibt auf höheren Niveaus Extrakurse für Mediziner oder Ingenieure wegen der Fachsprache. Aber im Prinzip ist es gut, Menschen unterschiedlicher Bildungshintergründe, Akademiker und Lernungewohnte, am Anfang in einer Klasse zu haben. Das ergibt eine gute Dynamik. Die Leute lernen voneinander. Das ist ein sozialer Prozess. Trotzdem ist es sinnvoll, differenzierte Kurse anzubieten etwa für Leute, die erst alphabetisiert werden müssen und sogenannte Zweitschriftlerner-Kurse, für Personen, die schreiben können, aber in einer anderen Schrift. Leider gibt es das Angebot nicht flächendeckend: Nur 2,5 Prozent aller Menschen in Integrationskursen besuchen solche Angebote.

Sind deutsche Sprachkurse zu anspruchsvoll?

Sieg Es gibt generell eine Abnahme der Leistungen bei Schülerinnen und Schülern. Das zeigen ja auch die Pisa-Studien. Das ist ein generelles Problem und betrifft auch in Deutschland geborene Schüler, Studenten und Azubis. Darüber klagen ja alle. Warum sollte das Menschen mit viel schlechteren Lernvoraussetzungen nicht betreffen? Warum brechen so viele Studierende ihr Studium ab? Was kostet das den deutschen Staat? Die Frage stellt niemand.

Welche Gründe sehen sie für den allgemeinen Leistungsrückgang?

Sieg Digitalitis! Viele junge Leute sind nicht in der Lage, sich länger zu konzentrieren. Sie lesen wenig, rechnen nicht im Kopf, sondern tippen alles ins Handy. Das betrifft auch den Sprachunterricht. Natürlich kann man Hausaufgaben mit dem Google-Übersetzer oder künstlicher Intelligenz perfekt lösen, man lernt nur nichts. Wir verbieten das. Wir merken auch, wenn Hausaufgaben auf diese Art gelöst werden und geben sie zurück. Ich sage immer: Besser viele Fehler machen, aber eigene, damit man sich verbessern kann. Digitale Hilfsmittel sind aber natürlich verführerisch. Nach meiner persönlichen Meinung spielt auch eine zu liberale Pädagogik eine Rolle. Wir stellen nämlich fest, dass Migranten aus Ländern, wo es in der Bildung strenger zugeht, bessere Ergebnisse haben. Aber das ist nur mein Eindruck, Studien gibt es dazu nicht.

Erleben Sie in Ihren Sprachklassen auch Motivationsprobleme bei den Migranten?

Sieg Ja, aber selten. Die meisten Migranten wollen lernen. Natürlich hört man mal: Mein Mann oder meine Frau kann genug Deutsch, warum soll ich das noch lernen. Oder: Ich komme im Alltag auch mit Englisch zurecht, das genügt mir. Manchmal spielt auch die unklare Bleibeperspektive eine Rolle. Aber bei den meisten nicht. Die meisten versuchen durchzuhalten, auch wenn es auf den höheren Levels B2 oder C1 sehr anspruchsvoll wird.

Sollte der Staat mehr Druck machen?

Sieg Unsere Arbeit würde natürlich leichter, wenn die Jobcenter zum Beispiel stärker sanktionieren würden, wenn Leute nicht zum Unterricht erscheinen oder Hausaufgaben nicht machen. Aber man muss immer den ganzen Menschen sehen und kann nie wissen, was er erlebt hat. An meiner Schule gibt es eine sozialpädagogische Begleitung. Das ist sehr hilfreich, weil ich die Kollegin bitten kann, bestimmte Leute mal anzurufen und herauszufinden, was bei ihnen das Problem ist. Meistens haben Fehlstunden gute Gründe. Und wenn nicht, muss man Druck machen.

Ist das Ziel B1 für den Abschluss eines Integrationskurses zu hoch gesteckt?

