Deutschlandtag der Jungen Union: Mehr Friedrich Merz, weniger Jens Spahn

Deutschlandtag der Jungen Union : Mehr Merz und Söder, weniger Spahn

Die Junge Union verteilt beim Deutschlandtag ihre Sympathie für mögliche Kanzlerkandidaten mit Länge und Lautstärke des Beifalls. Merz und Söder werden bejubelt. Laschet wird mit „Armin, Armin“-Rufen begrüßt. Der Applaus für Spahn ist höflich. Parteichefin Kramp-Karrenbauer soll am Sonntag ausgebremst werden.

Jens Spahn sagt es, Markus Söder sagt es auch: Einmal JU immer JU. Wer quasi schon als Kind in die Nachwuchsorganisation von CDU und CSU eingetreten ist - die Altersuntergrenze liegt bei 14 Jahren - wird geprägt. Auch durch Machtfragen und Karrieredenken. Das hilft auf dem Weg zum Bundesminister, Parteichef oder Ministerpräsidenten. Aber schmerzen kann es auch. Die Delegierten beim Deutschlandtag in Saarbrücken bieten dafür Anschauungsunterricht. Daumen hoch oder Daumen runter, das geht hier ganz schnell. Auch für manchen Aufsteiger kann das bitter ausfallen. Sehr bitter.

CSU-Chef Söder formuliert es charmant. Er bleibe sein ganzes Leben JUler: „Ich habe da alles gelernt und alles erlebt.“ Auch Gesundheitsminister Jens Spahn macht eine neue Erfahrung. Der CDU-Mann, der sich wie kaum ein anderer für die Junge Union einsetzt, wird beim Schaulaufen der möglichen Kanzlerkandidaten, zu denen er gehört, am Samstag in Saarbrücken von den Delegierten sozusagen vernachlässigt. Die Sympathie wird hier in Länge und Lautstärke des Beifalls gemessen.

Beim Auftritt von Ex-Fraktionschef Friedrich Merz, der heute stellvertretender Vorsitzender des CDU-Wirtschaftsrates ist, bricht am Freitagabend Jubel im Saal aus. Dass er CDU-Generalsekretär und Ex-JU-Chef Paul Ziemiak als zu schwach abkanzelt, findet auch Beifall. Daumen runter. Aber Daumen wieder hoch, als Ziemiak am Samstag eine fulminante und berührende Rede über die Werte der CDU und seine Liebe zum Land hält. Keiner bekommt bis Samstagabend mehr Applaus als er. Aber er gehört ja nicht zur Riege der potenziellen Kanzlerkandidaten.

Merz war Annegret Kramp-Karrenbauer im Kampf um den Parteivorsitz im vorigen Dezember unterlegen. Jetzt läuft er sich wieder warm. Sein Auftritt vor der JU ist durchgeplant. Fünf Stunden sei er am Abend geblieben, berichten JUler nicht ohne Stolz. Und er habe sein eigenes Kamerateam mitgebracht. JU-Chef Tilman Kuban trinkt mit Merz noch direkt auf der Bühne ein Bier aus der Flasche. Merz habe das angeregt, heißt es. Nicht Kuban. Es sind schöne Bilder. Der 63-Jährige und die Jugend. Mit JU-Vorstandsmitglied Philipp Amthor, dem jungen Bundestagsabgeordneten, lässt sich Merz noch beim Stand der erzkonservativen WerteUnion ablichten.

Spahn, der vor einem Jahr auch gegen Kramp-Karrenbauer und Merz angetreten war, steht nach seiner sachlichen Rede zu den dringenden Notwendigkeiten im Gesundheitsbereich und einem Appell zum Zusammenhalt der Union in politisch aufgeheizten Zeiten allein auf der Bühne. Der Applaus wirkt gemessen an dem frenetischen Jubel beim Deutschlandtag vor einem Jahr in Kiel höflich. In der Aussprache wird genau eine Frage an ihn gestellt, dann ist keine Zeit mehr. Denn jetzt kommt Söder. Begleitet von Kuban.

