Rückstand bei Lebenserwartung wächst Warum bekommt Deutschland es nicht hin?

Analyse | Düsseldorf · Bei der Lebenserwartung fällt Deutschland hinter anderen Ländern Westeuropas weiter zurück, zeigt eine Vergleichsstudie. Das geht vor allem auf Erkrankungen im Alter zurück. Was das mit deutschen Debatten über Grillwürstchen und Lastenfahrräder zu tun hat.

Dorothee Krings
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 Zwei Senioren sitzen auf einer Bank im Grünen (Archiv).

Zwei Senioren sitzen auf einer Bank im Grünen (Archiv).

Foto: dpa/Sebastian Kahnert

Dieser Vergleich kann deprimieren: Menschen in Deutschland müssen im Schnitt mit einem kürzeren Leben rechnen als Bürger in anderen Ländern Westeuropas – und der Rückstand bei der Lebenserwartung wird immer größer. Das ist das Ergebnis einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) und des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung, bei der Sterblichkeitsentwicklungen über mehrere Jahrzehnte untersucht wurden. Auch in Deutschland steigt die Lebenserwartung zwar leicht, aber eben viel weniger als im Durchschnitt von Vergleichsstaaten wie Dänemark, Finnland, Frankreich, Portugal oder der Schweiz.

Vor rund 20 Jahren betrug der Abstand Deutschlands auf die durchschnittliche Lebenserwartung im Vergleich zum restlichen Westeuropa „nur“ rund 0,7 Jahre. Bis 2022 hat sich der Rückstand auf 1,7 Jahre vergrößert. Mit Beginn der 2000er Jahre habe die Dynamik eingesetzt, sagen die Studienautoren. Seitdem ist die Sterblichkeitslücke zwischen Deutschland und den anderen westeuropäischen Ländern stetig angewachsen.

Alter und Geschlecht fallen dabei ins Gewicht. Bis zum Alter von 50 Jahren schneidet Deutschland im Ländervergleich nicht schlechter ab, deutlich wird der Rückstand bei Älteren im Schnitt ab 65 Jahren. Dabei unterscheiden sich Männer und Frauen: Die höhere Sterblichkeit beginnt bei Frauen ab 75 Jahren, bei Männern ist die Gruppe zwischen 55 und 74 Jahren auffällig.

Handlungsbedarf scheint es besonders bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu geben. Internationale Vergleiche weisen laut Studie auf Aufholbedarf bei der Prävention und der Früherkennung dieser Erkrankungen hin. Ähnliches gilt für die Bereiche Tabak- und Alkoholprävention sowie gesunde Ernährung. Sebastian Klüsener, Forschungsdirektor am BIB, sieht in diesem Bereich „einiges Potenzial“, um Deutschland für den Alterungsprozess der Gesellschaft besser aufzustellen.

Deutschland hätte aufgrund seiner großen Wirtschaftskraft und eines gut ausgebauten Gesundheitssystems eigentlich beste Voraussetzungen für eine überdurchschnittlich starke Reduzierung der Sterblichkeit, schreiben die Autoren zu Beginn ihrer Studie. Warum die ausbleibt, ist noch unzulänglich erforscht. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Daten über die Todesursachen in Deutschland nur begrenzt ausgewertet werden dürfen. Die könnten aber detaillierter Aufschluss darüber geben, ob etwa Ernährungsgewohnheiten hierzulande die Menschen vor allem im Alter krank machen. Eine OECD-Studie aus dem vergangenen Jahr zeigt immerhin, dass in Deutschland ein vergleichsweise geringeres Angebot an Gemüse und Obst besteht und auch nur mäßig konsumiert wird. Allen Empfehlungen zum Trotz. Auch wird in der aktuellen Studie auf andere Untersuchungen verwiesen, wonach die Gesundheitspolitik in Deutschland im westeuropäischen Vergleich weniger entschieden gegen Alkobol- und Tabakkonsum sowie schlechte Ernährung vorgeht.

Dass die westeuropäischen Nachbarn die Lebenserwartung ihrer Bevölkerung schneller verbessern, ist womöglich also auch ein weiterer Beleg für Deutschlands Behäbigkeit, wenn es um den Wandel von Gewohnheiten und Lebensstil geht. Diskussionen über gesündere Essgewohnheiten – weniger Fleisch, mehr Gemüse – oder mehr Bewegung – weniger Auto, mehr Fahrrad – bis hin zu Kampagnen gegen Alkohol und Rauchen werden in Deutschland schnell als Verbotsdebatten abgetan. Oder es geht gleich noch grundsätzlicher um individuelle Freiheit und die vermeintliche Diskriminierung sozialer Gruppen. Das ist aber oft eine Frage des Tons. Menschen zu bevormunden, erzeugt nur Abwehr oder Ausflucht in Grundsatzdebatten. Wirkungsvoller ist es, konkret vor Augen zu führen, wozu ungesundes Verhalten führt: nicht nur zu einem kürzeren Leben – wie die aktuelle Studie zeigt, sondern auch zu einem belasteten Altwerden mit vielen Einschränkungen.

Der Blick über Landesgrenzen kann da hilfreich sein. Nicht nur, um sich gesunde Lebensweisen abzuschauen, die vielleicht sogar Genuss und Freude bereiten. Sondern auch, um kulturkämpferische Debatten hierzulande zu relativieren. Auch in anderen Ländern wird vor übermäßigem Fleischkonsum, Alkohol oder Zigaretten gewarnt. Es werden sogar Verbote ausgesprochen. Daraus muss nicht immer gleich ein Kulturkrieg zwischen Grill-Freunden und der Lastenfahrrad-Fraktion werden. Gesünder wär’s!

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