Sieg Nein, für die Arbeitswelt, die auf die Menschen wartet, ist das das absolute Minimum. Für eine Ausbildung sogar zu wenig. Früher war die Prüfung sogar schwieriger. Als die Leistungsbilanz schlechter wurde, hat man die Hürden gesenkt. Das Bündnis DaF/DaZ-Lehrkräfte, in dem ich mich engagiere, fordert allerdings schon seit Jahren mehr Zeit. Statt der 600 Unterrichtsstunden – das sind nur fünf Monate, die heute zu B1 führen sollen, müsste es 800 oder 900 Stunden geben. Dann hätten auch die Schwächeren bessere Chancen. Wir fordern das nicht, damit es sich alle gemütlich machen können. Migranten haben nur so viele andere Probleme. Sie kommen aus anderen Klimazonen. Ihre Kinder sind oft krank und stecken die Erwachsenen an. Dann gibt es Fehlzeiten. Gut, dass es inzwischen wenigstens Online-Kurse gibt. Da ist die Anwesenheit meist sehr gut, daran sieht man, dass der Wille durchaus da ist, die Bedingungen bereiten die Probleme.

Wer durchfällt, darf Kurse doch wiederholen und das wird auch bezahlt?

Sieg Ja, sinnvoller wäre aber ein flexibles System. Dann würden schwache Schüler nicht im Eiltempo durch den Kurs geschickt, um am Ende durchzufallen. Besser wäre es, die Lehrkräfte könnten schon nach 100 Stunden sagen, der Schüler braucht mehr Zeit, der geht in einen langsameren Kurs – und geht dann erst zur Prüfung.

Lehrkräfte für Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache bekommen in den besser bezahlten Kursen des Bundesamtes für Migration 42 Euro pro Unterrichtsstunde. Ist das auch Teil des Problems?

Sieg 75 Prozent der Lehrkräfte in diesem Bereich sind Honorarkräfte, also Selbstständige. Das heißt, von diesem Honorar geht etwa die Hälfte an Sozialabgaben und Steuern. Außerdem müssen Lehrkräfte vor- und nacharbeiten und andere Aufgaben erfüllen, sodass eine Unterrichtsstunde eigentlich 70-90 Minuten Arbeit bedeutet. Wenn sie krank werden oder Urlaub machen oder es wochenlang keinen Kurs gibt, bekommen sie nichts. Lehrkräfte für Sprachkurse sind moderne Tagelöhner aus dem akademischen Prekariat. Selbst wenn sie Vollzeit arbeiten, verdienen sie netto nicht mehr als 2000 Euro im Monat. Das ist wenig für Menschen, die einen Hochschulabschluss und eine Qualifizierung vorweisen müssen. Festangestellte müssen 40 Unterrichtsstunden pro Woche leisten, das sind bis 60 Zeitstunden, wenn man seine Aufgabe gut machen will. Das ist sittenwidrig. Und sie bekommen nur etwa 3200 Euro brutto monatlich. Die Arbeitsbedingungen sind also schlecht, deswegen verlassen so viele Leute dieses Feld. In Deutschland gibt es 62.000 zugelassene Lehrkräfte für Integrationskurse, aber nicht mal 20.000 sind aktiv.

Der Bedarf an Lehrkräften in diesem Bereich schwankt nun mal mit der Zahl der Geflüchteten.

Sieg Ja, aber Migration ist inzwischen eine Daueraufgabe, deswegen brauchen wir auch dauerhafte Strukturen. Darum fordern wir auch höhere Qualitätsanforderungen. Der Staat hat gewisse Standards gesetzt, aber wenn es plötzlich mehr Bedarf gab, hat er sie ausgesetzt, dann durften plötzlich Leute unterrichten, die ein Jahr davor keine Chance gehabt hätten. Das ist der Aufgabe nicht angemessen. Das System ist unterfinanziert und muss reformiert werden. Zusammen mit anderen Bildungsverbänden haben wir deswegen vor einigen Monaten einen Offenen Brief, "Gesamtprogramm Sprache retten jetzt!", an die Bundesregierung geschickt.

Warum sind Sie mehr als 20 Jahre in diesem Beruf geblieben?

Sieg Weil ich ihn liebe. Und weil er so wichtig ist. Unser Land wird die Zukunft ohne Migranten nicht meistern. Wir werden älter, haben zu wenig Kinder. In so vielen Bereichen – an der Kasse, im Bus, Reinigungsgewerbe, Pflege, Hotel – sehen wir schon jetzt, dass da vor allem Migrantinnen und Migranten arbeiten. Ihnen Deutsch beizubringen, ist zu unserem eigenen Wohl. Es läuft einfach nicht ohne Migranten.

Artur Sieg ist Historiker, Slawist und Lehrer für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Er ist außerdem einer der Sprecher des Bündnis DaF/DaZ-Lehrkräfte, das sich unter anderem für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Lehrkräften in diesem Sektor einsetzt.

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