Der bayerische Ministerpräsident hält eine kämpferische Rede. Er teilt gegen alle aus. Bürger, die ein Gespräch über die Zukunft führen wollten, könnten weder SPD, FDP oder Grüne - die AfD schon gar nicht - nach Hause einladen. „Unser Koalitionspartner will zurück in die Vergangenheit“, sagt er über die Bundes-SPD. „Die Grünen muss man sich leisten können“, ein Großteil der Deutschen könne das nicht. Und ein Teil der AfD-Funktionäre wolle in die 1930er Jahre zurück und zwischen dem Denken des Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke und Hitlers Schrift „Mein Kampf“ gebe es keinen ganz großen Unterschied, sagt Söder. Er wolle, dass am Tisch der Bürger CDU und CSU säßen. Sie seien die bürgerlichen Parteien. Söder bekommt auch viel Applaus. Aber nicht so viel wie Merz.

Zum Beschluss der Jungen Union vom Vorabend, beim Bundesparteitag der CDU im November die Urwahl der nächsten Kanzlerkandidatur zu fordern, schweigt er in seiner Rede. Aber ein Delegierter fragt in der anschließenden Aussprache danach. Das hätte sich Söder gern erspart. Er sagt: „Ich bin da sehr zurückhaltend.“ Und meint natürlich, dass er das für eine Schnapsidee hält.

Auf der einen Seite habe es „Charme“, Wettbewerb zu machen, antwortet er. Auf der anderen Seite würde es die Kandidaten von vornherein beschädigen, weil sie vielleicht nur alle um die 25 Prozent bekämen. Was dann? „Stichwahl!“, ruft einer. Findet Söder auch nicht besser. Vor allem sieht er den Einfluss seiner CSU beschränkt: „Sollen wir das abnicken oder so was?“ Er betont: „Meine Sorge ist, dass wir uns ein Bein stellen.“ Versuche der CDU in Baden-Württemberg, das einst schwarzes Stammland war und nun von einem Grünen-Ministerpräsidenten regiert wird, sprächen Bände. Es müsse ein Kandidat gefunden werden, der die breitest mögliche Zustimmung bei den Wählern bekomme. Es müsse ein Kandidat oder eine Kandidatin für die Bevölkerung aufgestellt werden - „und nicht für uns“.

Als der Saarländer und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier auf die Bühne geht, leeren sich die Reihen der JU in Saarbrücken. Altmaier ist ein Vertrauter von Kanzlerin Angela Merkel, von der sich die JU weit entfernt hat. Als Wirtschaftsminister finden sie ihn auch nicht so gut. Vielleicht finden sie es auch nicht so gut, dass Merkel inzwischen Spahns Leistungen im Kabinett würdigt. Spahn war immer ein Widersacher der Kanzlerin, ist als Gesundheitsminister aber dazu übergegangen, sein Ressort in Ordnung zu halten. Er hat mehr Projekte angeschoben und umgesetzt als die meisten anderen. Die JU ist aber weiter in Kampfesstimmung. Merkel tritt spätestens 2021 ab. Kramp-Karrenbauer will ihre Nachfolgerin als Kanzlerkandidatin werden. Dass die JU eine Urwahl fordert, ist eine Breitseite gegen sie, die als Parteichefin das erste Zugriffsrecht hat.

Altmaier verbreitet die gute Laune, zu der Spahn zuvor aufgerufen hatte. Es gebe so viel schlechte Laune in den Debatten, hatte Spahn beklagt und gemahnt: „Wir brauchen auch vor allem mehr Lust auf Zukunft.“ Altmaier ist oft zu Scherzen aufgelegt. Dies meint er allerdings ganz ernst: „Ich bin wahrscheinlich der einzige, der nicht Kanzlerkandidat werden möchte.“ Lachen muss er trotzdem.

Nach ihm kommt NRW-Ministerpräsident Armin Laschet ans Mikro. Er besetzt alle aktuell wichtigen Themen von Klimaschutz bis Antisemitismus. Die Delegierten begrüßen und verabschieden ihn mit „Armin, Armin“-Rufen. Vom Hocker reißt er sie aber am ehesten mit diesem Satz über den SPD-Vize: „Wenn Ralf Stegner allen ernstes sagt: Die Vorliebe für Straßenpanzer gleicht der US-Liebe für Waffen - dann muss ich sagen: Der hat sie nicht mehr alle!"

Kramp-Karrenbauer tritt am Sonntag auf. Vom „Schaulaufen“ der Kanzlerkandidaten wollen sie alle nichts hören. Aber sie schauen genau hin, was bei den Konkurrenten so läuft.

(RP)
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