Deutschland befindet sich auf der Suche nach einer neuen Identität

Was Deutschland zusammenhält : Aufbruch zu einer neuen Identität

Deutschland hat sich in den vergangenen 50 Jahren stark gewandelt. In Zeiten hoher Zuwanderung und Globalisierung fragen sich viele, was das Land für seine Bewohner bedeutet. Ein neues Selbstverständnis ist gefragt.

Vor 50 Jahren war das Leben in Deutschland turbulent, aber die Menschen waren optimistisch. Nach den Zahlen des renommierten Instituts für Demoskopie in Allensbach überwogen bei 65 Prozent der Deutschen die Hoffnungen gegenüber den Befürchtungen, die nur zehn Prozent der Befragten hegten. Am Ende des vergangenen Jahres schauten lediglich 52 Prozent hoffnungsvoll in die Zukunft, während die Pessimisten und Skeptiker 37 Prozent der Bevölkerung ausmachten.

Was ist passiert in diesem halben Jahrhundert, dass trotz neuer sozialer und technischer Möglichkeiten der Missmut und die gefühlte Unsicherheit hierzulande so groß sind? Deutschland war 1968 ein Land, das den neu gewonnenen Wohlstand genoss. Die erste Wirtschaftskrise war überwunden, die Unternehmen führten in großem Stil automatische Massenfertigung und elektronische Datenverarbeitung ein. Fast jeder Haushalt hatte ein Auto, gut jeder dritte lebte in den eigenen vier Wänden. Kühlschrank, Waschmaschine und ein Jahresurlaub am Meer oder in den Bergen stellten den Standard dar.

Die überwiegende Mehrheit der Menschen gehörte einer der beiden großen Konfessionen an, Union und SPD verdienten voll und ganz den Namen Volksparteien, die FDP war das Zünglein an der Waage, wenn auch ausnahmsweise mal nicht an der Regierung.

Auf jeden Fall war die Bundesrepublik ein bürgerliches Land, in dem Einheitlichkeit und damit auch Zusammenhalt als selbstverständlich galt. Ob Kirche, Gewerkschaft, Partei, Verein oder Buchclub – einer der großen Richtungen im Land fühlte sich fast jeder Bürger verpflichtet. 1,21 Millionen Babys wurden geboren, ein bisschen weniger als im Rekordjahr 1964 (1,36 Millionen). Ehescheidungen waren verpönt. Von einigen Gastarbeitern abgesehen war die Bevölkerung seit Generationen deutsch geprägt.

Es war aber zugleich auch eine Gesellschaft im Aufbruch. Der erste SPD-Bundeskanzler Willy Brandt sprach nur ein Jahr später davon, „mehr Demokratie zu wagen“. Studenten stellten Autoritäten infrage, Frauen verlangten mehr Teilhabe im öffentlichen Leben und das Recht auf Abtreibung, Bürgerinitiativen sorgten sich um die Umwelt, und die Angst vor einem Atomkrieg führte in den 80er Jahren zu den größten Demonstrationen, die die Bundesrepublik je gesehen hatte.

Im Jahr 1990 kam unverhofft die deutsche Einheit hinzu, der Optimismus der Menschen kletterte auf einen bis heute unerreichten Rekordwert. „Wir Deutschen sind jetzt das glücklichste Volk auf der Welt“, skandierte Berlins Regierender Bürgermeister Walter Momper (SPD) am 10. November 1989 vor dem Schöneberger Rathaus. Und er traf den Nerv der Menschen.

Doch zugleich veränderte die Wiedervereinigung entscheidend das Bild der alten Bundesrepublik. Das Land bestand plötzlich aus zwei unterschiedlichen Mentalitäten. Und in den ersten Jahren der Einheit kamen als Folge des Zusammenbruchs des Kommunismus und des Krieges in Jugoslawien Hunderttausende an Flüchtlingen und Migranten ins Land. Die Deutschen waren sich ihrer Identität auf einmal nicht mehr sicher. Zudem wurde klar, dass viele der einstigen Gastarbeiter, vor allem aus der Türkei, gleichberechtigte Bürger des größeren Deutschlands werden wollten. Die Metropolen an Rhein, Main, Elbe und Spree bestanden plötzlich aus Menschen, die aus über 100 Ländern stammten.

Als dann seit September 2015 Hunderttausende Flüchtlinge infolge der Kriege im Nahen Osten ungehindert über die Grenzen einströmten, war es um das einheitliche Bild Deutschlands endgültig geschehen. Nach einem hoffnungsvollen Beginn, Stichwort Willkommenskultur, versank Deutschland trotz hervorragender wirtschaftlicher Daten in Selbstzweifel und Überfremdungsangst.

Was ist noch deutsch, was macht uns aus, was hält uns zusammen, fragten auch viele Gutmeinende. Die rechtspopulistische AfD schaffte es mit ausländerfeindlichen Parolen in den Bundestag und die Zustimmung zur Demokratie sank auf unter 70 Prozent.

Ist also der Glaube an gemeinsame Werte, Grundrechte oder die Teilhabe an demokratischen Entscheidungen nicht mehr das, was die knapp 83 Millionen Menschen zusammenhält, die hier leben? Die Antwort ist schwierig, denn viele fühlen sich fremd im eigenen Land, sehen Institutionen wie Kirchen, Gewerkschaften, Parteien, aber auch Polizei und Justiz auf dem Rückzug. Soziale Medien tun das Übrige dazu, dass Menschen sich in Parallelgesellschaften aufhalten, sich nicht mehr für das Gemeinwohl interessieren, jede Gruppe für sich lebt.

Ein neuer Aufbruch ist nötig – wie der von 1968. Und die Chancen sind nicht einmal schlecht. Zwar sind demokratische Neigungen im Osten und auch bei vielen Migranten nicht so ausgeprägt wie in Westdeutschland, doch insgesamt ist die Akzeptanz der durch das Grundgesetz geprägten demokratischen Ordnung weitgehend intakt.

Die Menschen, die jetzt hier wohnen, müssen einander verstehen, das Trennende und Einende benennen und die jeweilige andere Seite nicht überfordern, was Integration, Assimilation oder aber den Rückzug in die eigene Kultur betrifft.

Der Schlüssel zum neuen Aufbruch ist Bildung, bürgerliches Engagement, Bereitschaft, die Befindlichkeiten des anderen zu akzeptieren. Dann sind die Kräfte, die uns, die knapp 83 Millionen Menschen, zusammenhalten stärker als die Fliehkräfte.

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